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Literaturbesprechung

Dina Sonntag (Hg.): Neuordnungen. Südwestdeutsche Museen in der Nachkriegszeit. Tübingen: Silberburg-Verlag 2002. 240 Seiten, 138 Abbildungen, 20,5 x 25,5 cm, gebunden mit Schutzumschlag, EUR 29,90. ISBN 3-87407-503-6

Rezensiert von:
PD Dr. Jörn Sieglerschmidt, Landesmuseum für Technik und Arbeit Mannheim / Seminar für Neuere Geschichte der Universität Mannheim
E-Mail: sieglerj@rumms.uni-mannheim.de


Es gibt Veröffentlichungen, die ihre Möglichkeiten versäumen, da sie weder Fragestellungen entwickeln noch weiterbringen. Der vorliegende, von der Landesstelle für Museumbetreuung Baden-Württemberg herausgegebene Band gehört mit wenigen Ausnahmen dazu.
Das ist schade, denn die Thematik ist angesichts des Aufsehens, das die Diskussion um die Bombardierung deutscher Städte gerade in diesen Tagen erlebt, hochaktuell. [1] Auch die nicht nur im Zusammenhang mit dem Thema Beutekunst wieder aufblühende Provenienzforschung hätte für grundsätzliche Erörterungen zur Geschichte der Sammlungen an der Schnittstelle zwischen Diktatur und Demokratie ausreichend Anlaß gegeben. [2] Das alles geschieht nur in Ansätzen und macht in vielen Beiträgen einer eher antiquarisch-chronikalischen Schau auf den Ablauf der Ereignisse Platz. Damit ist eine Möglichkeit verschenkt, die Auseinandersetzung um die Rolle der Museen in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur und der beginnenden Bundesrepublik Deutschland weiterzubringen und an die seit Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts aufgenommene Diskussion der Geschichtswissenschaft anzuknüpfen.

Der einleitende Beitrag von Dina Sonntag (Landesstelle für Museumsbetreuung Baden-Württemberg) versucht, die politischen Grundsatzentscheidungen insbesondere hinsichtlich der kunsthistorischen Museen nachzuzeichnen. Dabei wird deutlich, wie sehr die deutschen Stellungnahmen zur gesellschaftlichen Aufgabe der Museen von den Anschauungen des 19. Jahrhunderts geprägt bleiben. Die Begründung, die Dina Sonntag für die ab Ende der sechziger Jahre aufkommende Kritik an der Museumspolitik der Nachkriegszeit gibt (S. 38f.), ist unvollständig, weil sie weder die personelle Kontinuität in den Museen als wichtig ansieht noch die angebliche Erhabenheit der Kunst über die Niederungen der Politik als Gedankenfigur des 19. Jahrhunderts erkennt, die den Angriff des Nationalismus auf die Institution Museum keineswegs verhindern konnte. Nationalsozialistische Äußerungen zur gesellschaftlichen Rolle der Kunst knüpfen im übrigen nahtlos gerade an diese Gedankenfigur an. Zudem entgeht Dina Sonntag, dass die Entwicklung zum sog. Publikumsmuseum schon weit früher anzusetzen ist: nämlich in der Zeit nach der ersten deutschen Revolution 1848/1849, die damit die Wiederaufnahme dieses Gedankens in der Weimarer Republik vorbereitet. [4] Richtig bleibt im Ergebnis, dass die Museen in Baden-Württemberg die von der UNESCO gedanklich vorbereitete Entwicklung vom Gelehrten- zum Publikumsmuseum in der Nachkriegszeit zunächst verschlafen haben.

Hier wie für die meisten anderen Beiträge fällt auf, dass eine gründliche – auch archivalisches, ungedrucktes Material berücksichtigende ? Aufarbeitung des Stoffes dringend notwendig wäre. Das zeigt sich auch und gerade an dem politisch aufmerksamen Beitrag von Manfred Fath (Städtische Kunsthalle Mannheim), dem diese Fundierung ebenfalls fehlt. Das Schicksal der Kunsthalle Mannheim ist ja hinlänglich bekannt, weil sie eine der durch die Sammlungspolitik der nationalsozialistischen Regierung stark betroffenen Institutionen gewesen ist, die wesentliche Teile ihrer wichtigen Sammlung zur neueren Kunst durch die Beschlagnahmeaktionen der Reichskammer der bildenden Künste verloren hat. Nur weniges ist nach 1945 wieder in die Sammlung gekommen (S. 137f.). Besonders interessant ist die Rolle von Walter Passarge, seit 1936 und bis 1958 Direktor der Kunsthalle. Er wehrt sich mit hinhaltendem Widerstand gegen die Beschlagnahmeaktion und kann dadurch wenigstens kleinere Teile der Sammlung retten. Er ist es, der durch eine entsprechende Ankaufspolitik dafür sorgt, dass die Sammlung nach 1945 wieder schnell ergänzt und ausgebaut wird, um die entstandenen Lücken zu schließen. Er ist zugleich ein Beispiel für die Möglichkeit, sich zumindest partiell dem Druck der nationalsozialistischen Diktatur zu entziehen, ohne Risiken für die eigene Person einzugehen. Trotz einschlägiger Äußerungen der Mannheimer Nationalsozialisten zu Max Slevogt hat Walter Passarge 1941 ein Gemälde von ihm erworben. Ansonsten beschränkt er sich während dieser Zeit vor allem auf den Ankauf kunstgewerblicher Objekte, weil ihm in ihnen am ehesten die Ideen der Avantgarde aufgehoben scheinen. Es wäre daher sinnvoll gewesen, auf die Person Walter Passarges etwas ausführlicher einzugehen.
Wie stark einzelne Personen eine Entwicklung vorantreiben bzw. verhindern können zeigt beispielhaft auch die Geschichte der Sammlung Ottomar Domnicks, der sich besonders nach 1945 dem Sammeln moderner, abstrakter Kunst verschrieben hat. Werner Esser (Stiftung Domnick) schildert die Auseinandersetzung zwischen Heinrich Theodor Musper, dem damaligen Direktor der Stuttgarter Staatsgalerie, und Ottomar Domnick zunächst um die 1952 stattfindende, die Sammlung Domnick präsentierende Ausstellung der Staatsgalerie, dann um die kaum enden wollende Eingliederung dieser Sammlung in den Bestand der Staatsgalerie. Wiewohl der Bezug zum sog. Stuttgarter Aufbruch der Staatsgalerie 1998 nicht ganz einleuchtet, wird deutlich, wie sehr auch Leute wie Heinrich Theodor Musper geglaubt haben, dass das Zeigen abstrakter, neuer Kunst eine segensreiche Bildungswirkung auf ein Publikum ausüben könne, das noch lange geprägt ist durch die nationalsozialistische Verfemung dieser Kunst. Das wird besonders in dem Beitrag von Eva Moser über die erste Nachkriegs-Ausstellung verfemter Kunst im Oktober 1945 deutlich.

Als Glücksfall für diesen Band kann hinsichtlich der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus der Beitrag von Gunter Schöbel (Pfahlbaumuseum Unteruhldingen) gewertet werden, der für die Prähistorie am Beispiel der Person Hans Reinerths diese Probleme bereits zuvor gründlich aufgearbeitet hat. Erstaunlich ist dabei die Diskrepanz, die sich in der Beurteilung der nationalsozialistischen Kulturpolitik zu dem Beitrag von Gustav Schöck (Landesstelle für Volkskunde Baden-Württemberg) auftut. Dieser will am Beispiel Albert Walzers, der sich um die Heimatmuseen in Württemberg verdient gemacht hat, die Kontinuität und Möglichkeit sachbezogener Arbeit in Zeiten ideologischer Vereinnahmung aufweisen. Albert Walzer ist Mitarbeiter von Walther Veeck gewesen, dem damaligen Direktor des Stuttgarter Schloßmuseums (heute: Württembergisches Landesmuseum) und zugleich Museumspfleger für Württemberg und Hohenzollern in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur. Die Reichsgesetzgebung von 1935/1936 mit der Absicht zentraler Überwachung und ideologischer Steuerung der Museen wird mit dem Hinweis auf Veecks konkrete Arbeit und die von ihm veranlaßten Maßnahmen verharmlost. Eine Auseinandersetzung mit der verhängnisvollen Rolle der Volkskunde in der nationalsozialistischen Zeit wird erst garnicht versucht. Gleichwohl ist man geneigt, die liebevolle Beschreibung der Arbeit Albert Walzers ernst zu nehmen, wenn nicht unklar bliebe, welche Position die genannten Personen zum Nationalsozialismus hatten. Das mag angesichts der fachlichen Leistungen vernachlässigenswert erscheinen, doch es steht in diesem Zusammenhang auch die personelle Kontinuität der nationalsozialistischen Kader bis weit in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein zur Debatte, zumal in den Personen von Werner Fleischhauer, dem Direktor des Schloßmuseums 1944-1945 und 1952-1967, und Paul Schmitthenner zwei prominente Beispiele dieser Kontinuität greifbar sind. Der Beitrag von Marc Hirschfell macht allerdings auch deutlich, dass zumindest Paul Schmitthenner sein ästhetisches Programm, das von der Werkbund-Tradition geprägt ist, in der nationalsozialistischen Zeit durch Kompromisse nicht verwässern lassen will. Jenseits aller moralischen Bewertung individueller Handlungen sind es gerade die geistigen Verwandtschaften, die eine Auseinandersetzung mit dem Verhalten der kulturellen Eliten Deutschlands während der nationalistischen Zeit so spannend machen.

Eine solche Spannung entsteht nur im bereits genannten Beitrag von Gunter Schöbel. Robert Rudolf Schmidt, dessen Werdegang bereits in dem wissenschaftshistorischen Beitrag von Jörg Petrasch geschildert wird, begründet zusammen mit der politischen Prominenz Unteruhldingens am Bodensee durch die erste Rekonstruktion einer Pfahlbausiedlung die Tradition des dortigen Museums. Hans Reinerth macht sich als Schüler von Robert Rudolf Schmidt einen Namen in der prähistorischen Forschung durch Einführung neuer Methoden in die Archäologie wassernaher Gebiete (z. B. Planfotografie, Pollenanalyse, Sedimentanalyse). Hans Reinerth, dessen akademische Karriere in Tübingen nicht weiterkommt, stößt bereits 1931 zu den Nationalsozialisten. Er beabsichtigt, das Bild der Germanen als wenig zivilisierter Barbaren zu revidieren und den nordischen Gestaltungswillen in den Mittelpunkt dieser Revision zu stellen. Im Zuge der nationalsozialistischen Museumspolitik will Bernhard Rust, damals Reichserziehungsminister, zusammen mit den Museumspflegern des Schloßmuseums in Stuttgart (für Württemberg) und des Badischen Landesmuseums (für Baden) ab 1936 eine Neuordnung der Museumslandschaft, eine Ausrichtung am völkischen Gedanken und eine entsprechende Säuberung der Museen. Die Pfahlbausiedlung Unteruhldingen wird im Zuge der Maßnahmen 1937 Teil des Reichsbundes für Deutsche Vorgeschichte. Hans Reinerth paßt Gestaltung und ideologische Ausrichtung an die Bedürfnisse völkischer Geschichte an. Er zieht sich erzwungenermaßen 1945 aus der Leitung des Museums zurück. Doch erwirkt eine frühere Mitarbeiterin von ihm bereits im September 1945 die Erlaubnis für die Wiedereröffnung des Museumsbetriebes. 1949 werden in dem nun entnazifizierten Museum bereits wieder 50000 Besucher gezählt. In diesem Jahr wird Hans Reinerth wieder Leiter des Museums und verhindert bis zu seinem Ausscheiden 1986, ja bis zu seinem Tod 1990 jegliche Weiterentwicklung des Museums, die angesichts der seit 1955 erfolgreichen Taucharchäologie auch am Bodensee dringend geboten gewesen wäre. Dass ein vom Badischen Staatsgerichtshof für politische Säuberung 1949 mit entsprechenden Sühneauflagen als schuldig Gesprochener so lange Einfluß haben kann, bleibt ein Vorgang, der wohl nicht allein dem sich rasch einstellenden Besuchererfolg des Pfahlbaumuseums nach 1950 zuzuschreiben ist.

Insgesamt sind einige der Beiträge anregend und eine Aufforderung zu weiterer, tiefer gehender Forschung, die am Beispiel der Museums- und Aussellungspolitik mehr über den Zusammenhang von geistiger Vereinnahmung, geistiger Verunsicherung und geistiger Neuausrichtung in der Zeit um 1945 sagen könnte. Dazu bedürfte es archivgestützter, aufwendigerer Untersuchungen, als sie hier vorgelegt werden konnten, und einer stärkeren Einbettung der Fragestellungen in die aktuelle wissenschaftliche Diskussion.

Anmerkungen:

[1] Jörg Friedrich: Der Brand: Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945, Berlin 2002.

[2] Andreas Grote (Hg.): Macrocosmos in Microcosmo: die Welt in der Stube. Zur Geschichte des Sammelns 1450 bis 1800, Opladen 1994 [Berliner Schriften zur Museumskunde 10].

[3] Peter Schöttler (Hg.): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945, Frankfurt am Main 1997; Winfried Schulze / Otto Gerhard Oexle (Hgg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1999.

[4] Dazu Walter Hochreiter: Vom Musentempel zum Lernort. Zur Sozialgeschichte deutscher Museen 1800-1914, Darmstadt 1994.


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Dokument erstellt am 15.1.2003