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Literaturbesprechung

Susanne Köstering: Natur zum Anschauen. Das Naturkundemuseum des deutschen Kaiserreichs 1871-1914, Köln/Weimar/Wien: Böhlau, 2003. Geb., 351 S., 49 s/w. Abb. auf Taf., EUR 39,90. ISBN:3-412-04702-3

Rezensiert von
Mag. Christa Riedl-Dorn, Naturhistorisches Museum Wien
E-Mail: christa.riedl-dorn@nhm-wien.ac.at


Die vorliegende Publikation von Susanne Köstering, hervorgegangen aus ihrer 2001 an der Technischen Universität Berlin vorgelegten Dissertation, ist in folgende Abschnitte gegliedert: "Voraussetzung naturkundlicher Wissenspräsentation", "Wissenschaftliche Konzeption - Von der Taxonomie zur Biologie", "Visuelle Konzepte" und "Naturkundliche Wissenspräsentation und ihre Adressaten: Fachöffentlichkeit und Besucher". Den Abschluss bildet das Kapitel "Bilder von der Natur und der Gesellschaft".

Es werden zunächst kurz - man kann fast sagen : zu wenig ausführlich - die historischen Wurzeln der Naturkundemuseen, wie Kunst- und Naturalienkabinette, akademische Sammlungen, Sammlungen bürgerlicher Vereine und Gelehrter, sowie die einzelnen theoretischen Ansätze abgehandelt. In einer Zeit, in der durch nationales Denken die Gründung von Regional- und Heimatmuseen, in denen naturkundliche Sammlungen vertreten sind, eine große Rolle spielten, wäre eine eingehende historische Behandlung dieser Institutionen wünschenswert gewesen.

Die Autorin hinterfragt, ob Naturkundemuseen eine spezifische Gebäudekonzeption hatten, bekamen oder verloren und kommt zu dem Schluss, dass die Museumsbauten eigentlich wenig spezifische Merkmale aufwiesen. Als wissenschaftliche Konzeption traten Systematik, Tiergeografie, Biologie und Ökologie nacheinander, aber auch nebeneinander in den Museen des Kaiserreichs auf. Im Großen und Ganzen fand eine Schwerpunktverlagerung von Systematik über Tiergeographie zur Biologie und Ökologie statt, wie Köstering versucht, im 2. Kapitel sichtbar und plausibel zu machen. Die Autorin setzt die "Biologische Wende" naturkundlicher Schausammlungen um 1900 an.

Der Wandel vollzog sich nicht von selbst, sondern war das Werk von "Reform-Direktoren", wie etwa Karl Möbius (1825-1908), Ernst Haeckel, Otto Lehmann, Richard Buch, die besonders hervorgehoben werden. Die "Biologische Wende" wäre ohne den Wandel visueller Konzepte musealer Wissenspräsentation undenkbar gewesen. Visuellen Konzepten wird die gleiche Bedeutung wie den wissenschaftlichen Konzeptionen beigemessen. Die wichtigsten visuellen Konzepte naturkundlicher Schausammlungen des Kaiserreiches wurden anhand konkreter Beispiele, wie etwa des Museums für Naturkunde Berlin, der naturgeschichtlichen Abteilung des Altonaer Museums (Hamburg) und des Senckenberg-Museums (Frankfurt), untersucht. Als entscheidender Faktor der "Biologischen Wende" wird nun die Entwicklung sowie Verbreitung der Dermoplastik (der Gestaltung der Tierkörper aus plastischen Massen, wie etwa Gips oder Ton) gegenüber der Taxidermie (Ausstopfen) und daneben das Ausstellen in Biologischen Gruppen angeführt (S. 153).

Anhand des Präparators und "Urvaters" der kaiserzeitlichen Dermoplastiker in Deutschland, Phillip Leopold Martin, erläutert die Autorin den Weg vom bloßen Ausstopfen (Taxidermie) zur Dermoplastik. Dadurch konnten den Biologischen Gruppen ein lebendiges Aussehen gegeben werden. Köstering spricht in diesem Sinne von einer dermoplastischen Wende vom "System" zum "Leben". In Deutschland konnte sich das Diorama gegenüber Biologischen Gruppen allerdings nicht durchsetzen. Bereits 100 Jahre früher waren Dioramen im Wiener Tierkabinett, dem Vorläufer des Naturhistorischen Museums, ein großer Publikumserfolg. Leider wurde für vorliegende Untersuchung versäumt, die Geschichte anderer, älterer Naturhistorischer Museen in Europa zu berücksichtigen. Ein Vergleich dieser Institutionen mit den großen deutschen Naturkundemuseen wäre eine fruchtbare Ergänzung gewesen. Weiters werden die bedeutendsten Präparationswerkstätten vorgestellt. Der Aufschwung des Berufs des Präparators war u.a. ersichtlich an den steigenden Gehälter - so zahlten etwa die großen Museen wie Frankfurt und Hamburg im Jahr 1898 3000 Mark im Jahr an Präparatoren, die nun mit Kunsthandwerkern gleichgesetzt wurden. An Stelle von (Präparations-) Werkstätten war nun die Rede von (Kunst-) Ateliers.

Neben den Besucherzahlen hat Köstering auch das Besucherverhalten untersucht, wobei zu letzterem nicht allzu viele Quellen vorhanden sind. Die Besucher und deren Interesse an den Schausälen werden jeweils in den Unterkapiteln Naturforscher, Lernende und Lehrende und Massenpublikum behandelt. Abgeschlossen wird die Publikation mit einem überaus wertvollen Anhang, bestehend aus tabellarischen Übersichten zu Naturkundemuseen, Museen mit Naturkundeabteilungen und öffentlich naturwissenschaftliche Sammlungen im Kaiserreich; Schulmuseen im Kaiserreich; Direktoren von Naturkundemuseen und Leiter naturkundlicher Museumsabteilungen; einem Quellen- und Literaturverzeichnis sowie einem Orts- und Personenregister.


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Dokument erstellt am 31.12.2003