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Rezension / Review

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Jan Björn Potthast:: Das Jüdische Zentralmuseum der SS in Prag. Gegnerforschung und Völkermord im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main: Campus 2002, 503 Seiten; ISBN 3-593-37060-3, Preis 49,90 Euro

Rezensiert von:
Dr. Gudrun Schwarz
Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur
E-mail: Gudrun_Schwarz@his-online.de


Mit zu den irritierendsten Projekten der Nationalsozialisten zählt das durch jüdische Wissenschaftler unter Aufsicht der SS in Prag errichtete "Jüdische Zentralmuseum". Was, so fragen wir uns heute, wollten ausgerechnet die, die sich zum Ziel gesetzt hatten die europäischen Juden zu vernichten und die Erinnerung an ihre Existenz auszulöschen, mit einem Museum, in dem – in acht Gebäuden und fünfzig Depots – hunderttausende jüdische Kultgegenstände, Bücher etc. gesammelt und aufbewahrt wurden? War es eine jüdische List, der SS die Gründung eines Museums abzuringen und damit wenigstens die sakralen Gegenstände zu retten? Oder war es eine Initiative der SS, in Prag, mit seiner tausendjährigen jüdischen Geschichte und den entsprechenden Überlieferungen und Gebäuden, ein Museum für ihre eigenen Belange zu gründen und von kompetenten jüdischen Wissenschaftlern einrichten zu lassen?

Diesen Fragestellungen geht Jan Björn Potthast in seiner Studie über das "Jüdische Zentralmuseum" nach. Im Kontext der nationalsozialistischen "Gegnerforschung" und der im Protektorat Böhmen und Mähren praktizierten "Judenpolitik" untersucht Potthast durch wessen Initiative dieses Projekt in Gang gesetzt und mit welcher Motivation dieser Entschluß begründet wurde. Zentral ist ihm hier die "Gegnerforschung", die er in drei Kapiteln seines Buches behandelt – "Forschung und Vertreibung: Die Gegnerforscher und das Sammeln von Studienmaterial im NS-Staat bis 1939"; "Die Gegnerforschung und der Beginn des Massenmordes" und "Die Gegnerforschung im totalen Krieg" – Hier erarbeitet und beschreibt er die Vorgeschichte der Vernichtung und die gleichzeitige "Musealisierung" jüdischen Lebens. Er stellt dar, daß und wie sich die Gegnerforschung nach 1933 zur "kulturwissenschaftlichen Hybriddisziplin" (28), in der sich Soziologen, Statistiker, Sprachforscher, Zeitungswissenschaftler, Ethnologen, Kunsthistoriker etc. tummelten, aufgeschwungen hatte. Erläutert, wie die „selbsternannte geistige Elite, die wissenschaftliche-ideologische Speerspitze der Bewegung" mittels Gründung von speziellen Instituten, Archiven und Museen, um deren Errichtung sich mehrere NS-Dienststellen erbittert stritten, "eine eigene Form der ›Wissenschaft‹, die in ihrer Radikalität ziemlich einzigartig dasteht" schuf. (ebd.) Dabei unterstreicht Potthast u.a. die Rolle Alfred Rosenberg‘s, den der amerikanische Historiker Max Weinreich 1946 noch als "the key person in streamlining anti-Semitism" 1) bezeichnet hätte, der aber in Folge der Darstellung von Reinhard Bollmus (1970) als ein "glückloser Dogmatiker…, der auf die Politik des Reiches wenig Einfluss hatte" 2) in der Forschung bis heute unterschätzt würde. Für Potthast aber ist Rosenberg einer der wichtigsten "Vor- und Mitdenker der mörderischen Rassenpolitik … (und) vom Anfang der ›Bewegung‹ bis zur Götzendämmerung des Reiches einer der radikalsten antisemitischen Agitatoren … Der ›Vernunftantisemitismus‹ 3) war maßgeblich sein Werk." (167) Mit seiner Gründung des "Instituts zur Erforschung der Judenfrage" in Frankfurt am Main, als erste Außenstelle der "Hohen Schule" mit der Rosenberg das Reich überziehen und sich somit die Deutungshoheit sichern wollte , stellte er sich in direkte Konkurrenz zur SS, die diesen Position für sich beanspruchte.

Im Kapitel über die "Judenpolitik" im Protektorat Böhmen und Mähren, analysiert Potthast zum einen die besonderen Bedingungen, die hier herrschten und die sich von anderen besetzten oder annektierten Gebieten unterschieden – so beispielsweise die Sonderstellung von Karl Hermann Frank, der als Staatsminister und Höherer SS- und Polizeiführer exekutive und staatliche Macht in seiner Person bündelte und daher über einen enormen Gestaltungsspielraum verfügte. Er beschreibt wie das Modell der "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" welches Adolf Eichmann und seine Männer in Wien entwickelt hatten, in Prag noch weiter perfektioniert wurde; wie die SS ihre Vormachtstellung im Protektorat erringen und so u.a. auch verhindern konnte, daß der Konkurrent Rosenberg mit seiner "Kampfgemeinschaft nationalsozialistischer Wissenschaftler" (333) in Prag "richtig Fuß fassen konnte". (182) Er beschreibt aber auch die Arbeit und die Mitarbeiter der Jüdischen Kultusgemeinde in Prag, einer durch die SS installierten und von deren Anordnungen abhängigen Institution. Für die SS war die Kultusgemeinde "Ansprechpartner, Sprachrohr und Exekutivorgan". (97) Ausführlich diskutiert Potthast diese "Zwangsgemeinschaft", geht der Frage nach, ob diese erzwungene Kooperation als Kollaboration oder als "tragisches Dilemma" in dem sich die Juden befunden hätten, gewertet werden sollte. Und er schildert, wie mit der Etablierung von Theresienstadt als zentralem Ghetto und dem Beginn der Deportationen der jüdischen Bevölkerung von Böhmen und Mähren der Plan der Gründung eines Jüdischen Zentralmuseums in Prag aufkam. Für Potthast geht dieser Plan auf eine jüdische Initiative zurück, wie insbesondere auch die einzige überlebende jüdische Mitarbeiterin und spätere Museumsleiterin nach 1945, Hanna Volaková, immer wieder betonte. Anhand diverser Dokumente kommt Potthast zu dem Schluß: "Hier ist eindeutig die jüdische Initiative belegt". (229) Die Motivation der jüdischen Kultusgemeinde sei vorrangig die Rettung unersetzlicher sakraler Gegenstände und die Rettung der Mitarbeiter des Museums gewesen. 4)


Warum aber wollte die SS "dem jüdischen Erbfeind ein Denkmal, ein Museum errichten"? Potthast kommt hier zu folgenden Überlegungen. Ohne Entscheidung zur "Endlösung der Judenfrage", das heißt Massenmord an den europäischen Juden, hätte es keine Entscheidung für ein jüdisches Zentralmuseum gegeben; beides gehört unmittelbar zusammen. Zudem sei es zum Zeitpunkt der Gründung des Museums schon lange nicht mehr nur um Deutschland oder Europa gegangen, längst sei die Eroberung der ganzen Welt im Blick genommen worden und damit auch die Juden in aller Welt, die es zu vernichten gelte. Für die SS sei das Zentralmuseum eine Institution gewesen, die ihren Platz im 1000-jährigen Reich haben sollte. Hier sollten in Zukunft die kommenden Generationen, die, obgleich "bereits ›befreit vom jüdischen Einfluß‹, immunisiert werden … gegen den jüdischen ›Völkervergifter‹." (424) Schon Rosenberg hatte, anlässlich der Eröffnung seines ›Instituts zur Erforschung der Judenfrage‹ in Frankfurt, erklärt: "Wenn die Judenfrage in Deutschland – und einmal in ganz Europa – gelöst wird, dann könnte nach uns vielleicht eine Generation kommen, die sich nicht mehr Rechenschaft abzulegen vermag, was sich denn eigentlich in diesen Jahrzehnten abgespielt hat. Unsere Enkel könnten vielleicht, befreit vom jüdischen Einfluss, erneut schwärmerischen Ideen verfallen und die Wirksamkeit des jüdischen Volkes inmitten der Europäer nicht mehr so einschätzen, wie wir es heute tun müssen." (425)

Jan Björn Potthast hat mit dieser Studie eine profunde Dissertation vorgelegt: es wäre allerdings wünschenswert, daß Verlage wie gerade auch der Campus-Verlag endlich wieder Lektoren einsetzen würden. Der vorliegenden Studie hätte die Arbeit eines guten Lektors sehr gut getan, die Zahl der Fehler wäre gesunken und viele der lästigen Wiederholungen wären gestrichen worden, was auch dem Preis zugute gekommen wäre.

Anmerkungen

1) Weinreich, Max, Hitler’s Professors. The part of scholarship in Germany’s crimes against the Jewish people, New Haven 1999 (1946).
2 ) Bollmus, Reinhard, Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem (Studien zur Zeitgeschichte 1), Stuttgart 1970.
3 ) Über den Stellenwert des "Antisemitismus der Vernunft" äußerte sich Raul Hilberg jüngst in einem Interview in der NZZ Online. Auf die Frage: "Wenn Sie eine Dokumentation über die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden herausgeben würden, mit welchen Dokument würden Sie beginnen?" antwortete er: "Vielleicht mit einem Brief, den Hitler im September 1919 schrieb. Darin lehnte er die Form des Antisemitismus ab, die sich auf ›rein gefühlsmäßige Gründe‹ stützte, und propagierte stattdessen den ›Antisemitismus der Vernunft‹ - ein Antisemitismus, der ›zur planmässigen gesetzlichen Bekämpfung‹ führen müsse und dessen letztes Ziel unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sei. Das ist der Anfang gewesen, ein politisches Programm, das rational bestimmt war. Der von Hitler so bezeichnete ›Antisemitismus der Vernunft‹, den er zum Regierungsprogramm machte, führte zum Mord an den europäischen Juden." Quelle: http://www.nzz.ch/2002/12/10/fe/page-article8KAG6.html
4) In Unterschied dazu argumentiert Dirk Rupnow, daß es weder für die Gründung des Museums auf jüdische Initiative noch auf Befehl der SS eine durch die Quellenlage abgesicherte eindeutige Antwort gibt. »Im Grunde sind die beiden gegenübergestellten Versionen kein entscheidender Gegensatz, ist die Frage nach der Initiative nicht die alles entscheidende Frage, wie ein Blick auf die Dokumente aus der Kriegszeit und die Erinnerungen der Nachkriegszeit zeigen können. Das Museum ist und bleibt – so oder so - ›die komplementäre Kehrseite der Deportationen‹.« Rupnow, Dirk, Täter. Gedächtnis. Opfer. Das ›Jüdische Zentralmuseum‹ in Prag 1942 - 1945, Wien 2000, S. 64.

 


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Dokument erstellt am 2.1.2003