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Literatur-Rezensionen

 

Nicola Lepp / Martin Roth / Klaus Vogel (Hrsg.):
Der Neue Mensch. Obsessionen des 20. Jahrhunderts.
Katalog zur Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum
vom 22. April bis 8. August 1999, Ostfildern: Hatje Cantz Verlag 1999,
296 S., 284 Abb., davon 179 farbig, broschiert, DM 68.-

Rezensiert fuer VL Museen und H-Soz-u-Kult von
Joachim Schmiedl
Theologische Hochschule Vallendar
PJSCHMIEDL@compuserve.com

Die Wende im November 1989 hat das Publikum darüber belehrt, wohin Utopien gehören: auf den Müllhaufen der Geschichte." (S. 23) Diese provokative Aussage der Marburger Literaturwissenschaftlerin Barbara Bauer gibt die diskussionswürdige Grundthese der vorliegenden Publikation wieder. Die Utopie des „neuen Menschen" sei von der faustischen Selbsterlösung über pädagogische und (pseudo-)religiöse Konzepte, den Mythos der technischen und biologistischen Machbarkeit bis hin zur Obsoleterklärung des Denkens in so vielfältiger Weise mißbraucht worden, daß sie insgesamt als Irrweg und „Obsession" angesehen werden könne. Dies wird von den fundierten und einen guten Überblick über die Wirkung anthropologischer Ansätze von der Aufklärung bis zum Ende des 20. Jahrhundert vermittelnden Beiträgen im ersten Teil der Publikation dargelegt.

Bebildert werden diese Thesen im zweiten Teil, dem Katalog zu einer Ausstellung des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden. Dessen Hauptattraktion, der „Gläserne Mensch" von 1930, war Anlaß der Ausstellung: „Mit dem Gläsernen Menschen wird die Ikone des Neuen Menschen konstruiert, das Deutsche Hygiene-Museum wird dessen Tempel." (S. 6) Unter sechs Stichwörtern versuchte sich die Ausstellung dem Phänomen des Neuen Menschen anzunähern.

Das „Archiv" dokumentiert die Inventarisierung des Menschen; herausgehoben werden das Interesse für Bevölkerungsentwicklungen, für Ethologie und Anatomie, für chirurgische Eingriffe und angebliche rassische Merkmale.

Lebensentwürfe nach der Natur werden in der Abteilung „Garten" präsentiert. Es sind in erster Linie die Ergebnisse der Lebensreformbewegungen der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts: Lichtgebet, Gartenbau, Siedlungswesen, Vegetarismus und Naturheilmethoden werden konkret in der Jugendbewegung, in der Reformpädagogik, in Kunst und Tanz.

Wie der Mensch neu wahrgenommen wird, zeigt das Stichwort „Kosmos". Technische Medien, wie Fotografie und Röntgenstrahlen, erweitern das Spektrum des Blicks auf den Menschen und seine Umwelt.

Die Bemühungen, diesen besser erkannten und durchschauten Menschen ökonomisch nutzbringend einzusetzen, verdeutlicht die „Fabrik". Beschrieben wird die Geburt der Psychologie, die Erforschung tierischen und menschlichen Verhaltens und die Entstehung der Rasseneugenik als eigener wissenschaftlicher Disziplin. Die Umsetzung der tayloristischen Arbeitsorganisation wird anhand der mährischen Schuhfabrik Bat‘a illustriert.

Perfektioniert wurde die Obsession des neuen Menschen unter den „Lager"-Bedingungen der totalitären Systeme. Dabei führt der Weg über die kollektive Erbringung von Arbeitsleistungen im Arbeitsdienst zu den Arbeits- und Vernichtungslagern und willkürlich gefällten Straf- und Todesurteilen. Deutscher Nationalsozialismus und russischer Sowjetkommunismus lernten dabei gleichermassen voneinander.

Der letzte Teil der Ausstellung dokumentiert die „Matrix", auf der sich unsere Gegenwart abspielt. Von der computergestützten Beinprothese und den Industrieroboter über die Pille und Wolle vom Schaf „Dolly" bis zum DNA-Modell reicht der Mythos der Machbarkeit. Daß jedoch die Vision des Übermenschlichen nicht das Ganze ist und die Hoffnung auf den Verlust der Individualität nicht aufgegeben zu werden braucht, zeigen die Porträtfotos „erster Menschen", mit denen die Ausstellung und der Katalog abschließen. Allerdings gilt auch hier die Ambivalenz von Pionierleistungen: Ob sie letztlich der Menschheit zum Guten gereichen, kann erst aus der Distanz der Geschichte beurteilt werden.

Nach der Lektüre des Buches bleibt ein beklemmender Eindruck zurück. Das apodiktische Urteil, Utopien gehörten auf den Müllhaufen der Geschichte, drängt sich auf. Vielleicht aber kann es ergänzt werden durch eine andere Utopie: dass die Menschheit imstande ist, aus der Geschichte zu lernen.


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Dokument erstellt am 22.8.1999