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Literaturbesprechung

Franz Bosbach / John R. Davis (Hg.): Die Weltausstellung von 1851 und ihre Folgen / The Great Exhibition and its Legacy, München: K.G. Saur, 2002 (Prinz-Albert-Studien, 20 / Prince Albert Studies, 20). Ln., 440 S., zahlreiche Ill., Beitr. teilw. dt., teilw. engl., EUR 78,00. ISBN 3-598-21420-0

Rezensiert von:
Dr. Martin Wörner, Münster
Email: woerner@expos.westfalen.de


Die vorliegende Publikation ist das Ergebnis einer 2001 veranstalteten internationalen Konferenz, die in Zusammenarbeit mit der Victorian Society und der Royal Society der Prinz-Albert-Gesellschaft durchgeführt worden ist. Letztere hat sich die Erforschung der deutsch-britischen Beziehungen unter besonderer Berücksichtigung Coburgs zum Ziel gesetzt. Was lag also näher, als sich einem Ereignis zu widmen, das eng mit der Person des Prinzen Albert von Sachsen-Coburg verknüpft ist? Das Jahr der Konferenz markierte nämlich die 150-jährige Wiederkehr der ersten Weltausstellung, der "Great Exhibition of the Works of Industries of All Nations" in London, die Albert als Gemahl Königin Victorias mitinitiiert hat.

Die Great Exhibition [1] steht am Anfang einer nahezu 150-jährigen Geschichte der Weltausstellungen, [2] deren vorerst letzte bekanntlich im Jahr 2000 in Hannover stattgefunden hat. Im legendären "Kristallpalast", einem in der Rekordzeit von nur vier Monaten im Hyde Park errichteten 560 m langen und bis zu 150 m breiten Gebäude aus Eisen, Holz und Glas, waren mehr als 14.000 Aussteller aus 25 Ländern sowie zahlreichen Kolonien versammelt. Er markierte den Auftakt für zahlreiche Nachfolgeveranstaltungen auf allen Kontinenten. Trotz des seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkommenden Kongresswesens und der zunehmenden zwischenstaatlichen Kooperation blieben die Weltausstellungen für das 19. Jahrhundert die einzig wirklich umfassenden internationalen Ereignisse: "Ihr Einfluss auf Industrie, Handel, Politik und Kultur ist unbestreitbar, wie überhaupt der Beitrag der ganzen Ausstellungsbewegung zum Weltbild des 19. Jahrhunderts. Und es war die Great Exhibition, die (...) Maßstäbe setzte", konstatiert Brigitte Schroeder-Gudehus treffend in ihrem Beitrag. 28 Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Großbritannien, den USA und Kanada haben sich zum Ziel gesetzt, verschiedene Aspekte der Great Exhibition und ihrer mannigfaltigen Auswirkungen auf Politik, Wirtschaft oder Kultur darzustellen und zu analysieren. Die Publikation ist dazu in sieben Themenbereiche untergliedert, deren Inhalte im Folgenden schlagwortartig skizziert werden sollen.

- Kulturgeschichte

Die Great Exhibition war ein bis dahin nie gekannter Publikumsmagnet: Exakt 6.039.195 zahlende Besucher aus nah und fern wurden in der Zeit zwischen dem 1. Mai und dem 15. Oktober 1851 gezählt. Diese waren mit der Verarbeitung des Präsentierten jedoch nicht selten überfordert: "I find I am 'used up' by the Exhibition. I don't say there is nothing in it: there's too much", meinte etwa Charles Dickens. Das Publikum, das hier erstmals Gegenstand von Besucheranalysen und -statistiken war, bildet auch den Mittelpunkt des Aufsatzes von Brandon Taylor, welcher darüber hinaus Bezüge zum modernen Museumsbesuch herstellt. Auf der Great Exhibition wurde gemäß dem Ziel, "in friedlichem Wettkampfe die Produzenten gleichartiger Erzeugnisse aus allen industriellen Ländern einander gegenüberzustellen" (Kommission für die Industrie-Ausstellung an den Gewerbestand Preußens, 1851), unterteilt in sechs Ausstellungsabteilungen mit 30 Unterklassen, eine bis dahin nie gesehene globale Mustersammlung menschlichen Schaffens präsentiert. Michael Musgrave widmet sich mit der Klasse 10 den Musikinstrumenten. In einem zweiten Teil geht er auf die Tradition der britischen Händel-Festivals ein, deren Ursprung auf die musikalische Umrahmung der Eröffnungszeremonie mit Händels "Halleluja" aus dem "Messias", dargeboten von einem 600 Stimmen zählenden Chor nebst 200 Musikern, zurückzuführen ist. Judy Rudoe behandelt anschließend mit dem Schmuck einen weiteres Gebiet innerhalb der enzyklopädischen Vorführung menschlichen Schaffens, das in der Klasse 23 "Works in Precious Metals, Jewellery" zusammengefasst war. Burton Benedict geht abschließend auf die "Ethnic Identities" auf der Great Exhibition ein. Er definiert den Kristallpalast "as a monument to nationalism". Die Ausstellungsabteilungen, besonders auf dem ethnographischen Sektor, wurden maßgeblich von musealen Präsentationen beeinflusst, wirkten dabei aber gleichzeitig auf Inhalte wie auch Präsentationstechniken in Museen zurück. Sie trugen in vielen Fällen dazu bei, ethnische in nationale Identitäten zu transformieren. Besonders die Abteilungen der britischen Kolonien können laut Benedict dabei als wichtige Marksteine in Richtung derer nationalen Unabhängigkeit betrachtet werden.

- Prinz Albert und die Society of Arts

Während David G.C. Allan und Susan Bennett in ihren Beiträgen die Rolle Prinz Albert von Sachsen-Coburgs und der Society of Arts im Hinblick auf die Verwirklichung der Great Exhibition herausarbeiten, behandelt Valerie Phillips mit den im Gefolge der Ausstellung initiierten "Commission's scholarships and fellowships" einen bis heute wichtigen Bereich zur Förderung der Wissenschaft, den sie als das wahre Vermächtnis Prinz Alberts bezeichnet.

- Wissenschaft und Wirtschaft

Carla Yanni eröffnet dieses Kapitel mit ihrem Beitrag über die wissenschaftlichen Folgen der Great Exhibition und kommt zu dem Schluss, dass die Viktorianische Wissenschaft nicht nur unter dem nationalen Blickwinkel zu betrachten war, sondern sich als eine Melange aus der Verpflichtung gegenüber Gott wie des Kapitalismus, Unterhaltung und Kommerz, moralischen Grundsätzen und dem Nützlichen darstellte. David J. Jeremy behandelt den technologischen Transfer auf frühen Weltausstellungen. In ihrem Wettstreit nach Vervollkommnung richteten sie sich nach dem Urteil der Experten und praktischen Erfahrungen aus. Die präsentierten Resultate hatten so eine generell positive Auswirkung auf den technologischen Transfer. Michele Strong untersucht in ihrem Beitrag die frühe Formierung des "Modern Educational Travel" in der Zeit von 1867 bis 1889 und schlägt am Ende einen Bogen in die Gegenwart. Das moderne "Educational Travel" gleicht nach Strong sowohl den "Grand Tours" als auch den "Artisan Tours" des 19. Jahrhunderts, da die Wirtschaftselite mit Fachkenntniss, akademischer Qualifikation und kulturellem Background ausgestattet sein muss, um im Zeitalter der Globalisierung bestehen zu können. Wolfram Kaiser sieht im folgenden Beitrag die Great Exhibition als weltgesellschaftliche Entwicklungsstrategie. Die Organisatoren, so Kaiser, beabsichtigten von Beginn an, mit der Great Exhibition die Idee des Freihandels kulturell zu inszenieren, um deren innenpolitische Legitimität herzustellen und zugleich international für sie zu werben. Er begreift die Great Exhibition deshalb als politischen Kulturtransfer nach Kontintaleuropa. Ingeborg Cleve analysiert abschließend, basierend auf ihrer Dissertation, [3] ökonomische und ästhetische Aspekte des Konsumentengeschmacks zur Zeit der Great Exhibition. Durch den internationalen Wettstreit konnte eine gemeinsame Sprache der modernen "consumer society" geschaffen werden.

- Politischer und sozialer Kontext

John E. Findling einführender Aufsatz hat den Beitrag der USA auf der Great Exhibition zum Thema. Eckhardt Fuchs behandelt anschließend das Thema Wissenschaft auf den Weltausstellungen im 19. Jahrhundert. Er stellt verschiedene Präsentations- und Popularisierungsformen von Wissenschaft vor und geht anschließend mit dem Fokus auf das Deutsche Reich deren Funktion und Bedeutung im Kontext ihrer nationalen Repräsentation nach. Barrie Trinder stellt im Folgenden das von der zeitgenössischen Reformbewegung beeinflusste und auf Initiative des Prinzen Albert errichtete "Model Lodging House", ein modular hergestelltes Backsteingebäude für die Arbeiterklasse, vor. Der in Nachbarschaft des "Kristallpalasts" errichtete Bau gilt als Initialzündung für die Errichtung zahlreicher ähnlicher "lodging houses", die u.a. dazu dienen sollten, Arbeitslosen den Umzug in entferntere Regionen zu ermöglichen. Nicholas Fisher stellt sich abschließend die Frage nach den politischen und kulturellen Zielen der Great Exhibition anhand zeitgenössischer Quellen.

- Deutsche Beteiligung

Den Anfang dieses Kapitels macht Uwe Beckmanns Beitrag über das deutsche Ausstellungswesen vor 1851. Er konstatiert, dass schon ab den 1840-er Jahren in nahezu allen Ländern Europas ein regelrechtes "Ausstellungsfieber" herrschte und nationale und territoriale Gewerbeausstellungen durchgeführt oder geplant wurden. Da zudem auch in Deutschland der Gedanke an gemeinsame Präsentationen vorhanden war, war es für die erste Weltausstellung bestens gerüstet. Abigail Green stellt die Präsentation der deutschen Staaten auf der Great Exhibition vor. Politisch bestand Deutschland zu jener Zeit aus einem Patchwork von 39 Staaten, wirtschaftlich existierten drei unterschiedliche Zollgebiete. Die Autorin konstatiert, dass die Weltausstellung in den Augen liberaler Deutscher die staatliche Zerisssenheit Deutschlands schmerzhaft vor Augen führte, da nicht einmal die "virtuelle Welt" der Great Exhibition das Bild einer nationalen Einheit vermitteln konnte. Nichtsdestotrotz setzte Preußen dann auf der Londoner Weltausstellung von 1862 eine - bis auf Österreich, die Hansestädte und Mecklenburg - "gesamtdeutsche" Ausstellung durch, was den bis dahin errungenen politischen Einfluss Preußens vor Augen führte. Jens Uwe Wandel behandelt anschließend die Herzogtümer Coburg und Gotha und die Londoner Weltausstellung, während Barbara Wolbrings Aufsatz Krupp und die Weltausstellungen im 19. Jahrhundert zum Thema hat. 1851 präsentierte der mittelständische Stahlfabrikant mit dem Talent zur Selbstinszenierung spektakuläre Blickfänger wie eine Kanone aus Gussstahl und den schwersten bis dahin überhaupt gegossenen Gussstahlblock. Die Great Exhibition machte Krupp dadurch auf einen einen Schlag und berühmt steht damit am Anfang des Aufstiegs zum Weltunternehmen.

- Architektur

Es sind in erster Linie architektonische Zeugnisse, mit denen die veranstaltenden Städte ihren Weltausstellungen ein unverwechselbares Gesicht verleihen wollten. Sie bestimmten, wenngleich nach dem Ende der Veranstaltungen zumeist wieder abgerissen - maßgeblich die Ausstellungen und prägten ihr Bild für die Nachwelt - der Kristallpalast ist dafür ein beredtes Beispiel. Das Kapitel wird durch Harry Francis Mallgrave's Aufsatz über den Architekten und Architekturtheoretiker Gottfried Semper eröffnet. Semper wurde von der Ausstellungskommission mit der Gestaltung mehrerer Abteilungen betraut. Er beschränkte sich dabei jedoch nicht nur auf das Arrangieren der Exponate, sondern schuf individuelle, architektonisch gefasste Ausstellungsbereiche. Seine auf der Great Exhibition gewonnenen Eindrücke und Erfahrungen insbesondere auf dem Gebiet der Ethnografie schlugen sich in mehreren programmatischen Schriften nieder, die seine herausragende Bedeutung als "Vorkämpfer einer neuen Ästhetik" in Europa begründete. Dale Dishon erinnert anschließend an die zweite - und bislang letzte - Londoner Weltausstellung 1862, die im Gegensatz zur Great Exhibition eher eine historische Fußnote darstellt und deshalb als ãvergessene" Weltausstellung bezeichnet wird. Grund hierfür war der finanzielle Misserfolg und die nicht mehr zeitgemäße Architektur des monumentalen, kuppelüberwölbten Ausstellungsgebäudes, von Zeitgenossen abfällig als "the ugliest building in London" bezeichnet. Wolf Tegethoff behandelt abschließend in einem anschaulichen Überblick die architektonischen Richtungskämpfe auf den Weltausstellungen von 1851 bis zur Gegenwart. Er kommt zu dem Schluss, dass die Weltausstellungsarchitektur - bis auf wenige Ausnahmen - vom populistischen Mainstream geprägt war: "Als Schnittstellen des Zeitgeistes galt das Hauptaugenmerk der Ausstellungen dem Resümee des Vorhandenen und weniger dem vorausschauenden Entwurf von Zukunftsperspektiven."

- 1851-2001

In dem abschließenden Kapitel stellt sich John R. Davis zu Beginn die Frage nach den internationalen Auswirkungen der Great Exhibition. Ein zentrales Vermächtnis auf politischem Gebiet war nach Davis die verstärkte Zusammenarbeit von Regierung und Wirtschaft: Die Great Exhibition trug maßgeblich dazu bei, den Einfluss der Modernisierer und Reformer in weniger entwickelten Ländern zu stärken. Roy MacLeod konstatiert in seinen überlegungen über Weltausstellungen und ihre Geschichte u.a., dass die Idee schon früh als wirksames Instrument des Nationalismus und wirtschaftlicher Interessen genutzt wurde. Peter T. Marsh vergleicht die Londoner mit den Pariser Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts. Er kommt zu dem Schluss, dass die Great Exhibition nicht nur die allgemeine Dynamik Britanniens, sondern besonders das Vertrauen in der ihr zugrunde liegende soziale und politische Kraft versinnbildlichen sollte. Diesen Zweck hatte sie mehr als erfüllt, eine weitere Weltausstellung war somit nicht mehr nötig. Frankreich hingegen nutzte das Forum Weltausstellung für mehrere brilliante Selbstinzenierungen seiner Hauptstadt Paris. Diese konnten jedoch die politische Instabilität des Landes nicht verbergen. Brigitte Schroeder-Gudehus beleuchtet in ihrem kenntnisreichen Beitrag die Probleme kollektiver Selbstdarstellung im Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Kultur, um zum Schluss auf die aktuelle Situation der Idee Weltausstellung einzugehen: "Während Weltausstellungen früher Orte waren, an denen Produkte gezeigt wurden, sind sie heute selber zu Produkten geworden: Produkte der Kommunikationsindustrie, angeboten auf dem Freizeitmarkt." Ted Allan liefert abschließend ein kurzes, recht allgemein gehaltenes Essay über die Geschichte und Aktualität der Weltausstellungen.

Anhand dieser hier kurz angerissenen Beiträge wird der Verdienst und zugleich das Problem dieser Publikation sichtbar. Die Unterteilung in die sieben Hauptkapitel vermag nicht vollständig zu überzeugen: Die Überschriften wecken nämlich oft Begehrlichkeiten, die die darunter versammelten Beiträge nur zum Teil einlösen können. Diese sind mitunter sehr speziell, dann wieder sehr allgemein gehalten und überschneiden sich teilweise mit Aufsätzen anderer Kapitel. Die mitunter schlechte Abbildungsqualität - besonders bei den Farbaufnahmen - trübt den optischen Gesamteindruck des Buches. Auch wäre es im Sinne einer breiteren Leserschaft sinnvoll gewesen, eine Einsprachlichkeit herzustellen bzw. Zusammenfassungen der Beiträge in die jeweilige andere Sprache zu übersetzen.

Trotz dieser erwähnten Einschränkungen bleibt positiv zu konstatieren, dass der vorliegende Band das Verständnis über die Great Exhibition und deren Folgen durch zahlreiche Aspekte - basierend auf z.T. neuen Forschungsergebnissen- bereichert hat.


Anmerkungen:

[1] Noch immer ein Standardwerk: Utz Haltern: Die Londoner Weltausstellung von 1851. Ein Beitrag zur Geschichte der bürgerlich-industriellen Gesellschaft im 19. Jahrhundert, Münster 1971 (Neue Münstersche Beiträge zur Geschichtsforschung im 19. Jahrhundert, 13); siehe zuletzt Jeffrey A. Auerbach: The Great Exhibition of 1851: A Nation on Display. New Haven/London 1999; John R. Davis: The Great Exhibition, Stroud 1999; Louise Purbrick (Hg.): The Great Exhibition of 1851: New interdisciplinary essays, Manchester 2001.

[2] Als Überblick siehe hierzu zuletzt v.a. Winfried Kretschmer: Geschichte der Weltausstellungen, Frankfurt a.M./New York 1999; Martin Wörner: Die Welt an einem Ort. Illustrierte Geschichte der Weltausstellungen, Berlin 2000. Einen freilich noch immer lückenhaften Versuch, die ausufernde Literatur zur Geschichte der Weltausstellungen zusammenzustellen, liefern Alexander C.T. Geppert, Jean Coffrey und Tammy Lau: International Exhibitions, Expositions Universelles and World's Fairs, 1851-1951. A Bibliography, in: Wolkenkuckucksheim. Internationale Zeitschrift fur Theorie und Wissenschaft der Architektur (Special Issue, 2000).
URL: <http://www.theo.tu-cottbus.de/Wolke/eng/Bibliography/ExpoBiblioqraphy.htm> (Last update: March 15, 2002).

[3] Ingeborg Cleve: Geschmack, Kunst und Konsum. Kulturpolitik als Wirtschaftspolitik in Frankreich und Württemberg (1805 - 1845), Göttingen 1996 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, 111).


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Dokument erstellt am 5.8.2003