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Literaturbesprechung

Karl-Josef Pazzini: Die Toten bilden. Museum & Psychoanalyse II , Wien: Turia & Kant, 2003 (Museum zum Quadrat; 15). 227 S., Ill., EUR 18,--. ISBN 3-85132-229-0

Rezensiert von Prof. Dr. August Ruhs, Universitäts-Klinik für Tiefenpsychologie und Psychotherapie, Wien
E-Mail: august_ruhs@yahoo.de


Nach den 1999 erschienen "Unschuldskomödien" [1] wird hier unter einem ebenfalls zunächst befremdlich anmutenden Titel der zweite Teil eines Projekts vorgelegt, das im Rahmen der möglichen Verbindungen zwischen Psychoanalyse und Museum und unter dem Aspekt ihrer Gemeinsamkeiten einerseits die Problematik von Museumspädagogik und Kunstvermittlung kritisch beleuchtet und andererseits wichtige Beiträge zu einer "Psychoanalyse" des Museums liefert. Nicht zuletzt wird die Frage der "Musealisierung" der Psychoanalyse anhand von Reflexionen über das Wiener Sigmund-Freud-Museum.

Die Toten bilden. Nominativ oder Akkusativ? Sie haben recht: natürlich beides. Denn für den Autor Pazzini, der als Pädagoge und Psychoanalytiker zwei der drei von Freud als "unmöglich" qualifizierten Berufe (Regieren, Erziehen und Analysieren) ausübt, kann die Eindeutigkeit einer Aussage höchstens in deren dialektischen Aufhebung liegen. Schließlich muß am ontologischen Paradox des Todes, der auf die Repräsentation eines Nicht-Seienden zielt, jeder Anspruch auf ein Existenzurteil zerschellen, wodurch sich auch das Subjekt in ein permanentes Spiel von dessen Annahme und Verwerfung verstrickt. Wenn Pazzini seine Überlegungen zunächst und nicht ausschließlich um diesen Topos herum anordnet, so verweist er damit nicht nur auf die tradierte Annahme, dass in den frühgeschichtlichen Gräbern und Grabbeigaben der Ursprung des Museums zu suchen ist, sondern er stellt vielmehr die Bedeutung des Museums als ein besonderes Dispositiv der Begegnung mit dem Tod und als einen der Lösungsversuche zu dessen Überwindung heraus. Unter der Prämisse, dass sich fast alle Ausstellungen in Museen mit Toten, mit dem Toten, mit dem Vergangenen beschäftigen, wird der dem Museum inhärente Bildungsauftrag um eine ästhetische Dimension erweitert: damit ist es in seinen uns geläufigen Formen mehr als ein Ort der bürgerlichen Bildung, als den es das Bürgertum im Gefolge der Französischen Revolution eingerichtet hat, damit es wiederum der Bildung der Bürger diene. Denn in spezifischerer Weise bildet es das Tote und gibt ihm Form und Gestalt, so wie auch das Material aus der Vergangenheit den Besucher formt und bildet.

In lockeren Assoziationen, die eine Fülle von Material mit oft ungeahnten Verweisen und überraschenden Bezügen und Querverbindungen zu Tage fördern und so auch die Berührungspunkte und -flächen der musealen Einrichtungen mit verwandten Institutionen wie etwa Friedhof, Speicher und Abfalllager nicht umgehen, werden dem Leser die einander bedingenden Bildungsprozesse in mannigfaltigen Gegenstandsbereichen dargestellt und in ihre vielfältigen Erscheinungs- und Wirkungsweisen aufgefächert. So finden sich auf der einen Seite Reflexionen über das Suchen und Auffinden von Spuren, über das Bergen und Sammeln von sublimen Resten wie Reliquien und Trophäen, über das Konservieren des vergänglichen Vergangenen und schließlich über die Mühen der Exposition, um das Tote, das Abwesende und das Unsichtbare erfahr- und erlebbar werden zu lassen; auf der anderen Seite sind jene Haltungen, Handlungen, Einstellungen und Emotionen ausführlich beschrieben, die vonnöten sind, um durch die musealen Institutionen die Gewalt des Todes zu zähmen, die Toten als mächtige Herrscher zu beherrschen, sich vor ihrer Rache zu schützen und ihre Wiederkehr zu verhindern: Furcht und Ehrfurcht, Ritual und Tabu, Trauerarbeit und innere Sammlung, Projektionen und Kompromissbildungen und dergleichen mehr.

Wenn Pazzini (gemeinsam mit dem Museologen Gottfried Fliedl) in einem abschließenden und noch fragmentarischen und vorläufigen Ausblick auf künftige Analysen die im Museumskomplex wirksamen und darin verknoteten Diskurse von Religion, Magie/Kunst und Wissenschaft vorsichtig freizulegen beginnt, wird nochmals und mit Nachdruck die Absicht seiner Darstellung und seines Projekts deutlich: das schillernde Phänomen Museum nicht auf ein einziges ihm Wesentliches und Ursprüngliches zu reduzieren und es nicht in eine starre Definition zwingen zu wollen, sondern vielmehr aufzuzeigen, was alles Museum ist und was alles Museum sein kann. Eine psychoanalytische und sprachphilosophische Bildung führt den Autor offenbar zur Erkenntnis, dass es unter den Varianten eines komplexeren Sachverhalts kein Element gibt, das wirklich allen Erscheinungsformen gemeinsam wäre. In diesem Sinn ist auch das unmerklich aus verschiedenen Vorträgen und Publikationen des Autors zusammengestellte Buch von der performativen Kraft dieser vorwiegend implizit gehaltenen Aussage getragen. Mit seinen auch selbst sprechenden und zumeist amüsanten Illustrationen bildet es (durch) eine über ein weitläufiges Areal verteilte Sammlung von Text- und Bildvitrinen, die die Lektüre nicht an bestimmte Wegrichtungen binden, sondern den Leser eher zu einem reizvollen Flanieren auffordern. Die im Buch ohne Zwang zusammengeführten Disziplinen und Bereiche von Pädagogik, Psychoanalyse, Museum und Tod liefern so ein kleines Museum des Museums, eine diskret gehaltene Begegnung mit Kategorien und Theoremen aus der strukturalen Psychoanalyse von Lacan und schließlich ein unaufdringliches und bisweilen vergnügliches Lehrbuch für Fragen der Eschatologie.


Anmerkung:

[1] Karl-Josef Pazzini (Hg.): Unschuldskomödien. Museum &Psychoanalyse, Wien: Turia & Kant, ²2000 (Museum zum Quadrat; 10).


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Dokument erstellt am 23.10.2003