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Literaturbesprechung

Jan-Holger Kirsch: Nationaler Mythos oder historische Trauer? Der Streit um ein zentrales 'Holocaust-Mahnmal' für die Berliner Republik, Köln/Weimar/Wien: Böhlau, 2003 (Beiträge zur Geschichtskultur; 25). Br., 400 S., 8 Taf. mit 11 s/w Abb., EUR 34,90. ISBN: 3-412-14002-3

Hans-Georg Stavginski: Das Holocaust-Denkmal. Der Streit um das "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" in Berlin (1988-1999), Paderborn: Ferdinand Schoeningh, 2002. Festeinband, 357 S., 22 s/w Abb. als Bildanhang, EUR
35,80. ISBN: 3-506-78635-0

Rezensiert von Tanja Schult, Södertörns högskola, Schweden
Email: TanjaSchult@web.de


Einmal mehr wird ein Denkmal, eigentlich doch Produkt künstlerischen Schaffens, Untersuchungsgegenstand der historischen Wissenschaft. Denn diese Kunstform im öffentlichen Raum ist im höchsten Maße abhängig von politischen Entscheidungen und kann daher durchaus als Ausdruck gesellschaftlicher Verfasstheit interpretiert werden. Doch die Titel der hier zu besprechenden Publikationen verweisen bereits darauf, dass es sich (noch) nicht um eine eingängige, monographische Studie des im Bau befindlichen Entwurfs von Peter Eisenman handelt, sondern um den Weg, der zu seiner Entstehung führte, um die begleitende publizistische Kontroverse, die jedoch als Spiegel der Geschichtskultur des vereinten Deutschlands dient. Dank der umfassenden Vorarbeit dieser beiden Historiker wurde die Grundlage gelegt für eine kunsthistorische Untersuchung, die - nun da Eisenmans Konzept nach und nach plastische Gestalt annimmt - wünschenswert ist. Die Entscheidungs-, Enstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Debatte wurde nun eingängig untersucht - eine ästhetische Analyse bräuchte sich daher nicht mehr mit der Kontroverse um das "ob überhaupt" und "wozu" ein 'Denkmal für die ermordeten Juden Europas' denn dienen mag, auseinander zu setzen, sondern könnte sich vor diesem Hintergrund der künstlerischen Umsetzung widmen und der Frage nachgehen, ob das "wie" des realisierten Entwurfs überzeugend ist.

Jan-Holger Kirsch, H-Soz-u-Kult-Lesern durch seine Tätigkeit als Redaktionsmitglied und als Rezensent bekannt, legt nach seinem 1999 erschienen Buch "'Wir haben aus der Geschichte gelernt'. Der 8. Mai als politischer Gedenktag in Deutschland" [1] nun eine weitere Publikation zur jüngeren, konkret gegenwärtigen Gedenkkultur in Deutschland vor. Ihm vorausgegangen ist die Dissertation von Hans-Georg Stagvinski mit nahezu gleicher Thematik. Die Arbeiten gehen nicht aufeinander ein, da sie ungefähr parallel zueinander entstanden sind. Kirsch und Stagvinski widmen sich dem Streit um das 'Denkmal für die ermordeten Juden Europas', das als zentrales Gedächtnismahnmal Aufschluss über die Mechanismen der Erinnerungspraxis in der Berliner Republik zu geben vermag. Es ist hervorzuheben, dass beide Autoren einmal nicht dem derzeit so beliebten Trend der vergleichenden Studien folgen. Der Untersuchungsgegenstand wird eingegrenzt auf die Kontroverse um das Denkmal und damit im Wesentlichen auf den Zeitraum der 1990er Jahre. Die Debatte um das Denkmalprojekt markiert den Übergang der Bonner zur Berliner Republik und kann so exemplarisch verdeutlichen, welchen Stellenwert die NS-Zeit im wiedervereinten Deutschland hat bzw. haben wird. Dabei ist die Auswahl des Mahnmals von den Autoren klug gewählt: sein Standort in der neuen Hauptstadt Berlin an herausgehobener Stelle markiert - wie der Umzug des Bundestages - einen dezidierten Neubeginn, und verweist auf die ihm zugewiesene Bedeutung als zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik.

Stagvinskis Beitrag ist vor allem in der Rekonstruktion der gesamten Debatte zu sehen. Wenngleich die geleistete Recherchetätigkeit und damit beeindruckende Grundlagenforschung anerkannt werden muss, wird die detaillierte Wiedergabe des Verfahrens bisweilen für den Leser ermüdend. Kirsch gelingt es indessen, vor dem Hintergrund der publizistischen Kontroverse weiterführende gedächtnistheoretische Erkenntnisinteressen zu verfolgen und zudem auf künstlerische Entwürfe näher einzugehen. Da sich weite Teile der beiden Abhandlungen in ihren Ergebnissen decken, Kirsch jedoch weitere Aspekte einbezieht, wird sich im Folgenden verstärkt der Arbeit Kirsch gewidmet und ausgehend davon nur kursorisch auf die Arbeit Stagvinskis verwiesen.

Beide Autoren erörtern zunächst die dem nun im Bau befindlichen Entwurf von Eisenman vorausgegangene publizistische Kontroverse um das ob überhaupt, für wen, wo und das mögliche Erscheinungsbild eines solchen Denkmals. Dabei ist Kirsch wesentlich präziser in der Benennung der ausgewerteten Quellen: über 2900 (!) Artikel aus FAZ, FR, SZ, Tagesspiegel, TAZ, Spiegel und ZEIT, die wohl motiviert und geeignet sind, ein umfassendes Bild der Debatte zu liefern. Darüber stellt er eine vollständige Liste mit Daten, Autoren und Titeln der Artikel zur Verfügung, die auf der Homepage des Verlages abrufbar ist. [2] Auch Stagvinski - wie leider erst im Anhang eindeutig zu erfahren ist - konzentriert sich auf eine ähnliche Auswahl der wichtigen Tages- und Wochenzeitungen sowie ergänzend sogar auf Stichproben weiterer Blätter. Hier wäre eine kurze, präzisere Darstellung im Text hilfreich gewesen. Kirsch versteht seine Analyse als eine Bestandsaufnahme und als Grundlage für künftige Debatten, nun da nach dem Bundestagsbeschluss und der Stiftungsgründung von 1999 die publizistische Kontroverse zu einem vorläufigen Abschluss gekommen ist. Der Darstellung der Debatte schliesst sich eine Kurzübersicht der eingereichten Beiträge der Wettbewerbe an, in dem Kirsch es dankenswerter Weise nicht scheut, auch auf Kitsch und Kuriosa einzugehen und so die (bisweilen peinliche) Spannbreite der eingereichten Beiträge verdeutlicht. Anschliessend werden vier Wettbewerbsbeiträge näher vorgestellt, um damit Antworten auf die übergeordneten Fragen zu finden, wie historische Erinnerung knapp sechzig Jahre nach dem Ende des NS-Regimes aussehen kann und welche Bedeutung Trauer im Verständnis der Berliner Republik heute haben mag. Neben einer eingängigeren Erklärung, warum Kirsch gerade die Beiträge von Christine Jackob-Marcks et. al., Horst Hoheisel, Renata Stih/Frieder Schnock und (natürlich) Peter Eisenman ausgewählt hat, wäre zu überlegen, ob die Wettbewerbsbeiträge der publizistischen Kontroverse nicht hätten vorangestellt werden sollen, um die Streitpunkte vor dem Hintergrund des Anschauungsmaterials nachvollziehbarer werden zu lassen. Kirsch wählt den umgekehrten Weg, wohl um zu verdeutlichen, wie die diskursive und die ästhetische Ebene einander beeinflussen. Dies gelingt ihm auch ausserordentlich gut und die vier beschriebenen Beispiele verweisen auf die unterschiedlichen Auslegungen des Denkmalbegriffs am Ende des 20. Jahrhunderts. Eine kurze Übersicht über das Spektrum der neueren Denkmalskunst ist hier hilfreich. Auch Stagvinski geht ausführlich auf "Denkmal und Denkmalskritik" ein und bietet damit zuküftigen kunsthistorischen Arbeiten eine profunde Ausgangslage. Nun, da Eisenmans Kompromissentwurf Gestalt annimmt, ruft Kirsch mit der Übersicht und den vier ausführlicheren Beispielen in Erinnerung, welche konzeptionellen Alternativen zum Eisenman Entwurf bestanden. Deutlich wird, wie schwer es ist, gerade dem Anspruch, ein zentrales, ja "das" 'Holocaust'-Mahnmal zu schaffen, gerecht zu werden. Die vier Entwürfe verweisen nicht nur auf künstlerische Positionen, sondern selbstverständlich gleichzeitig auf eine unterschiedliche Erinnerungspraxis.

Jörn Rüsen fungiert bei der Publikation von Kirschs Arbeit nicht nur als Reihenherausgeber; er war auch Betreuer der Promotion. Das wird nicht zuletzt deutlich, wenn Kirsch die Kategorie der (historischen) Trauer einbezieht, die er jedoch zu präzisieren versucht. Folgt man Rüsen oder Dan Diner, und erkennt im Holocaust eine elementare Erschütterung der Grundlagen der Humanität, dann müsste es "möglich sein, dass alle Menschen um einen derart elementaren Verlust gemeinsam trauern (...), dass die Menschheitskategorie sehr wohl ein Bezugspunkt für die Trauer sein kann." (S. 15) Durch die Einbeziehung der Trauer gelingt es Kirsch, den Kontext der Gedächtniskultur um einen interessanten Aspekt zu erweitern. Historische Trauer könnte ihm zufolge eine dauerhafte Praxis des kulturellen Gedächtnisses werden, was einen "Zugewinn an geschichtlicher Selbstverständigung" bedeute. (S. 16) Wie Kirsch selbst zu verstehen gibt, ist die Einbeziehung der Kategorie der Trauer in erster Linie ein Denkanstoss für spätere Forschung und konnte von ihm nicht erschöpfend examiniert werden. Kirschs erweiterter Widmungswunsch auf andere als die jüdischen Opfer der NS-Politik (darauf wird abschliessend noch eingegangen) kann auch als ein Plädoyer dafür verstanden werden, diese zentrale deutsche Gedenkstätte in der symbolgeladenen Mitte Berlins als einen zentralen Ort des Trauerns zu begreifen, der "sekundären Trauer, die die Distanz zum historischen Geschehen und die fortdauernde Divergenz der Perspektiven berücksichtigt." (S. 13) Diese Chance auf einen Ort gemeinsamer Trauer scheint in Berlin verschenkt worden zu sein.

"Eiligen Lesern" bietet Kirsch Zwischenbilanzen, die jeweils die wichtigsten Ergebnisse der Kapitel zusammenfassen. Da Kirsch neben reger Rezensionstätigkeit auch zahlreiche Aufsätze veröffentlicht hat, hätte seinem 400 Seiten starken (zudem kleingedruckten und mit einem umfangreichen Fussnotenkatalog versehenen) Werk Mut zu Kürzungen nicht geschadet. Zum Beispiel im zweiten Kapitel, 'Historisierung oder Mythisierung?', in dem Kirsch einleitend wichtige Debatten wie die Wehrmachtsausstellung, die Goldhagen-Publikation, "Schindlers Liste", Klemperers Tagebücher, die Entschädigungszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter sowie Walsers umstrittene Friedenspreisrede dem kontextuellen Verständnis zur Geschichtspolitik der neunziger Jahr voranstellt. Ferner hätte zumindest auf die beigegebenen Gedicht- und Zitatverweise, die einigen Kapiteln vorangestellt wurden, verzichtet werden können. Es ist bedauerlich, dass Kirsch seinem eigenen Ausdrucksvermögen und eigener Argumentation nicht mehr vertraut - er hätte auf einige der angeführten Zitate und Verweise durchaus verzichten können. Gewünscht hätte ich mir eine kurze Übersicht über bereits erschienene Publikationen zum Thema (wie Kirsch es in Rezensionen tut). Stagvinski bietet dem gegenüber zumindest einen kurzen Forschungsüberblick. Sehr hilfreich ist bei Kirsch die "Chronologie" im Anhang, die die wichtigsten Etappen der Denkmalskontroverse zusammenfasst. Aufgrund des internationalen Interesses an diesem Thema hätten beide Autoren gut daran getan, eine englische Zusammenfassung ihres Themas anzubieten. Kirschs Arbeit ist weit mehr als eine Monographie zur Kontroverse um das Berliner Denkmal. Er zeigt an diesem Beispiel, dass vom Übergang von der Bonner zur Berliner Republik neue Tendenzen im Umgang mit der NS-Geschichte deutlich werden: das Bekenntnis zur Schuld oder besser Verantwortung für diese Schuld wird zur Basiserklärung des vereinten Deutschlands, zur positiven Identität für die Gegenwart hergeleitet. Auch Stagvinski erkennt den Wunsch nach einer gemeinsamen nationalen Identität in der wiedervereinten Republik. Ob dieses gegenwärtige Erinnerungsbekenntnis zur Verantwortung und zur gemeinsamen Nationalgeschichte in der Zukunft eingelöst und wie es praktisch umgesetzt werden wird, muss unter anderem Eisenmans fertig gestelltes Denkmal zeigen.

Zusammenfassend sei hier noch einmal betont, dass beide Arbeiten die publizistische Kontroverse umfassend dokumentieren und analysieren. Natürlich könnte eine weitere historische oder kulturwissenschaftliche Arbeit ergänzende oder voneinander abweichende Informationen in einer konzentrierten Studie für ein breiteres Publikum zusammenfassen. Dabei könnte nun auf die Darstellung des Verfahrens en detail verzichtet werden zugunsten der wichtigesten Entwicklungen und Entscheidungen. Begrüssenswert wäre dabei eine Klärung einzelner Sachverhalte, die in beiden Publikationen zu kurz gekommen sind, wie z.B. die tatsächliche rechtliche Situation der umstrittenen Intervention Helmut Kohls in der Denkmalsfrage, die von Kirsch und Stagvinski jeweils nur großzügig als "Kanzlerveto" beschrieben wird. Abschliessend möchte ich auf ein Versäumnis in beiden Publikationen hinweisen, das von Historikern eigentlich hätte vermieden werden muessen. Obwohl Kirsch sich mit Bewertungen bewusst zurück hält, wird deutlich, dass er mit dem Titel des Denkmals nicht glücklich ist: er hätte sich eine Ausweitung der Widmung (bereits im Wettbewerbsverfahren) gewünscht. Ganz ähnlich auch Stagvinski. Leider sind beide Autoren - vielleicht dem Drängen ihrer Verlage auf publikumswirksame Titel oder der in den Medien üblichen Verkürzung des Denkmalnamens gefolgt : Beide Cover zieren das Schlagwort "Holocaust-Denkmal", was nicht weiter auffallen würde, distanzierten sich nicht beide stark von der einschränkenden Widmung des Denkmals ausschließlich für die ermordeten Juden Europas und plädierten für eine Ausweitung der Widmung auf weitere Opfergruppen. Hierbei muss Stagvinski zugute gehalten werden, dass er mit seinem Kapitel zur Verfolgung und Vernichtung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus und vor allem durch dessen Nichtbeachtung im bundesdeutschen Gedenken durchaus Sympathien für sein Plädoyer schafft. In einer Fussnote (S. 79) versucht er dann allerdings abzuhandeln, was in die Einleitung gehört und den Exkurs zu den Roma und Sinti überflüssig gemacht hätte: Die für das Thema dieser beiden Arbeiten zentralen Frage nach der Definition des Begriffes Holocaust. Gerade als Historiker hätten Kirsch und Stagvinski auf die unterschiedlichen Positionen renommierter Vertreter ihres Faches wie z.B. die Yehuda Bauers und Dan Diners, oder Zygmunt Baumans und Eric D. Weitz usw., eingehen müssen. Erst eine Klärung des Begriffes hätte die Tiefe der Denkmalskontroverse begreifbar machen können. Stagvinski macht seine eigenen Ansätze zur Darstellung der unterschiedlichen Positionen selbst zunichte, wenn er im bereits genannten Exkurs unvermittelt von 'Shoah' spricht (S. 80). Eine Klärung der unterschiedlichen Definitionen hätte ein Plädoyer für ein integrales Erinnern nicht ausschliessen müssen, hätte aber den Streit um die Widmung und die Schwierigkeiten um eine gemeinsame Erinnerungskultur sehr viel deutlicher machen können.


Anmerkungen:

[1] Jan-Holger Kirsch: "Wir haben aus der Geschichte gelernt". Der 8. Mai als politischer Gedenktag in Deutschland, Köln/Weimar/Wien 1999 (Beiträge zur Geschichtskultur; 16).

[2] Dokumentation <http://www.boehlau.de/pdf/bonus/BOEHLAU-3412140023-Bonus.pdf> PDF, 84 S.]


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Dokument erstellt am 23.10.2003