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Literaturbesprechung

Jacques Le Rider / Moritz Csáky / Monika Sommer (Hg.): Transnationale Gedächtnisorte in Zentraleuropa, Innsbruck / Wien u.a.: Studienverlag, 2002 (Gedächtnis - Erinnerung - Identität, Bd. 1). 208 S., EUR 22,--
ISBN: 3-7065-1809-0

Rezensiert von Dr. Heinz P. Wassermann, Graz
E-Mail: hwassermann@hotmail.com


Seit Pierre Noras dreibändigem Sammelwerk Les Lieux mémoire (1984-1992) gilt die Rekonstruktion von Nationalgeschichte(n) als Erinnerungsgeschichte(n) als wahre Boomdisziplin der Geschichts- bzw. der Kulturwissenschaften. Der von Jacques Le Rider (Universität Paris VIII in Saint-Denis), Moritz Csáky (Universität Graz) und Monika Sommer (Österreichische Akademie der Wissenschaften) herausgegebene und hier zu besprechende Sammelband sprengt die bis dato vornehmlich "nationalen" Konzepte beziehungsweise Horizonte dadurch, dass er "Gedächtnisorte über nationale Grenzen hinweg zu betrachten [...] und sie in einem trans- respektive internationalen, ja europäischen Zusammenhang zu sehen" (S. 9) versucht.

Die vorliegende Publikation ist das Ergebnis des Workshops "Europäische Gedächtnisorte" vom April 2001. Insgesamt elf Autorinnen und Autoren vermessen in ihren Beiträgen die jeweiligen Gedächtnisorte, die freilich nicht nur als geo- oder topographische Entitäten (miss)verstanden werden dürfen. Analysiert werden - in Anlehnung an Nora - so unterschiedliche Gedächtnisorte wie die Donau (Pierre Burlaud) oder der Danziger Artushof (Thomas Serrier), der Erfinder Josef Ressel (Ernst Bruckmüller) und die polnischen Nationalhelden Jan III. Sobieski, Tadeusz Kosciuszko und Jozef Pilsudski (Rudolf Jaworski), die transnationale(n) Ausstrahlung(en) Sachsens (Michel Espagne) oder Shakespeare und die elisabethanische Kultur als Gedächtnisort der Wiener Mode (Sylvie Arlaud), um nur den thematisch breit gesteckten Rahmen des Buches anzudeuten. Dieser breite Ansatz, geographisch von Polen bis nach Kroatien, von Prag nach Czernowitz, thematisch von biographischen Kontexten bis zur Ideengeschichte und zeitlich vom Mittelalter bis zur Gegenwart, ist zum einen Noras Konzept geschuldet bzw. damit argumentierbar, zeigt aber auch den - für den Geschmack des Rezensenten - fehlenden roten Faden der Publikation. Darüber hinaus scheint Gedächtnisort zeitweilig so definiert zu sein, dass ein Gedächtnisort deshalb ein Gedächtnisort ist, weil er ein Gedächtnisort ist. Damit soll keineswegs die hohe fachliche Kompetenz der Autorinnen und Autoren, die Dichte und Fundiertheit der Beiträge in Frage gestellt werden; die "Breite", respektive die (scheinbare) Beliebigkeit der Zusammenstellung des Sammelbandes erwecken aber eher den Eindruck eines "Bauchladens" als eines stringenten Konzeptes. Das mag auch daran liegen, dass es sich hierbei um den ersten Band der Reihe "Gedächtnis - Erinnerung - Identität", es sich gewissermassen um einen "Versuchsballon" beziehungsweise um ein Austesten des Konzeptes, handelt. [1]

Weiter ist zu fragen, wie "konsensfähig" die hier vorgestellten Gedächtnisorte tatsächlich waren (oder sind). Mit anderen Worten und um konkret zu werden: Wie sehr eignet(e) sich der Leipziger Durchschnittsbürger, der nicht Teil elitärer Diskussions- und Kommunikationszirkel war (bzw. ist) im Gewandhaus - wie Michel Espagne schreibt - regelmässig fremde Kulturimpulse an? Wie sehr war dem Wiener Durchschnittsbürger bewusst, dass Shakespeare nach 1900 zu "einer Schlüsselfigur in der Entwicklung der Wiener Moderne" (S. 181) wurde? Das steht freilich nicht im Widerspruch zu den vorliegenden Analysen, sondern soll vielmehr darauf verweisen, dass nicht wenige der analysierten Gedächtnisorte nicht nur milieuspezifisch anders rezipiert, sondern - so meine Hypothese - über weite Strecken überhaupt ignoriert wurden. Dementsprechend wären Gedächtnisorte und deren Funktionen auch über den enge(re)n Kreis eines progressiven und aufgeschlossenen Bürgertums hinaus zu analysieren und wären deren (historische) Informationsgehalte zu untersuchen.

Ein Beispiel: In der jüngeren österreichischen Geschichte ist wohl kein Gedächtnisort so historisch aufgeladen wie der Wiener Heldenplatz. Von der "Meldung" Hitlers vor der Geschichte über den Eintritt seiner Heimat in das Deutsche Reich am 15. März 1938 über das "Lichtermeer" (1993) bis zur Grosskundgebung gegen die damals eben gebildete Koalition zwischen FPÖ und ÖVP im Februar 2000, um nur einige spektakuläre Instrumentalisierungen des Gedächtnisortes Heldenplatz aufzuzählen. Evidentermassen - sieht man vom pragmatischen Zugang der Zentralität und der Grösse des Platzes ab - wurde dieser 1993 und 2000 antifaschistisch vereinnahmt und man wird den Veranstaltern wohl taxfrei zugestehen dürfen, dass genau das die Absicht war. Fraglich bleibt, ob die Spezifität dieses Gedächtnisortes auch den Teilnehmern so bewusst war. So verhält es sich auch mit der Abhandlung über den Artushof in Danzig (S. 31-51). "Schliessen wir mit den Danziger Millenumsfeiern anlässlich der tausendsten Wiederkehr der Mission des hl. Adalberts (Wojciech) im Preussenland ab: Nachdem am 18. April 1997 die Heilige Messe von Kardinal Glemp zelebriert worden war, folgte ein historisierender Umzug der Gdansker Stadtabgeordneten in historischen Ratsherrnkostümen, der - wohin sonst? - zum altneuen, oft umgebauten, doch nach wie vor stets ehrwürdigen Artushof führte." (S. 48) War nun das Ziel Artushof nur das Produkt einer geschichtsbewussten (Organisations)Elite, war der historisch zu decodierende Bedeutungsüberschuss tatsächlich der breiten Masse bewusst oder hielt sich diese lediglich an die vorgegebene Route?

Anmerkung:

[1] Mittlerweile ist mit dem von Johannes Feichtinger, Ursula Prutsch und Moritz Csáky herausgegebenen Band "Habsburg postcolonial. Machtstrukturen und kollektives Gedächtnis" der zweite Band dieser Reihe erschienen.

 


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Dokument erstellt am 23.10.2003