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Rezension

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Friedrich Scheele (Hg.):
Rrrr! Ein ander Bild! Guckkastenblätter des 18. Jahrhunderts aus der graphischen Sammlung (= Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Ostfriesischen Landesmuseum Emden, 25.7.-19.9.1999)
Oldenburg: Isensee Verlag 1999; 276 S., 33 farb. u. 134 s/w-Abb., kart., DM 29,80

Rezensiert von 
Angela Schwarz
Gerhard-Mercator-Universität - GH Duisburg

Die Schaulust ist den Menschen angeboren, denn durch das Sehen, das Erblicken, Entdecken, Erkennen, der Gewinnung einer (Welt-)Anschauung bestimmt sich ein grosser Teil unseres Zugangs zur Welt. Ihr mit einem Blick in geschlossene Räume oder eigens entwickelten Apparaturen zu frönen, besitzt zweifellos einen besonderen Reiz, wird doch der Blick auf Bilderwelten gelenkt, die im Verborgenen liegen. Nachdem die Renaissance das Bild erst einmal von den Beschränkungen befreit hatte, denen es als Sakralgegenstand unterlag, konnte eine Popularisierung beginnen, die dem Visuellen eine bis heute stetig angestiegene Wertschätzung eingebracht hat. Die menschliche Erfindungsgabe hat seitdem immer neue Hilfsmittel kreiert, um das visuelle Erlebnis zu steigern. Die Namen, die diese Hilfsmittel erhielten, lassen schon einiges von der Faszination der Perspektive erahnen, die sie jeweils eröffneten: Camera obscura, Laterna magica, Mutoskop, Lebensrad, Wundertrommel und, etwas schlichter, Guckkasten. Im 18. Jahrhundert liessen sich bis hin zum bewegten Bild schon viele von den visuellen Reizen bieten, die uns heute so vertraut sind.

Der Guckkasten, wie Simone Hübner in einer anschaulichen und gut lesbaren Einführung des Begleitbandes zur Ausstellung von 1999 erläutert, wurde im 18. Jahrhundert zur Betrachtung von z.T. kolorierten Kupferstichen und Radierungen erfunden. Er bestand aus einem mit ein oder zwei Linsen ausgestatteten Holzkasten, in dem Spiegel die Sicht auf ein eingelegtes Bild eröffneten. Anders als Laterna magica oder Camera obscura täuschte der Guckkasten dem Betrachter Dreidimensionalität vor und gab ihm das Gefühl, sich direkt im Bildgeschehen zu befinden. Mit verschiedenen Beleuchtungseffekten konnte den Bildern, die durch die Linsen zu sehen waren, noch ein weiterer "special effect" entlockt werden, indem nämlich durch das Licht etwa eine Abendstimmung erzeugt oder eine lodernde Feuersbrunst realistischer dargestellt wurde – die später entworfene Faltperspektive (Beitrag von K.-H- Steckelings), die ohne den Kasten auskam, vermochte eine noch stärkere Raumwirkung zu erzeugen. Kein Wunder also, dass sich die Guckkästen bei allen grosser Beliebtheit erfreuten. Während sich die Wohlhabenden aufwendige Apparaturen anfertigen lassen konnten, hatte die weniger betuchte Bevölkerungsmehrheit in Stadt und Land die Möglichkeit, auf Jahrmärkten oder durch das Angebot der herumreisenden Guckkastenmänner einen oder auch mehrere Blicke zu riskieren – gegen Bezahlung natürlich. Mit dem im Titel des Begleitbandes zitierten Ausruf kündigte der "Vorführer" seinem Publikum das nächste Bild an.

Die Schaulustigen konnten eigens für die Kästen hergestellte Themenbilder bestaunen, die angesichts der Popularität des Mediums hohe Auflagen erreichten. Es ist sicher nicht verfehlt, die Guckkastenblätter als ein Massenmedium des 18. Jahrhunderts zu bezeichnen. Trotz der Ausstellungen in Hamm (1975), Siegen (1982), Berlin (1987) und zuletzt Emden sowie einiger Einzelpublikationen zur Technik und zu Blättersammlungen steht die umfassende ikonographische und motivgeschichtliche Auswertung der Bilder im "Fernseher des Barock" (S. 7) allerdings noch aus.

Die Guckkastenblätter zeigten Ansichten von Städten in Europa und Asien, Land- und Seeschlachten, historische Ereignisse, stellten Mythen oder Szenen aus der Bibel und auch Ereignisse aus der Wissenschafts- und Technikgeschichte – darunter die ersten Flüge mit Ballons – dar. Sie erfüllten zahlreiche Funktionen. Denjenigen, die in ihrem Leben kaum über das heimische Dorf oder Stadtviertel hinauskamen, erlaubten sie das „Reisen mit den Augen“. Sie dienten der Unterhaltung, Veranschaulichung und Belehrung, was gerade im Zeichen eines durch die Aufklärung erhöhten Bildungsbedürfnisses eine wichtige Rolle spielte – der Beitrag von Wolfgang Jahn weist eigens darauf hin. Sie brachten manchen Verlegern in Augsburg, London, im italienischen Bassano oder anderswo mitunter ansehnliche Gewinne ein und halfen jenen, die auf ein Auskommen hofften oder keine Alternative hatten, sich mit dem Guckkasten ihren Unterhalt zu verdienen. Reich werden konnten die "Guckkästner", die zum fahrenden Volk gehörten und wenig Ansehen genossen, in der Regel nicht. Interessante Informationen zu diesem Berufsstand liefert der zweite Beitrag, doch wird darin leider nur die Oberfläche berührt. Wären die Überschneidungen mit dem einführenden Text entfallen, wäre zweifellos Platz für das „Mehr“ gewesen, das sich der faszinierte Leser bei der Lektüre wünscht – wohlwissend, dass ein Ausstellungskatalog nicht der Ort für eine Sozialgeschichte der Guckkästner sein kann.

Im Katalogteil kann ein Teil der 1999 im Ostfriesischen Landesmuseum ausgestellten Guckkastenblätter der graphischen Sammlung, angesichts des Zustandes der Vorlagen in recht guter Reproduktionsqualität, vom Leser und der Leserin des Begleitbandes in Augenschein genommen werden. Sie bieten einen guten Eindruck davon, was das Medium zeigte und, bis zu einem gewissen Grad auch, was die Menschen sehen wollten.


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Dokument erstellt am 30.1.2001