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Rezension

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Bettina Baumgärtel (Hg.):
Angelika Kauffmann (1741-1807): "Eine Dichterin mit dem Pinsel"
Ostfildern: Hatje Cantz 1998, 472 S., 448 Abb., davon 162 farbig, gebunden

Rezensiert von
Liliane Weissberg
University of Pennsylvania

In den letzten Jahren mehren sich die Publikationen über Angelika Kauffmann. 1996 erschien Angela Rosenthals Studie "Angelika Kauffmann: Bildnismalerei im 18. Jahrhundert" (Berlin: Dieter Reimer Verlag), eine überarbeitete Dissertation über die Porträtkunst Kauffmanns und vor allem deren englischen Kontext. Waltraut Maierhofers Bildbiographie "Angelika Kauffmann" erschien im folgenden Jahr im Rowohlt Verlag. 1998 publizierte Oscar Sandner "Angelika Kauffmann und Rom" (Rom: Edizioni de Luca), einen deutschsprachigen Ausstellungskatalog, der den Romaufenthalt der Malerin dokumentiert und die römische Künstlerkolonie des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts beschreibt. Gleichzeitig wurden Kauffmanns Werke in mehreren Ausstellungen prominent gezeigt, so etwa in der Ausstellung zu Künstlerinnen der Goethe-Zeit (Gotha 1999) oder der augenblicklich in Philadelphia gezeigten "Art in Rome in the Eighteenth Century" (zu beiden Ausstellungen sind Kataloge erhältlich).

"Angelika Kauffmann", eine 1998 im Kunstmuseum Düsseldorf (und anschließend im Münchner Haus der Kunst) gezeigte Ausstellung, ist allerdings die erste, die dem ganzen Oeuvre der Malerin gewidmet war, und der von Bettina Baumgärtel herausgegebene Katalog ist mehr als ein einfacher Begleittext zu einer Bilderschau. Baumgärtel, die ebenfalls an der Ausstellung in Gotha beteiligt war, bringt hier eine Sammlung von exzellenten Aufsätzen zusammen, die das Leben und Werk der Malerin sowie ihren sozialen Umkreis beleuchten. Brian Allen und Steffi Roettgen stellen den britischen und italienischen Kreis Kauffmanns dar sowie das Phänomen der "Grand Tour", das Kauffmann wie viele ihrer Verehrer nach Rom brachte. Viktoria Schmidt-Linsenhoffs vorzüglicher Aufsatz zu "Häuslichkeit und Erotik" bei Kauffmann dokumentiert die weibliche Vorstellungswelt einer Künstlerin, deren Ruf jedoch bald den ihrer männlichen Kollegen übertraf. Petra Maisak beschäftigt sich mit der Kauffmann-Verehrung im Goethe-Kreis (auch Maisak beteiligte sich an der Gothaer Ausstellung) und David Alexander mit der Vervielfältigung der Bilder im Druck. Kauffmanns große Popularität im 18. und frühen 19. Jahrhundert wurde auch durch die vielen Reproduktionen ihrer Bilder getragen. Die Aufsätze von Werner Busch, Ingrid Sattel Bernardini und Inken Maria Hußmann schließlich gehen auf die Maltradition ein: auf Porträt und Historienbild sowie Kauffmanns neoklassische Motive.

Keine Malerin des 18. Jahrhunderts konnte sich wohl an dem internationalen Ruf einer Angelika Kauffmann messen. Kauffmann brillierte bei den Weimarer Dichtern, stellte in der Royal Academy in London aus und galt als hervorragende Persönlichkeit des römischen Malerkreises. Ihre mythologischen Darstellungen und Porträts vertraten das Ideal einer traditionellen Weiblichkeit (die Frau als Gattin und Mutter), das ihre Biographie als selbstständige und überaus produktive Künsterlin gleichzeitig revidierte.

Der Bildteil des Kataloges besteht auf keinem Anspruch, ihr Oeuvre vollständig wiederzugeben, aber er kann die Vielfalt des Werkes zeigen und Kauffmanns Maltechnik dokumentieren. Ihre große Popularität verdankte die Malerin offensichtlich nicht nur ihrem Können, sondern auch der Tatsache, daß sie wie kaum ein anderer Künstler (geschweige Künstlerin) das neue Kunstideal einer Neoklassik im Übergang zur Romantik repräsentieren konnte. Kaum ein Künstler war darüberhinaus - wie David Alexander zeigt - für die Druckgraphik des 18. Jahrhunderts von größerer Bedeutung. Angelika Kauffmann bewirkte in gewisser Weise ihre eigene Kunstindustrie.

Nicht nur die Bedeutung Kauffmanns für die Malerei des 18. Jahrhunderts ist jedoch interessant, sondern auch die Tatsache, daß ihr Ruhm nicht konstant blieb. Ihre Wiederentdeckung vor allem durch feministische Kunstwissenschaftlerinnen in den letzten Jahren muß gefeiert werden. Baumgärtels sorgfältiger Katalog, der eine genaue Beschreibung vieler Bilder und ihres Entstehungskontextes enthält, ist jedoch auch gleichzeitig mehr als ein Buch, das zur erneuten Beschäftigung mit Kauffmann aufruft. Es ist eine exakte wissenschaftliche Leistung, die als Nachschlagewerk unentbehrlich ist und noch lange bleiben wird.


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Dokument erstellt am 30.6.2000