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Fritz Steinhoff - Er kam aus dem Volke


Fritz Steinhoff ganz vergessen ?

Von Horst Kniese

Hagen. Der kleine Mann mit der spitzen Nase und mit dem spärlichem Haarschopf richtete sich auf, wenn die Situation es erforderte. Seine helle Stimme füllte den ganzen Saal, drang bis in den letzten Winkel. Das Ergebnis war jeweils heftiger Beifall oder betretenes Schweigen. Fritz Steinhoff hatte in der Sozialdemokratie kurz nach dem Kriege das uneingeschränkte „Sagen". Die schlagartige Argumentation hatte er schon in der Zeit vor den Nazis eingeübt, als er der Sekretär des SPD¬Unterbezirksvorsitzenden Walter Freitag, des späteren DGB¬-Vorsitzenden, war und als die Kommunisten die Sozialdemokratie und weniger die Nazis bekämpften. Er sah keinen anderen Ausweg als mit dem Zentrum und mit dem Oberbürgermeister Cuno Raabe (Zentrum) und dem Bürgermeister und Sozialdemokraten Gerhard Weisser eine stabile kommunale Koalition zustande zu bringen. Die hatte sogar in der Wirtschaftskrise von 1929 bemerkenswerten Erfolg.

Vielleicht ist dem neuen, frischen Oberbürgermeister Jörg Dehm (CDU), wohlmeinend oder aus taktischen Gründen, ein wichtiges geschichtliches Datum vorenthalten worden. Er hätte so bei seiner Amtseinführung am 22. Oktober in Lokalgeschichte schwelgen können. Seine Amtseinführung stimmte nämlich mit dem 40. Todestag von Fritz Steinhoff überein, dem wohl populärsten seiner Nachkriegsvorgänger. Der gehörte zwar der SPD an, aber er wird geschichtlich in Zusammenhang gebracht mit dem CDU-Mann Ewald Sasse, der stets mit ihm in einem Atemzug genannt wird. Da könnten sich die Parteien den geschichtlichen Glanz teilen. Die politisch pikante Duplizität der Daten der Stadtgeschichte ist bisher dem Publikum vorenthalten worden. Auch die Rundschau biss nicht an.

Es war im August 1958 bei einer der üblichen WR-Reportage-¬Rundfahrten mit Fotoreporter Hans Wehner: Wir wollten doch mal nachsehen, was Fritz Steinhoff nach seinem Ausscheiden als Ministerpräsident eigentlich macht. „Kommen Sie ruhig rein", sagte die wohlbekannte Stimme, „aber erst, wenn meine Frau mit der Wäsche fertig ist". Das Eigenheim „Auf dem Kämpchen" würde heute als schlicht bezeichnet werden, damals war es einigermaßen ansehnlich. Zuerst habe er nach der Übergabe der Amtsgeschäfte einmal die Hecke geschnitten. Die sei schon lange fällig gewesen. Er schaute sich ganz nebenbei den Finger an , den er sich dabei verletzt hatte. Er will sich nun verstärkt der Hagener Kommunalpolitik widmen, war das Hauptergebnis der Ermittlungen. Steinhoff war zuvor zweieinhalb Jahre erfolgreicher Ministerpräsident des Landes NRW gewesen: als Folge einer „Rebellion", die die „Jungtürken" in der FDP begonnen hatten, als Adenauer mit einem „Graben-Wahlrecht" drohte, das die kleinen Parteien benachteiligt hätte. Wahlen schufen damals klare Verhältnisse. Der rotgelbe „Spuk", wie sich das damals aus christdemokratischer Sicht ansah, war mit der absoluten Mehrheit der CDU beendet worden, obwohl die Sozialdemokraten damals 700 000 Stimmen hinzugewannen.

Dabei war das Klima unter den NRW-Parteien in jenen Jahren gar nicht so schlecht. Bei den Steinhoff-Geburtstagen jeweils am 23. November war CDU-Ministerpräsident Franz Meyers regelmäßiger Gast im Eigenheim. Zeitzeugen beobachteten, wie sich die Spitzenpolitiker der großen Parteien in intime Zwiegespräche vertieften. Meyers hatte ein Faible für den roten Oppositionsführer, der ein Prototyp der Sachlichkeit war. „Kontakt zu den Schwarzen" war für Fritz Steinhoff fast immer eine notwendige Nebengewohnheit. Den CDU-Nachbarn Paul Hecker in Ernst nahm er im NRW- Dienstwagen mit nach Hause. „Na, Langer, ich habe gerade die Urkunde zur Gründung des Ruhrbistums unterschrieben", teilte er ihm auf der Fahrt mit.

Nach dem Kriege waren Kontakte mit der neugegründeten CDU selbstverständlich und bildeten später die Grundlage des Wiederaufbaus in Hagen mit Fritz Steinhoff als Oberbürgermeister und Ewald Sasse (CDU) als Verwaltungschef, auch wenn sie sich in den im Rathaus auf gleicher Ebene liegenden Amtszimmern mitunter „gegenseitig anbölkten", wie Mitarbeiter flüsterten.
Beim Staatsakt für Fritz Steinhoff, der im Hagener Stadttheater von Ministerpräsident Heinz Kühn ausgerichtet wurde, war sein Gegenüber im Wiederaufbau, Ewald Sasse, ganz gerührt. Der frühe Tod mit 71 Jahren am 22. Oktober 1969 war für Fritz Steinhoff eine Erlösung. Ihn holten die gespenstischen Vorgänge seiner qualvollen Haft im KZ Sachsenhausen und im abschließenden Schreckensmarsch als Depressionen wieder ein. Bis in die letzten Stunden.

Wie keine andere Führungspersönlichkeit stammte Steinhoff aus der „Arbeiterklasse": Ackerknecht und Bergmann in Holzwickede, Heizer im Torpedoboot im Ersten Weltkrieg, Studium unter den Füssen von Prof. Theodor Heuss an der Frankfurter Akademie für Arbeit, Partnerschaft mit Walter Freitag, dem späteren DGB-Vorsitzenden, in dessen Wirkungskreis als Vorsitzender des SPD-Unterbezirks HagenlEnnepe¬Ruhr, er selbst war dessen Sekretär, haben ihn geprägt. Noch mehr die Leiden im Zuchthaus und in der KZ-Haft in Sachsenhausen.

Steinhoff und Sasse bildeten trotz lautstarker Auseinandersetzungen ideale Partner des Wiederaufbaus. Der Oberbürgermeister besorgte als zeitweiliger Wiederaufbauminister und auch als Oppositionsführer im Landtag die Mittel, Sasse sorgte für planerische Verwirklichung. Sie sind beide jeweilige oder gemeinsame Gedenkstunden wert. Trost für den neuen OB: Am 22. Mai 2010 ist des 40. Todestages von Ewald Sasse zu gedenken. Ein Pflichttermin für den neuen Oberbürgermeister. Da fällt dann auch ein Wort für Fritz Steinhoff ab. Der SPD täte eine Rückbesinnung auf die sozial engagierten Impulse gut. Zur Anmerkung: Dem Klückner-Hüttenwerk Haspe war er ein sozialer Aufsichtsratsvorsitzender ebenso der Elektromark.

Zeitweilig war er Herausgeber der Westfälischen Rundschau, die im großen Bauch der WAZ verschwunden ist.

Seine durchdringende Stimme, wenn sein Temperament ihn erfasste, liegt mir noch heute als Erinnerung im Ohr. Auch heute würde er nicht von seinem Prinzip der Sachlichkeit abweichen.




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