VL Museen

Rezension / Review

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Gudrun Bucher: Bleibt Aschenputtel in Frankfurt grau? Stellung des
Völkerkundemuseums im Kulturbetrieb einer Großstadt am Beispiel
Frankfurt/Main. Münster/Hamburg/London: LIT-Verlag, 2002
[Hagener Studien zum Kulturmanagement, 7]. 107 S. ISBN 3-8258-5894-4

Rezensiert von
Dr. Anna Schmid, Niedersächsisches Landesmuseum Hannover
Email: atschmid@gmx.de



Trotz anhaltender Diskussionen seit den 70er Jahren ist es bislang nicht gelungen, dem Völkerkundemuseum einen spezifischen Platz in der Museumslandschaft, im Fach Ethnologie oder gar in der Öffentlichkeit zuzuweisen. Zwar wurde in verschiedenen Museen versucht, politische und gesellschaftliche Entwicklungen in die Ausstellungs- und Veranstaltungsarbeit aufzunehmen (z.B. Museum für Völkerkunde Hamburg, Rautenstrauch-Joest Museum für Völkerkunde, Köln) oder auch neuere Diskussionen und Erkenntnisse aus der universitären Disziplin umzusetzen (vgl. v.a. Musée d'ethnographie, Neuchâtel), jedoch blieben diese Ansätze weitgehend unbeachtet. Weiterhin wurde versucht, Besucher über ein breites Veranstaltungsprogramm zu gewinnen, aber die Konkurrenz auf dem Event-Markt scheint zu groß; zudem können Völkerkundemuseen in den seltensten Fällen finanziell mit Großveranstaltern konkurrieren.

Die Arbeit von Gudrun Bucher will sich des Themas - Aschenputteldasein der Völkerkundemuseen - anhand des Völkerkundemuseums der Stadt Frankfurt/M. annehmen, um darüber zu einem Modell der stärkeren Besucherorientierung zu gelangen. Bucher versucht zunächst, die Inhalte und Aufgaben des Faches seit dem 18. Jahrhundert zu skizzieren. Der 5-seitige Abriss gerät ihr zu einem Sammelsurium von Daten (erstes Auftreten des Begriffes Völkerkunde, Übersetzungsprobleme bei den angelsächsischen Disziplinbezeichnungen, Kulturbegriff, Feldforschung nach Malinowski, Probleme der Kolonialzeit für die Ethnologie), das eine auf das Thema bezogene Kohärenz vollständig vermissen lässt. Im Kapitel über Völkerkundemuseen werden bereits genannte Daten wiederholt, auf die hinlänglich bekannte Spaltung in universitäre und museale Ethnologie und ihre Konsequenzen eingegangen und die Verschiebung der Akzente in der Museumsarbeit von Sammeln, Bewahren und Forschen auf Vermitteln verwiesen.

Die Darstellung der Problembereiche, die sich in der Ausstellungstätigkeit in Völkerkundemuseen ergeben (fremde Kulturen sollen einem Verstehensprozess zugänglich werden), hätte aussagekräftig werden können, wenn anstatt Allgemeinplätze zu wiederholen an Beispielen aufgezeigt worden wäre, worin die Problematik bei sozialkritischen oder kulturvergleichenden Ausstellungen besteht. Warum waren die Kölner Ausstellungen der 80er Jahre nur anfangs erfolgreich? Inwiefern lag es am Thema? Inwiefern an der Form der Präsentation? Völlig unverständlich bleibt auch, warum die Autorin in dem von ihr behandelten Kontext die Völkerschauen als besondere Bürde der Museumsethnologie herausgreift. Es drängt sich der Verdacht auf, dass ihr dieses Thema durch die Literaturlage leichter zugänglich war.

Der erste Teil der Arbeit ist in weiten Teilen überflüssig, teilweise unlogisch und übersieht die wichtigste in den letzten Jahren erschienene Literatur zu den angesprochenen Themen (vgl. dazu Bouquet (ed.) 1999, Greenberg, Ferguson, Nairne (eds) 1996, Ames 1992, Karp, Kreamer & Lavine (eds) 1992, Karp & Lavine (eds) 1991, Stocking (ed.)1985, um nur einige wenige zu nennen).[1] Eine Auseinandersetzung mit der rezenten Literatur hätte wenigstens eine klar formulierte Problemstellung und vielleicht sogar eine neue Sichtweise inspirieren können.

Im zweiten Teil referiert die Autorin die Schwierigkeiten des Völkerkundemuseums als politisches Projekt in der Stadt Frankfurt (politische Versprechungen, Neubauvorhaben, Erweiterung der Ausstellungsräumlichkeiten um die Galerie 37); sie stellt verschiedene Ausstellungen des Museums und ihre Resonanz vor. Darüber hinaus thematisiert sie die Umbenennung von ,Frankfurter Museum für Völkerkunde' in ,Museum der Weltkulturen' unter der neuen Direktorin - eine Umbenennung, die Programm sein soll nach dem Vorbild des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin. Ob es sich dabei um die Aussage der Direktorin handelt, oder um eine Folgerung der Autorin bleibt unklar. Ebenso bleibt unklar, ob die Aussage: ,Es wird also ein Dienstleistungsbetrieb entstehen' (S.60) programmatische Absicht für die Zukunft oder bereits begonnene Realisierung ist.

Vor diesem Hintergrund will Bucher im letzten Teil der Arbeit ein Marketingkonzept ,zur besseren Kommunikation mit den potentiellen Nutzern des Museums' (S. 63) entwickeln. Die folgenden Ausführungen betonen die Notwendigkeit, die Öffentlichkeitsarbeit stärker in den Museumsalltag einzubinden und Besucherorientierungen zu berücksichtigen. Um eine stärkere Besucherorientierung zu erreichen, sollten - so die Autorin - vor, während und nach Ausstellungsprojekten Evaluierungsmaßnahmen durchgeführt werden. Das immer wieder von allen Seiten gepriesene Instrument der Evaluierung wurde in bundesdeutschen Museen selten konsequent durchgeführt. Auch die Ausführungen zum Vorgehen bei den Evaluationen von Bucher bleiben oberflächlich und eklektisch. Darüber hinaus schränkt sie die Bedeutung der vorgeschlagenen Maßnahmen selbst ein: ,Im Falle des Frankfurter Museums für Weltkulturen würde die Durchführung der einzelnen Evaluationsphasen zumindest die Kenntnis des Publikums und der Nichtbesucher erhöhen.' (S. 87; Hvhg AS). Um tatsächlich einen Einblick in sinnvolle Evaluationsarbeit im Museum zu bekommen, sei auf das kürzlich erschienene Werk von Lord & Lord verwiesen.[2]

Abschließend bleibt zu bemerken, dass der vielversprechende Titel alles schuldig bleibt. Anstatt unausgegorene Vorschläge - ohne jeglichen Rekurs auf hervorragende Literatur zu dem Thema - wäre eine solide empirische Arbeit wünschenswert gewesen.

Anmerkungen:

[1] Mary Bouquet (ed): Academic anthropology and the museum. Back to the future, Utrecht: Stichting Focaal, 1999; Reesa Greenberg/Bruce W. Ferguson/Sandy Nairne (eds.): Thinking about exhibitions, London/New York: Routledge, 1996; Michael M. Ames: Cannibal tours and glass boxes. The anthropology of museums, Vancouver, B.C.: UBC Press, 1992; Ivan Karp/Christine Mullen Kreamer/Steven D. Lavine (eds.): Museums and communities. The politics of public culture, Washington: Smithsonian Institution Press, 1992; Ivan Karp/Steven D. Lavine (eds.): Exhibiting cultures. The poetics and politics of museum display, Washington: Smithsonian Institution Press, 1991; George W. Stocking (Ed.): Objects and others. Essays on museums and material culture, Madison, Wisc.: University of Wisconsin Press, 1985 [History of anthropology; 3].

[2] Barry Lord/Gail Dexter Lord (Eds.): The Manual of Museum Exhibitions, Walnut Creek/Lanham/New York/Oxford: AltaMira Press, 2002.


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Dokument erstellt am 2.11.2002