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Rezension

 

Achim Preiss:
Abschied von der Kunst des 20. Jahrhunderts.
Weimar: VDG 1999, 214 S., 13 s/w- und 22 farb. Abb., DM 14,80

Rezensiert von
Werner Stuerenburg, Hiddenhausen

Dieses Buch begleitet eine Ausstellung. Aus dem Buch ist zu entnehmen, daß die Ausstellung 1999 in Weimar stattfindet. Weitere Einzelheiten sind hingegen nicht zu finden. Anfang September habe ich aus dem Radio mehr zufällig entnehmen können, daß zwei Teile dieser Ausstellung vorzeitig geschlossen werden. Es darf vermutet werden, daß diese Schließung pikante Gründe hat, die selbstredend per Verlautbarung ausgeschlossen wurden.

Es handelt sich um die DDR-Kunst und die Sammlung Adolf Hitlers. Die Aufsätze des Buches, das sicherlich die Ausstellung überdauern wird, spannen einen weiten Bogen. Der Autor, Achim Preiss, sieht aus gegebenem Anlaß unser Jahrhundert im Überblick und als abgeschlossene Epoche. Er hat dabei einen eher soziologischen und politischen Ansatz, der im Zusammenhang mit Kunstausstellungen nach meiner Erfahrung zumindest sehr selten ist. Bei dem Projekt, die klassische Kunst der Moderne mit den zeitgleichen politisch geprägten Strömungen zu konfrontieren, hätte ich eine oberflächliche, unverbindliche, politisch korrekte Ansammlung von Leersätzen erwartet, wie sie typischerweise unsere Ausstellungskataloge füllen.

Aber dieses Buch ist kein Ausstellungskatalog. Der Autor hat wohlfundierte Kenntnisse und Ansichten über ein sehr breites Spektrum gesellschaftlicher Phänomene, mehr noch: er ist in der Lage, eine einheitliche Entwicklung der letzten beiden Jahrhunderte zu zeichnen, die die Kunst als Produkt der gesellschaftlichen Bedingungen kennzeichnet. Mir persönlich war die Einbettung der Kunst des Dritten Reiches und der DDR-Kunst in die Entwicklung unserer Zeit durchaus unklar. Ein Begriff wie Heimat-Kunst war mir überhaupt nicht geläufig. Die Kennzeichnung wirtschaftlicher, politischer und soziologischer Entwicklungen ist außerordentlich pointiert und selbstgewiß. Dies wundert insbesondere bei der Kennzeichnung der beiden Nachkriegs-Deutschland. Aus Details möchte ich vermuten, daß der Autor diese Zeit in der DDR verbracht hat. Möglicherweise ist dies auch der Grund für die außerordentliche Energie und Ernsthaftigkeit, die aus dem Text spricht. Beliebige Texte aus beliebigen westlichen Katalogen zeichnen sich in der Regel durch hochgestochene Leichtgewichtigkeit aus, vorsichtig gesagt.

Leider erfährt die offizielle Kunst der Moderne, die ich als inoffizielle Staatskunst begreife, keinerlei Würdigung. An mehreren Stellen wird allerdings vermerkt, daß die offizielle Staatskunst der beiden totalitären Regime eines natürlichen Todes gestorben ist, insofern die Nachfrage schwand. Damit stellt sich wiederum die Frage der Bewertung von Kunst durch das Publikum, was schließlich die Nachfrage auslöst. Zum Publikum gehört allerdings auch die Riege der offiziellen Hüter der Kunst. Genauer verläßt sich das allgemeine Publikum auf das Urteil der Fachleute; ein Museumsankauf hat in der Regel einen Preisanstieg und sonstige Karriereimpulse zur Folge. Die Bewertung der totalitären Kunst als minderwertig ist einfach und auch in diesem Buch gelungen. Als pädagogische Unterstützung eines Ausstellungsbesuches taugt das Buch allerdings nicht. Zum Nachvollzug der Thesen bedarf es umgekehrt wohl kaum eines Museumsbesuches.

Das eigentliche Thema des Buches - Abschied von der Kunst des 20. Jahrhunderts - spielt im Buch selbst nur eine untergeordnete Rolle. Ich hatte den Eindruck, die Ausstellung und das Thema seien eigentlich nur Vorwand für die Exposition der Entwicklungsschau des Autors, die, wenn ich mit meiner Vermutung richtig liege, auch eine persönliche Abrechnung mit der politischen Geschichtsbetrachtung und Kunsttheorie der DDR ist. Das würde auch das Engagement und die Betroffenheit erklären. Ich möchte das Buch ausdrücklich empfehlen.


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Dokument erstellt am 27.10.1999