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Rezension / Review

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Ulrich Schwarz / Philipp Teufel (Hg.): Handbuch Museografie und Ausstellungsgestaltung, Ludwigsburg: av Edition 2001. 240 Seiten; EUR (D) 49,- / EUR (A) 50,40 / SFr 114,-.

Rezensiert von
Dr. Jana Scholze, Berlin
Email: jana.scholze@gmx.de

Endlich ist es da: ein Buch zur Gestaltung von Ausstellungen! Noch dazu ein Handbuch. Mit umfangreichem exzellenten Photomaterial, mit anregenden Handskizzen und Computergrafiken, mit Texten verschiedener Ausstellungsgestalter und mit der Vorstellung unterschiedlichster Ausstellungsprojekte – von Jahrhundertschauen bis zu Geheimtipps. Es ist unbestritten, dieses Buch wurde sehnsüchtig erwartet; nicht nur von Studenten, wie einige Autoren bemerken, sondern von fast allen, die in irgendeiner Weise mit Ausstellungen zu tun haben.

Der Titel des Buches Museografie und Ausstellungsgestaltung provoziert meist schon die Frage: Was ist Museografie? Innerhalb von Museen scheint Museografie ein unbekannter, unter Gestaltern dem Buch zufolge ein vertrauter Terminus zu sein. Soll der Titel auf einen intendierten Leserkreis hindeuten? Zumindest verweist er auf die Autoren: Ausstellungsgestalter, Architekten und Kommunikationswissenschaftler.

Einführend wird auf das grundsätzliche Fehlen spezifischer Ausstellungstermini bzw. präziser Definitionen hingewiesen. Neben der Bezeichnung der Ausstellungsgestaltung wird die des Ausstellungsdesigns und der vom Themenpark der EXPO 2000 bekannte Begriff der "Szenografie" genannt. Die darauf folgende Definition kann als Versuch gewertet werden, die zwei temporal verschiedenen Ausstellungstypen zu unterscheiden, die temporäre und die permanente. Demnach werden mit Museografie "alle Gestaltungsaufgaben für Dauerausstellungen, welche die Museumssammlung präsentieren sollen" bezeichnet. (Ruedi Baur führt später sogar die Profession des Museografen ein; verwirrenderweise allerdings im Zusammenhang mit temporären Ausstellungen). Ausstellungsgestaltung oder –design bezieht sich demgegenüber auf "temporäre Ausstellungen, die ein Thema in den Mittelpunkt stellen oder eine Idee präsentieren". Man kann nur wünschen, dass damit die schon lange dringend nötige Diskussion um präzise Definitionen im Ausstellungsbereich angestossen wird. Das Buch selbst widmet sich diesem Problem im Weiteren aber nicht.

Der Band gliedert sich in eine Einführung, Exkurse und Projekte. In der Einführung werden mit drei Beiträgen neben der Begriffsbestimmung Interdisziplinarität im Arbeitsprozess, die Entstehungsphasen einer Ausstellung und professionelle Ausstellungsplanung thematisiert. Undeutlich ist die Differenzierung dieser einführenden Beiträge zu den folgenden Exkursen. Eine mögliche Unterscheidung wäre die am Beispielprojekt erläuternde Behandlung eines Themas, was aber nicht konsequent in allen Beiträgen der Exkurse durchgehalten wird. Gerade Beiträge wie von Martine Scrive "Zur Konzeption wissenschaftlicher Ausstellungen" oder von Annette Noschka-Roos über "Bausteine eines besucherorientierten Informationskonzepts" sind von grundlegender, keinesfalls exkursiver Art. Mit sehr klaren Gliederungen bieten diese Texte prägnante, anregende Einführungen anhand von gut ausgewählten Beispielen sowie die wichtigsten Stichworte zum jeweiligen Schwerpunkt der Ausstellungsarbeit.

Andere Texte der Exkurse behandeln die Familienfreundlichkeit und allgemein das Thema Kommunikation im Museum sowie wiederholt die Themen Ausstellungsplanung und Interdisziplinarität an konkreten Projektbeispielen. Die abschliessenden acht Ausstellungsprojekte sind aufgrund der differierenden Inhalte und Kontexte gut ausgewählt, obwohl die Kriterien dieser Auswahl nicht transparent werden und eher willkürlich erscheinen. Angebracht wäre beispielsweise die Unterscheidung der Projekte nach Museografie und Ausstellungsgestaltung, womit die Differenz der beiden Termini noch deutlicher hätte unterstrichen werden können. (An keiner Stelle des Buches wird diese Unterscheidung dezidiert wieder aufgenommen und begründet.) Die Projekte werden anhand von Dokumentationsphotos der Ausstellungen, meist ergänzt durch Grundrisse, Skizzen und Texte, vorgestellt. Leider sind die Texte zu den Projekten in ihrem Umfang und Inhalt oft so knapp, dass die visuelle Vorstellung durch das ausgezeichnete Photomaterial nur selten inhaltlich erweitert oder gar vervollständigt wird.

Abschliessend muss Zweifel über die deklarierte Handbuchqualität geäussert werden. Eine typische Ordnung oder Gliederung zum Nachschlagen spezifischer Stichworte oder Themen bietet das Buch nicht. Die Beiträge decken nur bedingt das gesamte Themenspektrum der Ausstellungsgestaltung ab; „technische“ Hinweise beispielsweise zu Projektverträgen, Finanzierungsmodellen usw. fehlen. Zudem werden in etlichen Texten ausschliesslich persönliche Erfahrungen referiert, was zwar wertvolle Einblicke liefert, dem allgemeinen Charakter eines Handbuchs jedoch nicht gerecht wird.

Vielleicht waren sich auch die Herausgeber des Buches über den Handbuchcharakter nicht sicher und haben aus diesem Grund den klassifizierenden Terminus sehr klein, fast verloren und ohne Zusammenhang zum Titel auf den Buchdeckel gesetzt.

Jörn Borchert schreibt in seinem Beitrag: "Museen sind Schatzinseln, die entdeckt werden wollen." Ich glaube, dass dies auch für die theoretische Diskussion um Museum wie Ausstellung gilt. In diesem Sinne ist das Buch ein wertvoller, wie gesagt, lang ersehnter Beitrag zur Auseinandersetzung mit den Inhalten und Gestaltungsformen von Ausstellungen sowie zur Aufklärung über die dafür notwendigen Arbeitsprozesse. Es bleibt zu hoffen, dass das Buch den Beginn einer langen Reihe von Publikationen zum Thema Ausstellung anzeigt.


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Dokument erstellt am 2.2.2002