VL Museen

Literaturbesprechung

Gottfried Korff. Museumsdinge: Deponieren - Exponieren. Hrsg. von Martina Eberspächer, Gudrun Marlene König und Bernhard Tschofen. Köln / Weimar / Wien: Böhlau, 2002. Geb., 394 S., 34 schw.-w. Abb, EUR 39,90.
ISBN: 3-412-04202-1

Rezensiert von:
Dr. Jana Scholze, London / Berlin
E-Mail: jana.scholze@gmx.de



"Das Museum hat eigentlich nicht mit Visualisierung zu tun, sondern das Museum stellt aus, arrangiert anschaubare Objekte im Raum. Visuell sind seine Bauelemente eo ipso - und nicht nur seine didaktische Strategie. Das Museum bebildert nicht; es ist Bild" (S. 144).

Präzise und bestimmt, stichhaltig und konsequent (er)kennt man die Formulierungen Gottfried Korffs, mit denen er seit mehr als 25 Jahren die Museums- und Ausstellungsszene nicht nur in Deutschland kommentiert. Seit Anfang der 70er Jahre, nach der sogenannten "Museumsmisere", erarbeitet Korff "in historischer Sichtung die Bedingungen des Sammelns, Bewahrens und Zeigens". Damit beschritt er neue Wege. Seine genauen Beobachtungen aus unmittelbarer Nähe und aus gesuchter Distanz zeigen den wachen, theoretischen Denker hinter allen Praxis bezogenen und in der Praxis vollzogenen Konzepten, Präsentationen und Kritiken.

Sicher warteten und hofften nicht wenige schon seit langem auf das "Museumsbuch" des Tübinger Museumstheoretikers und -praktikers Gottfried Korff. Nun liegt es in einer Sammlung seiner Texte aus den Jahren 1980 bis 2000 vor. Der Titel "Museumsdinge" verweist auf den Ausgangspunkt der theoretischen Überlegungen. Die Ambiguität ist bewusst gewählt, denn sowohl den gesammelten und ausgestellten Objekten als auch den multiplen Themen und Phänomenen in und um das Museum im Allgemeinen gehört seine Aufmerksamkeit.

Kompromisslos räumt Korff in seinen museologischen Überlegungen den Objekten der Sammlung Priorität ein, einem Verständnis folgend, nachdem der Ort des Museums durch nichts anderes als durch das Deponieren und Exponieren einer Sammlung definiert ist und sich darin von ähnlichen oder gar konkurrierenden Institutionen unterscheidet. Vorschnell könnte diese Objektvorliebe dem Volkskundler Korff zugeschrieben werden; beim Lesen der unterschiedlichen Texte erscheint hierfür allerdings weniger der heutige Hochschullehrer als vielmehr der langjährige Museumspraktiker einflussreich. Für die Objektfokussierung macht Korff die "Erinnerungsveranlassungsleistung" als eine spezifische Charakteristik der Museumsobjekte verantwortlich. Diese Qualität sei der Grund sowohl des Sammelns als auch des Präsentierens. Folgerichtig ergibt sich der Untertitel des Buches "Deponieren - Exponieren" - ein Verweis auf den Vergangenheits- wie Gegenwartsbezug mit den entsprechenden Funktionen des Museums. Korff beschreibt diese zwei divergierenden, doch in Relation stehenden Seiten als Modi der Museumsarbeit: zum einen als "Modus der Potentialität (als umfassendes Depot der Sachkultur, als Lager angesammelter und bewahrter Realien), zum anderen als "Modus der Aktualität (als der von einer jeweiligen Gegenwarts- und Zukunftsaufgabe aus aktualisierte und perspektivierte Bestand an verfügbar gemachtem Sinn)" (S. 142). Den Prozessen des Deponierens und Exponierens gemeinsam ist die Konstruktion von Sinn und Bedeutung, die sich in der Objektforschung durch die Eingliederung in den historischen Zusammenhang und in der Übersetzung von theoretischen und hypothetischen in sinnliche Erkenntnisse in der Museumspräsentation vollziehen.

Das Buch ist in vier Abschnitte unterteilt. Die ersten beiden versammeln Texte zur Museumstheorie, insbesondere zu Formen und Theorien des Exponierens sowie zu allgemeinen Konzepten und Phänomenen der Institution Museum. Die Abschnitte drei und vier widmen sich der Ausstellungspraxis, wobei unterschieden wird zwischen Ausstellungsprojekten, die von Gottfried Korff zwischen 1975 und 2000 konzipiert, kuratiert und begleitet wurden und Ausstellungen dritter, die er kritisch kommentierte. Allein im dritten Abschnitt kommen neben Gottfried Korff Gastautoren – meist Kollegen und Mitarbeiter dieser Projekte - zu Wort. Nicht wenige nutzen die Möglichkeit zu einer (in)direkten Laudatio auf den Jubilar, dessen 60. Geburtstag Anlass für das vorliegende Buch war. Die Themen der Texte geben unauffällig biografische Verweise, etwa wenn Korff als ehemaliger Mitarbeiter des Rheinischen Freilichtmuseums Kommern das Freilichtmuseum mit seinen Dokumentations- und Vermittlungsformen analysiert oder wenn der seit zwei Jahrzehnten erfolgreiche Ausstellungsmacher nicht müde wird, Expositionsformen und -strategien zu beschreiben.

Schon zu einer Zeit, als historische Ausstellungen sich erst als eigenständige Form entwickelten und sich zunächst als Flachwarepräsentationen von Kunstausstellungen unterschieden, verwies Korff darauf, dass Ausstellungen im Unterschied zu anderen historischen Darstellungsformen unweigerlich als ästhetische Präsentationsform definiert sind und als solche verstanden werden müssen. "[...] Ästhetik, das ist die Tatsache, dass sie [Ausstellungen, J.S.] den Augensinn, die Motorik und den Intellekt des Betrachters gleichermaßen bedienen. Eine Ausstellung ist eine Installation einer historisch bedeutungsvollen Merkwelt in einem dreidimensionalen Raum, in der sich der Betrachter in toto, mit Leib und Seele bewegt" (S. 334). Folglich muss die Aufgabe von Museen als Ermöglichung historischer Erkenntnis durch reflektierte sinnliche Anschauung formuliert werden (S. 337). Korff begründet dies mit dem spezifischen Charakter der gesammelten Objekte, deren Materialität und Medialität die sinnliche Anschauung ermögliche: "Das originale Objekt erheischt die Inszenierung als erklärende Darstellung schon allein, weil es nicht nur Dokument ist, sondern weil es über eine sinnliche Qualität verfügt. Durch seinen Bezug zur Authentizität der Dinge kommt eine ästhetische Erfahrungsform ins Spiel, deren Konsequenz eine ästhetische Präsentationsform ist" (S. 144).

In den Texten zeigt sich Korff als langjähriger scharfsinniger, sensibler und kritischer Beobachter und Berichterstatter der Museumsszene, weswegen das Buch an mancher Stelle hand- und lehrbuchähnliche Qualitäten aufweist: ob in Stichworten zur Museumstheorie und zur Ausstellungsgeschichte, in Anleitungen oder Grundsätzen des Ausstellungsmachens oder in Formen der Reflexion museologischen Arbeitens. Einflussreich für sein Denken sind die Kompensationstheorie Hermann Lübbes bzw. Joachim Ritters, die Ausstellungstheorie Siegfried Gideons, Peter Sloterdijks "Schule des Befremdens" und verschiedene Theoretiker der Postmoderne. In den Aufsätzen zeigt sich eine eher französische als angloamerikanische Orientierung, wenn auch letztere keineswegs unbeachtet und unkommentiert bleibt. An nicht wenigen Stellen bedauert man die verkürzte Abhandlung eines Themas, die der Aufsatzform geschuldet ist. Deshalb wünschte man sich, dass zu manchen dieser überwiegend noch zu wenig beachteten Themen eine eigenständige Monographie entstünde.


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Dokument erstellt am 5.8.2003