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Literaturbesprechung

Sabine Offe: Ausstellungen, Einstellungen, Entstellungen. Jüdische Museen in Deutschland und Österreich, Berlin / Wien: Philo-Verlag, 2000. 365 S., kt., EUR 32,50. ISBN 3-8257-0191-3

Rezensiert von:
Mag. phil. Monika Sommer, Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK), Wien
E-Mail: Monika.Sommer@oeaw.ac.at


Wer sich angesichts des Titels ein Handbuch oder eine deskriptive Überblicksdarstellung erwartet, wird enttäuscht sein: Sabine Offe, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Studienganges Religionswissenschaft der Universität Bremen, liefert kein Inventar oder Gesamtverzeichnis von jüdischen Museen, Synagogen, Gedenkstätten, Gedenktafeln, Friedhöfen. Thema ihres Essays ist vielmehr die homologe gesellschaftliche Funktion von Jüdischen Museen in Deutschland und Österreich. Ausgangspunkt ist das Infragestellen von Jüdischen Museen als Orten der Repräsentation von jüdischen Gedächtnisbildern. Diese Institutionen sagen, so die zentrale Hypothese, "weniger aus über die Vergangenheit der Juden als über die Gegenwart der Nichtjuden in beiden Ländern" (S. 44), denn sie sind "Teil einer kulturellen Erfahrung und einer symbolischen Praxis, die diese Erfahrung deutet." (ebda). Die Beschränkung auf Deutschland und Österreich ist Teil der Ausgangshypothese des Buches: Offe betrachtet beide Länder unter dem Aspekt eines gemeinsamen "Gedächtnismilieus", das aktuell die Nachkommen der "Tätergeneration" prägt. In dieser geographischen Beschränkung gründet die gemeinsame Problematik der untersuchten jüdischen Museen, die weder durch ihre Gebäude, noch durch ihre Sammlungen oder Akteure in einer Tradition zu jüdischen Vorkriegsmuseen stehen,[1] da diese zumeist vom nationalsozialistischen Terrorregime geplündert, zerstört und vernichtet wurden.[2] Anders als z. B. in den USA können jüdische Museen in Deutschland und Österreich daher nicht allein Orte v. a. der jüdischen community sein, sondern sie sind zugleich immer auch Erinnerungsorte an Ermordete und Vertriebene; sie "sind Orte der Rettung und Bewahrung ebenso wie der Erinnerung an die deutschen Verbrechen" (S. 14f.). Offe sieht in den in den 1980er Jahren vermehrt ins Leben gerufenen jüdischen Museen eine Fortsetzung von Ausstellungen der 1960er Jahren, die in erster Linie der deutschen und österreichischen "Selbstbeschreibung" gedient und einen "Beitrag zum demokratischen Selbstbild der Bundesrepublik" (S. 73) geliefert hätten, das "vor allem im westlichen Ausland als Gradmesser der erreichten Zivilisierung galt" (ebda S. 73f.). Als zentrales Motiv für das Entstehen jüdischer Museen in beiden Ländern ortet sie ein Begehren der Nachgeborenen, an den Verbrechen des Nationalsozialismus nicht schuld zu sein, welches nicht zu Vergessen, Verdrängen oder Verleugnen führte, sondern sich im Reden über diese Schuld äußert.

Die Autorin versteht sich in Anlehnung an Clifford Geertz als Feldforscherin der "ethnographischen Repräsentation". Sie deklariert - dies erscheint ihr für das Thema zwingend (vgl. S. 21) -, offen ihre eigene Position als die einer nicht-jüdischen, in den letzten Kriegsjahren geborenen Deutschen, reflektiert penibel ihre Methode, ihre teilweise aus der Psychoanalyse entlehnte Begrifflichkeit und das Beziehungsgeflecht zwischen ihr als Forscherin, ihrem Thema und dem Text. Wofür die Autorin sich interessiert, ist die Herstellung der ,Gedächtnisbeziehungen', die sich bei einem Museumsbesuch zwischen den BesucherInnen, dem Museumsgebäude, den Objekten, den KuratorInnen, den PolitikerInnen, kurzum zwischen allen Beteiligten, auf körperlich sinnlicher und (un)bewußter Ebene entfalten. Sie nimmt die Etappen eines Museumsbesuchs - die Existenz der jüdischen Museen als sichtbarer Teil einer "deutschen Seelenlandschaft", die städtebauliche Lage, das Gebäude, die Sammlung, das Objekt, die individuelle Rezeption – jeweils isoliert in einem von sieben Kapiteln in den Blick, um auf gesellschaftliche Diskurse und Symbole zu verweisen, die sich jeweils ablesen lassen. Zielsetzung ist somit nicht eine vollständige Darstellung eines Museums oder einer Ausstellung: Bei der Auswahl ihrer Beispiele will Offe "Symptome" lokalisieren (vgl. S. 44), das heißt, die den Elementen des Museumsbesuchs inhärenten, doch nicht-intendierten Bedeutungen dechiffrieren. Dabei läßt sich die Autorin von "Irritationen" leiten: Dort wo sich im Rahmen der Erkundung "im Feld" ihr Forschungsinteresse fokussiert und sie irritiert wird, setzt sie mit ihrer Analyse gesellschaftlicher Befindlichkeiten an. Mit dieser Vorgangsweise setzt sie sich über Klassifikationen und Bewertungen von richtigen oder falschen Ausstellungen hinweg, das Forschungsfeld "jüdische Museen" bleibt in seiner Heterogenität bestehen und kann trotzdem beschrieben werden.

Werden im ersten Kapitel das Forschungsfeld und die Methode vorgestellt, widmet sich das zweite Kapitel der Entstehung der jüdischen Museen in Orten, die nach Jahrzehnten des Verschweigens und der verborgenen Präsenz ihre jüdische Vergangenheit wiederentdeckten und sichtbar machten, womit die ,deutsche Seelenlandschaft' nach und nach neu karthographiert wurde: Neue Stadtpläne führten nun durch das jüdische Wien oder Hamburg. Sie verweisen auf das Ausmaß der Zerstörung und Vernichtung, denn die Punkte, die sie markieren, sind meist leer, vom raschen Wiederaufbau der Nachkriegszeit längst wieder verbaut und neuen, ,nicht-jüdischen' Funktionen zugeführt oder - blieben Gebäude deutsch-jüdischer Geschichte doch erhalten – neu konnotiert. Das dritte und vierte Kapitel thematisieren zwei konkrete Gebäude: die Neue Synagoge in Berlin, die heute als Museum dient, doch gleichzeitig ein Ort der aktiven jüdischen Gegenwart der Stadt ist, und das Jüdische Museum Berlin von Daniel Libeskind. Die Kontroversen um diesen Bau und seine ,Bespielung' zeigen die aktuelle Bedeutung des (jüdischen) Museums als Handlungsraum der Identitätskonstruktion einer Gemeinschaft und als Kampffeld konkurriernder Vergangenheitsnarrative.

Mit dem fünften Kapitel betreten wir das Museum, wodurch die Objekte ins Zentrum des Interesses rücken. Ist ihre Aufgabe die Dokumentation materieller Kultur oder das Hinweisen auf eine Verlusterfahrung? Sabine Offe spricht sich vehement gegen die oft gepflegte museale Praxis eines "narrativen Fetischismus" jüdischer Museen aus, der eine ungebrochene Erzählung jüdischer Identität vorgibt und "'Juden' als eine über Raum und Zeit identische Minderheit" (S. 215) inszeniert. Die Ausstellungsarchitektur und -objekte sollen, so Offes Plädoyer, den narrativen Fetischimus verweigern: Ausgestellt werden sollte die Leere, der Bruch, die Abwesenheit der jüdischen Kultur, so z. B. in der ,Dauerausstellung' des Jüdischen Museum in Wien. Die Bilder, die dort zu sehen sind, entstehen erst durch die Bewegung der BesucherInnen im Raum, sie verweisen auf Fragmente einstigen jüdischen Lebens in Wien. Geschichte, so wird durch diese Ausstellungsarchitektur versinnlicht, ist ein Konstrukt. In einem Exkurs veranschaulicht die Autorin die Polysemie eines Kidduschbechers. Seine Deutung ist ein Produkt der AusstellungskuratorInnen respektive -gestalterInnen und der BesucherInnen, d. h. museale Objekte sprechen nicht einfach für sich: Unterschiedlichste semantische Schichten können sich am Objekt ablagern, die je nach Kontext inszeniert, installiert und rezipiert werden. Das sechste Kapitel ist der individuellen Rezeption gewidmet. Ausgehend von einem literarischen Text der österreichischen Schriftstellerin Ulrike Längle über ein jüdisches Museum, veranschaulicht Sabine Offe das Potential jüdischer Museen als individuelle Projektionsflächen von Wünschen, Sehnsüchten und Phantasien, um im letzten Kapitel nach deren Bedeutung für das ererbte Schuldgefühl der Nachkommen der Tätergeneration zu fragen und sich einer abschließenden Systematisierung oder Synthetisierung der "widerstrebende[n] Irritationen und ambivalente[n] Erfahrungen mit jüdischen Museen" (S. 290) zu verweigern.

Die Lektüre des Buches von Sabine Offe kann empfohlen werden, allen voran den Museumsakteuren: KuratorInnen, AusstellungsgestalterInnen, MuseumsbesucherInnen. Wer sich mit ,Museum Studies' beschäftigt, für den (oder die) wird es wohl zum Standardwerk werden. Für eine allfällige zweite Auflage wäre aber die Beifügung eines Index wünschenswert. Mit der in der museologischen Literatur unüblichen Form des Essays ist es Sabine Offe gelungen, die dem "Symptom" Museum inhärenten gesellschaftlichen Paradoxien und Antagonismen aufzuzeigen und als solche stehen zu lassen: Dies macht die spezifische Qualität des Buches aus.


Anmerkungen:

[1] Vgl. dazu Klaus Hödl: Jüdische Identität und Museum. Das Wiener Jüdische Museum im 19. Jahrhundert, in: transveral. Zeitschrift des Centrums für Jüdische Studien 3. Jg. - Nr. 1 (2002), S. 47-68. Der Autor verweist auf die Gründungsintention des 1895 initiierten Wiener Jüdischen Museums, das keinen distinktiven, sondern einen integrativen Beitrag der Juden in ihre nicht-jüdische Umgebung zu leisten beabsichtigte.

[2] Eine ,Sonderstellung' nimmt das ,Jüdische Zentralmuseum' in Prag ein. Während andernorts jüdische Museen und Sammlungen zerstört wurden, legten in Prag die Nationalsozialisten 1942 eine Judaica-Sammlung an. Vgl. Dirk Rupnow: Täter. Gedächtnis. Opfer. Das "Jüdische Zentralmuseum" in Prag 1942-1945, Wien 2000 sowie jüngst Jan Björn Potthast: Das Jüdische Zentralmuseum der SS in Prag. Gegnerforschung und Völkermord im Nationalsozialismus, Frankfurt a.M. 2002.


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Dokument erstellt am 15.3.2003