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Rezension

 

National Museum of Denmark /Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland /Réunion des Musées Nationaux /Association Française d’Action Artistique /Hellenic Ministry of Culture (Hg.):
Götter und Helden der Bronzezeit. Europa im Zeitalter des Odysseus
Ostfildern: Verlag Gerd Hatje 1999. XVI, 304 S., 581 Abb., davon 244 farb., Ln., DM 98,- /ÖS 715,- /SFr 91,-

Rezensiert von
Thomas Saile,
Georg-August-Universität Göttingen,
Seminar für Ur- und Frühgeschichte

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Die 25. Ausstellung des Europarats unter dem Titel „Götter und Helden der Bronzezeit. Europa im Zeitalter des Odysseus" wurde/wird zwischen 1998 und 2000 in Kopenhagen, Bonn, Paris und Athen gezeigt. Sie bildete Abschluß und Höhepunkt der vom Europarat 1994 initiierten Aktion zur Bronzezeit als dem „ersten Goldenen Zeitalter" Europas, in dem „Europa zum ersten Mal als Einheit erkennbar wurde". Die 237 Exponate, darunter außergewöhnliche Pretiosen, stammen aus 23 europäischen Ländern. Sie sollten „der breiten Öffentlichkeit ... die Idee einer kulturellen Einheit Europas" vermitteln; ein ambitioniertes Unterfangen, bedenkt man beispielsweise das im 3. und 2. Jahrtausend v. Chr. insbesondere von Südosten nach Nordwesten fortschreitende erhebliche Kulturgefälle innerhalb des Kontinents. Eindringlich schildert beispielsweise V. Furmánek in seinem Beitrag über Kontakte zwischen dem „zivilisierte[n] Süden und de[m] barbarische[n] Norden" diese Zusammenhänge. Gleichwohl belegen weit verbreitete, formenkundlich ähnliche archäologische Zeugnisse (Rundschilde, Schwerter, Sonnen- bzw. Vogelmotive, Buckelkeramik) durchaus gewisse Gemeinsamkeiten im alteuropäischen Kulturraum.

Entsprechend heißt es an anderer Stelle einschränkend (S. 14): „Die Ausstellung möchte ... auf der Grundlage archäologischer Funde aus der europäischen Bronzezeit eine Annäherung an die Welt Homers vermitteln, wie er sie in seinen Epen vor uns entstehen läßt". Odysseus steht hier stellvertretend als „Mittler zwischen den adligen Höfen Europas", die offenbar enge Kontakte untereinander hielten. Die Ausstellung konzentriert sich daher auf „einzelne Bereiche der bronzezeitlichen Welt", v.a. auf Fundmaterial des 2. und beginnenden 1. Jt. v. Chr., das mit der damals „führenden Gesellschaftsschicht" zu verbinden ist.

Als erste Hochkultur auf dem europäischen Festland hat ab dem 16. Jh. v. Chr. die mykenische Palastkultur kulturelle Impulse unterschiedlicher Art und Intensität ausgesandt. In diese mykenische Bronzezeit reichen die Epen Homers über den Troianischen Krieg und die Heimkehr des Odysseus zurück, die ihrerseits eine der Bildungsgrundlagen des von griechischer und römischer Antike geprägten Kulturraumes der Alten Welt darstellen. Auf die vorarchaische, mykenische Sachkultur weist in den Schilderungen Homers beispielsweise die Beschreibung der mit Eberhauern geschmückten Helme. Homer verfaßte die Ilias um 730, die Odyssee um 700 v. Chr.; es handelt sich um die frühesten literarischen Erzeugnisse Europas. Während H. Schliemann die Geschichte über den in Zusammenhang mit archäischen Expansionsversuchen in das östliche Mittelmeer und dem politisch-militärischen Rückzug der Hethiter (Föderation von Assuwa) stehenden Krieg um Troia noch auf Troia II bezog, wird heute in Anlehnung an W. Dörpfeld das an das Ende des 13. Jh. v. Chr. datierte Troia VI für das homerische Troia/Ilios ghalten (S. 11 u. 28), bzw. der Interpretation der amerikanischen Ausgräber gefolgt, die dafür Troia VIIa in Anspruch nahmen (S. 205). Im Norden Alteuropas siedelten zur Zeit des Troianischen Krieges aliterate Bauerngemeinschaften.

Zu dieser unter der Schirmherrschaft des Europarats in Straßburg stehenden Ausstellung ist der zu besprechende Katalog erschienen. Die Beiträge der europäischen Experten zeichnen ein facettenreiches Bild der Bronzezeit. Neben einleitenden Bemerkungen gliedert sich das Werk in Anlehnung an die Ausstellungskonzeption in fünf Sektionen. Es wird abgeschlossen durch einen detaillierten Objektkatalog und eine umfangreiche Literaturliste. Eine Karte der wichtigsten Fundorte, die allerdings aus unbekanntem Grunde auf die Verzeichnung von Velem verzichtet, und die Chronologietabelle dienen der räumlichen Übersicht und zeitlichen Orientierung. Für jedes Großkapitel zeichnet ein Ausstellungskurator verantwortlich:

Abenteurer, Kunsthandwerker und Reisende (J.-P. Mohen),

Die Helden und ihr Lebensstil (A. Jockenhövel),

Die Helden – Leben und Tod (J. Jensen),

Die Götterwelt der Bronzezeit (Chr. Éluère),

Die Geburt Europas (K. Demakopoulou).

Insgesamt bieten die Einzelbeiträge sowohl in formaler als auch in inhaltlicher Hinsicht ein ganz unterschiedliches Bild. In manchen Artikeln wird das Zeitalter Homers nur am Rande gestreift; etwa im Beitrag über den ca. ins 32. Jh. v. Chr. zu datierenden spätneolithischen (Chrononomie nach J. Lüning, in: Germania 1996) Mumienfund vom Hauslabjoch. Einige Beiträge haben einen sehr geringen Informationsgehalt, andere sollten ob ihrer Detailfülle eher einen Platz in Fachzeitschriften finden. Die meisten sind – wie dies für einen sich an die breite Öffentlichkeit wendenden Ausstellungskatalog zu fordern ist – im besten Sinne des Wortes populärwissenschaftlich gehalten. Trotz dieser gewissen – sicherlich auch der begrenzten Vorbereitungszeit der Ausstellung geschuldeten – Unausgewogenheit der Einzelbeiträge ist der Katalog ein auch wegen seiner hervorragenden Abbildungen gelungenes Werk, das sicherlich einen erheblichen Beitrag zur Popularisierung der Archäologie und ihrer Anliegen in Europa beitragen dürfte.

Allerdings zeigen die Aufsätze gerade die kulturelle Vielfalt und die erheblichen Unterschiede im Entwicklungsgrad im europäischen Geschichtsraum. Insofern dürfte sich die kulturelle Einheit der Bronzezeit eher aus einer gelehrten Rückprojektion politischer Wunschbilder der Gegenwart ergeben, als daß sie sich aus dem Fundmaterial unmittelbar erschlösse; zumal sich die historisch-politische Dynamik mit der eher auf Prozesse der longue durée ausgerichteten archäologischen Methodik nur schwer erfassen läßt. Man darf gespannt sein auf eine ähnlich konzeptionierte Ausstellung zur Jungsteinzeit Europas; auch damals gab sich „Europa als Einheit" zu erkennen und es wurde mit der bäuerlichen Wirtschaftsweise immerhin die Grundlage eines bis in die Neuzeit bestehenden ökonomischen Systems gelegt.


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Dokument erstellt am 27.10.1999