Accumulatoren Fabrik AG Berlin-Hagen 
Werk Hagen (Wehringhausen)

1962-1995: VARTA Batterie AG, Bereich "Sonderbatterien" (z.B. U-Bootbatterien) seit 1995 als VHB ein Teil der Hawker-Group, im Frühjahr 2000 umbenannt in Hawker-Batteries

Dokumentation

AFA-Werksgelände, 1942 (privat)Das im Besitz des Industrie- und Wirtschaftsmagnaten Günter Quandt befindliche Stammwerk des AFA-Konzerns (1962 in VARTA Batterie AG umbenannt) war im "Dritten Reich" einer der wichtigsten Rüstungsbetriebe im Rhein-Ruhrgebiet. Seit 1904 bis in die Gegenwart produziert und liefert der im Hagener Stadtteil Wehringhausen gelegene Fabrikbetrieb spezielle Batterieanlagen für U-Boote. Ohne diese Batterieanlagen war und ist der Einsatz derartiger Kriegsschiffe nicht möglich. Sie versorgen die Antriebsmotoren und das Bordnetz bei der Unterwasserfahrt mit der notwendigen Energie. Die hohe Bedeutung, die von deutscher Seite dem U-Bootkrieg gegen die Entente-Mächte bzw. Alliierten im Ersten und Zweiten Weltkrieg zugemessen wurde, machte diesen Industriebetrieb für die deutsche Kriegswirtschaft besonders wichtig.

Einbau einer AFA-Batteriezelle in ein U-Boot, 1942 (privat)Im Zweiten Weltkrieg übernahm das AFA-Werk in Hagen als 'Leitfertigungsstelle' für die übrigen AFA-Zweigwerke in Hannover, Wien und Posen zusätzlich die Produktion von Spezialbatterien für Torpedos und Kleinst-U-Booten sowie für die Fernraktete A 4 ("V 2") und anderen "Vergeltungs- und Wunderwaffen". Daneben wurden ebenfalls Batterien für Panzerfahrzeuge, Funk- und Radargeräte sowie für Kampfflugzeuge gefertigt. Das AFA-Werk Hagen stellte ab Winter 1943/44 nur noch einen Teil der Produktion von U-Boot- und Torpedobatterien her, da in den Zweigwerken in Hannover und Posen die Serienfertigung solcher Batterien angelaufen war. Die Bedeutung der Produktion von U-Boot- und Raketenbatterien wurde von den alliierten Zielplanungsstäben unterschätzt. Aus diesem Grund wurde die Stadt Hagen erst relativ spät, im Oktober 1943, zum Ziel eines schweren Luftangriffs. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam ein Forschungsteam der Submarine Branch des United States Strategic Bombing Survey (USSBS) zum Ergebnis, dass eine Zerstörung der Accumulatoren Fabrik in Hagen, die Schlagkraft der deutschen U-Bootflotte in einem erheblichen Umfang eingeschränkt hätte.

Lager für italienische Arbeitskräfte, Sommer 1941. Später als Zwangsarbeiterlager genutzt (privat)Bereits im Ersten Weltkrieg 1914-1918 kamen im AFA-Werk Hagen russische und französische Kriegsgefangene sowie belgische 'Zivilarbeiter' zum Einsatz. Zwischen 1939 und 1945 wurde eine sehr grosse Anzahl von ausländischen Arbeitskräften, Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen beschäftigt.Der Einsatz von Zwangsarbeitern im AFA-Werk Hagen setzte im Spätsommer 1940 mit der Beschäftigung von französischen Kriegsgefangenen ein. 1941 beschäftigte das AFA-Werk Hagen auch italienische Arbeitskräfte, die von der deutschen Arbeitsverwaltung angeworben wurden. Infolge der umfangreichen Rekrutierung von deutschen Arbeitskräften zum Kriegsdienst sowie die forcierten Produktion von U-Boot-, Torpedobatterien und Bordbatterien für Fernraketen stieg die Anzahl von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen seit 1942 beständig an und machte zwei Jahre später rund 40% der gesamten Werksbelegschaft von bis zu 5.800 Arbeitskräften aus. Im Herbst 1944 wurden im AFA-Werk Hagen auch polnische Zwangsarbeiter eingesetzt, die von der deutschen Besatzungsmacht nach der Niederschlagung des 'Warschauer Aufstandes' deportiert worden waren. Die Unterbringung der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen erfolgte in einem grossen "Gemeinschaftslager" sowie in kleineren Lagern in der Umgebung des Werkes. Nach dem schweren Bombenangriffen im Oktober 1943 und im Dezember 1944 erfolgte auf dem Werksgelände für Instandsetzungsarbeiten auch ein umfangreicher Einsatz der Organisation Todt mit zahlreichen Zwangsarbeitern.

AFA-Werk Hagen, um 1930 (Luftbild)Im Februar 1943 lehnten die AFA-Hauptverwaltung in Berlin und die Direktion in Hagen gegenüber den Rüstungsbehörden und dem SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt einen angebotenen Einsatz von Konzentrationslager-Häftlingen in ihrem Hauptwerk Hagen aus "abwehrmässigen Gründen" ab. Ab Sommer 1943 hingegen erfolgte im AFA-Zweigwerk Hannover-Stöcken der Einsatz von Häftlingen des Konzentrationslagers Neuengamme. Aufgrund des forcierten Bauprogramms für Elektro-U-Boote ab Frühjahr 1944 waren im AFA-Zweigwerk Hannover-Stöcken bis zu 1400 KZ-Häftlinge eingesetzt, die in einem Lagerkomplex auf dem Werksgelände untergebracht wurden. 1944 erfolgte auch im neuen Zweigwerk Wien-Floridsdorf, der Einsatz von Häftlingen des Konzentrationslagers Mauthausen. Aber auch die AFA-Tochterfirma Pertrix beschäftigte in ihrem Werk Berlin-Niederschöneweide seit 1944 zahlreiche Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen.


Belegschaft

Diagramm (Statistische Übersicht 1939-1945)

  • 280 männliche und 264 weibliche "Ostarbeiter"
    556 männliche und 24 weibliche "Westarbeiter"

    478 französische Kriegsgefangene
    Quelle: Belegschaftsstand AFA-Werk Hagen v. 31.3.1945, Aufstellung für das USSBS-Team, 31.5.1945; NA Washington, RG 243:92e/24

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  • Einzelnachweis 1. Februar 1945:
    Italiener: 258 Männer / 3 Frauen
    Ostarbeiter: 172 Männer / 186 Frauen
    Polen: 110 Männer / 81 Frauen
    Holländer: 47 Männer / 2 Frauen
    Belgier: 14 Männer / 1 Frau
    Franzosen: 232 Männer / 19 Frauen
    Ukrainer: 30 Männer / 1 Frau
    Rumänen: 1 Mann
    Tschechoslowakei: 1 Mann
    Griechen: 1 Mann
    Serben: 1 Mann
    Französische Kriegsgefangene: 483
    Quelle: Tagesmeldung AFA-Werk Hagen v. 1.2.1945; NA Washington, RG 243:92e/24

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  • Einzelnachweis  30. März 1943
    Italiener: 263
    Ostarbeiter: 455
    Polen: 176
    Holländer: 22
    Belgier: 23
    Franzosen: 320
    Ukrainer: 25
    Rumänen: 1
    Griechen: 1
    Serben: 1
    Französische Kriegsgefangene: 475
    Quelle: Krankenstandmeldung des AFA-Werks Hagen, 7.4.1943; NA Washington, RG 243:92e/24

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  • Lager Kuhlestrasse:
    2 Belgier, 32 Holländer, 366 Italiener, 5 Jugoslawen, 5 "Russen", 2 Tschechoslowaken, 2 Ungarn
    Lager Berliner Strasse:
    446 Franzosen, 2 Griechen, 136 Holländer, 67 Italiener, 126 Polen, 549 "Russen", 2 Schweizer
    Quelle: Statistik über diejenigen ausländischen zivilen Arbeitskräfte, die in der Zeit vom 03.09.1939 - 08.05.1945 im Stadtgebiet Hagen untergebracht waren, erstellt von der Stadtverwaltung Hagen im Auftrag der Alliierten Militärregierung und des International Tracing Service; StadtA Hagen, Bestand Hagen, Akte I und II

  • "Störend macht sich nur bemerkbar bei der Accumulatorenfabrik in Hagen der starke Personalmangel. Nachdem gegen Ende der Berichtzeit eine weitere Zuweisung von Arbeitskräften und Gefangenen erfolgen konnte, ist auch hier die Fertigung wieder in richtigen Fluss gekommen".
    Quelle: Kriegstagebuch Rüstungskommando Dortmund, 2. Quartal 1943, Eintrag Mai 1943; Bundesarchiv - Militärarchiv Freiburg i.Br., RW 21-14/14, Bl. 71

Digitalisierte Quellen

National Archives, Washington, D.C., RG 243:92e-24: Aktennotiz des Personalbüros des AFA-Werks Hagen für den Werksdirektor Hermann Clostermann v. 19.11.1942 betr. Ärztliche Versorgung der Ausländer
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National Archives, Washington, D.C., RG 243:92e-24: Aktennotiz des Personalbüros des AFA-Werks Hagen für den Werksdirektor Hermann Clostermann v. 21.11.1942 betr. Ärztliche Versorgung der Ausländer
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National Archives, Washington, D.C., RG 243:92e-24: Aktennotiz des Personalbüros des AFA-Werks Hagen für die Betriebsleitung v. 21.07.1943 betr. Arbeitskräfte
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National Archives, Washington, D.C., RG 243:92e-24: Protokoll der Deutschen Arbeitsfront, Kreiswaltung Hagen, v. 1.2.1944 über die Besichtigung des Gemeinschaftslagers der AFA
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Website

Hagen in Westfalen und die U-Boote

Literatur

BLANK, Ralf: Batterien für die "Vergeltung". Die Akkumulatoren Fabrik AG Hagen und das deutsche Raketenprogramm 1942-1945, in: Hagener Jahrbuch 3 (1998), S. 141-151

BLANK, Ralf: Rüstungsexport am Vorabend des Ersten Weltkriegs am Beispiel der Accumulatoren Fabrik Berlin-Hagen AG, in: Fundus. Online-Forum für Geschichte, Politik und Kultur der Späten Neuzeit 1 (1998/1999), Göttingen 1999

FRÖBE, Rainer: Der Arbeitseinsatz von KZ-Häftlingen und die Perspektive der Industrie, 1943-1945, in: Herbert, Ulrich (Hg.): Europa und der ”Reichseinsatz”. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge in Deutschland 1938-1945. Essen 1991, S. 351-383

SCHRÖDER, Hans Hermann: Das erste Konzentrationslager in Hannover. Das Lager bei der Akkumulatorenfabrik in Stöcken, in: FRÖBE, Rainer u.a. (Hg.): Konzentrationslager in Hannover. KZ-Arbeit und Rüstungsindustrie in der Spätphase der Zweiten Weltkriegs, Hildesheim 1985, Bd. 1, S. 44-108

Bearbeitet von: Ralf Blank

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