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Rezension

 

Konrad Paul Liessmann:
Philosophie der modernen Kunst. Eine Einführung
Wien: WUV-Universitätsverlag 1999, DM 29,-
222 S., brosch., DM 29,-

Rezensiert von
Werner Stuerenburg, Hiddenhausen
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Das Buch macht seinem Titel Ehre, ich habe es gern und interessiert gelesen. Die Einleitung macht bereits klar, was dieses Buch alles nicht kann und will. Insofern entspricht es seinem Anspruch.

Um diese Rezension wiederum einschätzen zu können: ich bin weder Philosoph noch Kunsttheoretiker. Das Buch faßt unter Kunst alle einschlägigen Phänomene, auch Musik, Literatur, Multimedia; ich bin als bildender Künstler Autodidakt und ansonsten bestenfalls halbgebildeter Laie. Mein wissenschaftlicher Hintergrund ist die Mathematik (die allerdings ebenfalls mit Philosophie und Ästhetik zu tun hat). Für mich war es faszinierend, meine persönlichen Wurzeln bei Kant wiederzufinden. Am stärksten geprägt bin ich durch Robert Pirsigs "Zen and the Art of Motorcycle Maintenance", das im Buch keine Erwähnung findet. Dort wird der Begriff "Qualität" zum Zentralbegriff einer monistischen Philosophie entwickelt, übrigens ausgehend vom Beurteilungsproblem literarischer Texte. Soweit ich weiß, wird Pirsig in philosophischen Fachkreisen ignoriert.

Das von Kant bereits thematisierte Phänomen des spontanen Urteilens über ästhetische Phänomene, welches Angesicht der offensichtlichen Subjektivität ständig unvermeidliche, fruchtlose Diskussionen provoziert, ist offenbar immer noch ungelöst. Der Gang durch die Jahrhunderte ist flüssig beschrieben. Probleme werden "gelöst", indem man sich neuen zuwendet - wen wundert das? Auffällig ist die Bedingtheit der jeweiligen Fragestellungen durch die persönliche Disposition der Philosophen. Dieses Phänomen gerät jedoch offenbar niemals in das Blickfeld der Philosophie selbst. Dies ist um so erstaunlicher, als wir inzwischen durch die Erkenntnisse der modernen Psychologie die ungeheure Bandbreite menschlichen Erlebens und Beurteilens besser einschätzen können. Gerade die Kunst als Ausdruckmöglichkeit emotionaler Inhalte und persönlicher Erfahrung, insbesondere für verbal nicht artikulationsfähige Erlebnis- und Erkenntniswelten, verweist einerseits auf den persönlichen Hintergrund, legt andererseits Rezeptionsprobleme für diejenigen nahe, deren Erfahrung völlig andersgeartet ist. Selbst die modernen Philosophen, denen die moderne Kunst, die ja recht eigentlich das Thema dieses Buches ist, besondere Nüsse zu knacken gibt, versuchen eine objektive Ästhetik zu entwerfen, ohne daß ihnen dieses freilich gelingt. Immerhin wird an einigen Stellen recht deutlich ausgesprochen, daß die Moderne zwar Verdienste erworben hat, hohle Strukturen zu beseitigen, ihrerseits jedoch möglicherweise nichts von Belang hat schaffen können.

Dieses Buch begründet seine Existenz unter anderem auch aus dem Gefühl, die Moderne sei eigentlich bereits Epoche. Aus diesem Abstand ist auch ein vernichtendes Urteil über die Kunst der Moderne möglich. Als Kind der Nachkriegsepoche, die bekanntlich die Kunst der Moderne militant durchgesetzt hat (zumindest im Westen), sind solche Gedanken für mich neu und erfrischend. Die Durchsetzung der Moderne habe ich nicht als Indoktrination erlebt, vielmehr die Ideologie des Fortschritts als bare Münze genommen. Allerdings blieb eine Enttäuschung nicht aus, die mit zunehmender Reflektion weniger auf einen Verständnismangel der betreffenden Kunst als vielmehr auf eine Substanzmangel der Werke selbst hinwies. Beispiele konservativer Kunstkritik unseres Jahrhunderts sind ebenfalls berücksichtigt (Gehlen und Sedlmayr) und aus dem oben bereits erwähnten Abstand heraus auch durchaus gewürdigt. Gleichwohl fehlt mir die philosophische Würdigung herausragender Kunstwerke der Moderne, die es bei aller Kritik meines Erachtens durchaus gibt. Einen eigenen Beitrag liefert der Autor nicht.


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Dokument erstellt am 27.10.1999