VL Museen

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Rezension

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Devenish, David C.:
Museum Display Labels : The Philosophy and Practice of Preparing
Written Labels and Illustrations for Use in Museum Displays.
295 x 210 mm, brosch., 34 pp., ill., o. O. (Calcutta), o. J. (1997).
(ICOM Golden Jubilee Publication, Indian National Committee of ICOM).

Rezensiert von
Friedrich Waidacher

Beschriftungen sind die wichtigste Nebensache in Ausstellungen: wer lesen will, geht nicht ins Museum, sondern nimmt ein Buch zur Hand. Ausstellungen hingegen sind etwas für Menschen, die schauen wollen und dabei Begegnungen mit Objekten suchen, richtigen dreidimensionalen Dingen. Bei diesen kann es sich um vielerlei handeln, um Naturafakte ebenso wie um Artefakte. Ein Grashalm kann geradeso zum Expositum werden wie ein prähistorischer Faustkeil, eine Dampflokomotive, ein flämisches Stilleben oder eine zeitgenössische Rauminstallation. Jedes ist jedoch stets mehr, als seine bloße Erscheinung erkennen läßt, mehr als Materie in bestimmter Form und Größe und mit bestimmtem Primärzweck. Gerade daß Museumsobjekte grundsätzlich aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gehoben und in einen neuen eingefügt wurden, macht ihren je einmaligen Wert als Nouophoren aus, als Träger von Bedeutung, von Sinn. Dieser Sinn wohnt jedoch den Dingen nicht ursprünglich inne, sondern ist extrinsisch: er wird ihnen erst nachträglich verliehen. Daher kann er auch nicht aus ihren intrinsischen Werten abgelesen werden, also jenen, die in den Dingen selbst liegen. Mitunter werden Objekten auch schon neue Bedeutungen zugemessen, ehe sie in die Metawelt des Museums übernommen werden. Immer jedoch ist dies spätestens bei ihrer Musealisierung der Fall, gehört es doch zu den notwendigen Definitionsbestandteilen dieser Kulturtechnik.

Demnach ist auch jede museale Ausstellung grundsätzlich Metapher. Sie zeigt nicht Dinge als Dinge, sondern will mit Hilfe von besonderen authentischen Objekten Vorstellungen auf menschen übertragen und in diesen einen schöpferischen Rezeptionsvorgang provozieren.

Also ist es für die Wirksamkeit einer musealen Präsentation in der Regel unabdingbar, die in ihren Objekten geborgenen extrinsischen Werte und Bedeutungen explizit zu vermitteln. Dies geschieht vornehmlich durch Sprache, in Ausstellungen durch geschriebene Sprache. Dazu kommt noch ein Fülle von graphischen Darstellungen.

Diese Tatsachen sind, vom Standpunkt der Museologie gesehen, trivial. Sie werden jedoch erstaunlicherweise in der Praxis nur von einer verschwindenden Minderheit von Museums- und Ausstellungsleuten zur Kenntnis genommen.

Zwar schrieb schon vor mehr als hundert Jahren der bedeutende deutsche Museumsmann Johann Georg Theodor Graesse zum Typus der Galeriebeschriftung, der bis heute weitverbreitet ist: „Die lakonische Information ‚Niobe, Apollo und Danae, Laokoon‘ hat tatsächlich keine Bedeutung für ungebildete Menschen, da sie nicht das notwendige mythologische Wissen haben." Doch bietet ein Gemälde mit mythologischem Thema immerhin noch einen visuell erfaßbaren Inhalt. Vollends im Stich gelassen muß sich jedoch ein Publikum fühlen, dem als Erklärungen nichts als unverständliche naturwissenschaftliche Art- und Gattungsnamen, archäologische und kunsthistorische Epochenbezeichnungen oder aber Beschreibungen dessen vorgesetzt werden, was ohnehin zu sehen ist. Beispiele dafür gibt es bekanntlich in großer Zahl.

Nun liegt seit Jahrzehnten eine Fülle von Publikationen zu Ausstellungsetiketten vor. Aus neuester Zeit sei hier nur beispielhaft auf die kontinuierliche Arbeit aus dem Kreise der Visitor Studies Association (u. a. S. Bitgood) hingewiesen oder auf die bahnbrechenden Erkenntnisse der Psychologin J. M. Litwak, die sich besonders dem Einsatz von Fragen in Ausstellungstexten widmet. Auch in Deutschland wird seit langem ernsthaft und erfolgreich in diesem Forschungsgebiet gearbeitet (u. a. T. Weber, A. Noschka-Roos, H. J. Klein). Trotzdem verhindert eine immer noch drückende Dominanz quellenfachlicher Positionen an Museen, daß diese Erkenntnisse auch entsprechend rezipiert und in die Praxis umgesetzt werden. Noch immer wird jene so wichtige Brücke zwischen Museum und Publikum entweder gar nicht oder aber so unzulänglich errichtet, daß den Menschen die spezifischen Inhalte, die zu erfahren sie ein Recht haben, verborgen bleiben.

Damit nicht genug: abgesehen von Fragen der Verständlichkeit von Texten werden auch die ebenso wichtigen Forderungen nach ihrer Erkennbarkeit ignoriert. Es mutet nachgerade zynisch an, wenn in Museen und Ausstellungen, die um horrende Summen errichtet wurden und deren Planerinnen oder Planern weltweit in Architekturzeitschriften gehuldigt wird, Beschriftungen unauffindbar oder unlesbar sind. Entweder sind sie zu klein, zu weit weg, zu hoch oder zu tief angebracht oder sie wurden typographisch so schlecht gestaltet, daß sie nur mit größter Mühe entziffert werden können.

Mit all diesen Fragen befaßt sich David Devenish seit vielen Jahren. Er wurde als Archäologe und Sinologe ausgebildet und ist Inhaber des Diploms der britischen Museums Association. Nach einer Museumskarriere von 35 Jahren ist er als Museum Adviser für den British Executive Service Overseas tätig.

Sein kompaktes, klar systematisch gegliedertes Werk berücksichtigt alle Aspekte schriftlicher und graphischer Vermittlung in Museumsausstellungen. Nach einer Einleitung, die sowohl die museologischen Grundsätze als auch Fragen der Ausstattung und des Personals behandelt, werden sämtliche Medientypen, von der Objektbeschriftung bis zum Orientierungsplan, beschrieben. Angelegenheiten des Textlayouts, der Syntax, Zeilenlänge, Interpunktion und der Wortwahl sind ebenso berücksichtigt wie die wichtigsten Anforderungen an die Typographie. Schließlich werden alle derzeit bekannten Materialien, Druck- und Reproduktionstechniken behandelt und bewertet. Nach Richtlinien für die Herstellung und Montage und Hinweisen auf die allgemeine Ausstellungstechnik schließen ein Ausblick in die Zukunft und eine Literaturübersicht das trotz seinem geringen Umfang inhaltsreiche Werk.

Solide theoretische Ausbildung und eine Fülle praktischer Erfahrungen des Autors haben somit im Verein mit einer gehörigen Portion trockenen Humors zu einem Vademekum geführt, das allen Angehörigen der Museums- und Ausstellungsprofession wärmstens empfohlen werden kann. Es wäre im Sinne weitester Verbreitung dieses praktischen Ratgebers auch erfreulich, wenn sich ein Verlag im deutschen Sprachraum dieser wertvollen Publikation annähme.


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Dokument erstellt am 19.3.2000