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Rezension

 

Andreas Zolper: "Die Aufregung steigt von Stunde zu Stunde".
Die Revolution 1848/49 in Hagen und Hohenlimburg,
Hagen: Lesezeichen Verlag 1999 (= Hagener Stadtgeschichte(n), Bd. 8)
96 S., 27 Abb., brosch., DM 19,80

Rezensiert fuer VL Museen und H-Soz-u-Kult von
Joachim Schmiedl
Theologische Hochschule Vallendar
PJSCHMIEDL@compuserve.com

Eine der vielen lokalen Ausstellungen zum 150. Gedenken an die Revolution von 1848/49 ist anzuzeigen. Im Museum Schloß Hohenlimburg wird den Sommer über an den Aufbruch zur Freiheit im südlichen Westfalen erinnert. Der Begleitband ist aus der Ausstellung erwachsen, bietet freilich keinen klassischen Katalog, sondern eine gut lesbare, mit zeitgenössischen Quellentexten dokumentierte und mit ausgewählten Abbildungen - meistens Karikaturen und Reproduktionen von Dokumenten - illustrierte Broschüre.

Ursache der revolutionären Zusammenschlüsse in Hagen und Limburg war sozialer Protest unterbürgerlicher Schichten. Ein bürgerliches Unterstützungskomitee nahm sich mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen den von der konjunkturellen Krise des Verlagssystems am meisten Betroffenen an. Aus diesen Kreisen rekrutierten sich die in den Revolutionsjahren die Oberhand gewinnenden Eliten. Das Bürgertum setzte sich in den im März 1848 gegründeten Bürgerwehren an die Stelle des Militärs, es übernahm die Initiative und Führung bei den Wahlen zum Provinziallandtag in Münster, zum Preußischen Landtag und zur Frankfurter Nationalversammlung, es organisierte politische Vereine und die von der vorübergehenden Pressefreiheit profitierenden neuen Organe. Den gewählten Abgeordneten wurden in den Monaten des Parlamentarismus mehrere politische Schwenks zugemutet. Grundlegung für die Haltung Vinckes und Harkorts blieb aber ihr preußischer Patriotismus, aufgrund dessen sie der Wahl Friedrich Wilhelms IV. zum deutschen Kaiser zustimmten.

Die Lage spitzte sich Ende April 1849 mit der Ablehnung von Reichsverfassung und Kaiserwürde und der Auflösung der Zweiten Kammer zu. Eine Petitionsbewegung ging nach Berlin. Unter Führung der Bürgerwehren kam es in Südwestfalen zum Maiaufstand. In den Städten übernahmen Sicherheitsausschüsse das Kommando. Die Niederschlagung des Aufstands durch das Militär forderte in Iserlohn 42 Todesopfer.

Die reaktionäre Wende, die sich in der Politik bereits durchgesetzt hatte, war an den Gerichten allerdings noch nicht vollzogen. So kamen die Hauptbeteiligten mit Freisprüchen oder milden Strafen davon. Auch Suspendierungen vom Dienst wurden bald wieder rückgängig gemacht. Einige wenige entzogen sich durch Flucht ins Exil nach Holland, den USA und der Schweiz der drohenden Verhaftung; nach wie vor war der Hauptgrund für eine Auswanderung in diesen Jahren die wirtschaftliche Not.

Lobend hervorzuheben ist, daß das Lesebuch zur Ausstellung nicht mit dem Scheitern der Revolution schließt, sondern die Memoria an sie eigens thematisiert. Im Kaiserreich bezogen sich allein die Linksliberalen und die Sozialisten positiv auf 1848/49. Doch während sich erstere gegen eine reaktionäre Deutung der Revolution zur Wehr setzen mußten, standen letztere vor dem Dilemma, daß die Protagonisten aus dem Bürgertum stammten. Die lokalgeschichtliche Erinnerung zeigt, daß in Hagen - wie an vielen anderen Orten - die Feiern 1898/99 von einer ambivalenten Haltung geprägt waren, 1948/49 ausfielen und erst 1998/99 der gemeinsamen Besinnung auf die demokratische Tradition dienten.


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Dokument erstellt am 20.7.1999