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Rezension

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Marina Sassenberg (Hg.):
Zeitenbruch 1933-1945. Jüdische Existenz in Rheinland-Westfalen
Essen: Klartext 1999, 102 S., zahlreiche, einfarbige Fotos (Buch: DM 19,80; CD-ROM: DM 19,80; Kombipaket Buch/CD-ROM: DM 35,00)

Rezensiert von
Günter Riederer, Bernhardswald

Am 23. März 1933, nur wenige Wochen nach der sogenannten „Machtergreifung" der Nationalsozialisten, kam es in Duisburg zu einem exzeßhaften Ausbruch antisemitischer Gewalt. Der Rabbiner der dortigen ostjüdischen Gemeinde, Mordechai Markus Bereisch, wurde von einem wildgewordenem Mob von SA-Leuten am hellichten Tag durch die Straßen der Stadt getrieben. An die Geschehnisse, die Bereisch nur durch einen glücklichen Zufall überlebte, erinnerte er sich später so: „Als eine Stunde vergangen war, als ich zu dem weiträumigsten Platz in dieser Stadt am Theater kam und Tausende von Menschen mich umringten, rissen sie mir Haare vom Kopf und vom Bart aus und warfen sie mit Flüchen und Verwünschungen unter die Volksmassen. Es gab allerlei Schläge, und dann war da neben mir eine große Feuerflamme, und es sah so aus, als ob sie mich vor der ganzen Volksmasse auf den Scheiterhaufen werfen würden, und hätte sich Gott nicht meiner erbarmt, so hätten sie mich gewiß später in das verruchte Todeslager von Dachau abgeführt... Ich verließ sofort das bluttriefende Deutschland."

Offene Angriffe gegen Menschen, die nach außen hin als Mitglied der jüdischen Gemeinschaft erkennbar waren, hatten in Deutschland nicht erst seit den Zeiten der Weimarer Republik eine unrühmliche Tradition. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 erhielt das Ausmaß antisemitischer Hetze jedoch eine neue Dimension. Woher aber rührt die Passivität der Menge, ihre Schaulust und die Bereitschaft, sich am Quälen von Menschen zu beteiligen? Einen Versuch zur Erklärung dieser Entwicklung unternimmt eine Wanderausstellung, die im Jahr 1998 am Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten anläßlich des 60. Jahrestages der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 konzipiert wurde. Der programmatische Titel „Zeitenbruch 1933-1945. Jüdische Existenz in Rheinland-Westfalen" soll dabei andeuten, daß mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten die Entwicklung einer humanistisch geprägten und demokratisch begriffenen politischen Kultur unterbrochen und in ihr Gegenteil verkehrt wurde.

Ausstellung und Katalog nähern sich ihrer Thematik in drei chronologischen Schritten: Der erste Teil umfaßt jüdische Regionalgeschichte von ihren Anfängen bis in das Jahr 1933, der zweite Teil behandelt die Zeit des Nationalsozialismus, während der dritte Abschnitt die Entwicklung jüdischen Lebens nach 1945 skizziert. Dem Katalogteil vorangestellt ist ein Essay des Hamburger Historikers Arno Herzig, der auf dessen Einführungsvortrag zur Ausstellungseröffnung basiert. Herzig spannt in seinen Ausführungen einen weiten thematischen Bogen: Ausgehend von einer Kritik an Goldhagens Thesen zum „eliminatorischen Antisemitismus" wendet er sich der jüdischen Regionalgeschichte im Rheinland und in Westfalen zu. Ähnlich wie im gesamten Deutschen Reich habe es auch in dieser Region eine „antisemitische Subkultur" gegeben, die jedoch vor 1933 nie zu einem entscheidenden politischen Faktor geworden sei. Herzig endet seine Ausführungen mit der These, daß sich der fehlende Widerstand der deutschen Bevölkerung gegen die nationalsozialistischen Verbrechen wesentlich aus der Tatsache erklärt, daß es auch im Vorfeld nie eine überzeugte Emanzipation und Integration der jüdischen Minderheit in der deutschen Gesellschaft gegeben hatte.

Dem Essay von Arno Herzig folgt dann der eigentliche Katalogteil, der die Texte der Ausstellung dokumentiert und zudem zahlreiche Abbildungen und Fotos bietet. Ausgangspunkt sind die ersten Spuren jüdischer Geschichte, die sich im antiken Köln finden. Bereits im Mittelalter entwickelte sich das Vorurteil von den Juden als vermeintliche „Brunnenvergifter" und „Hostienschänder", das sich - wie der Prozeß um den sogenannten „Xantener Ritualmord" im Jahr 1892/1893 zeigte - bis in das 19. und 20. Jahrhundert als stereotypes Vorurteil halten sollte. Die Besetzung der rheinischen und westfälischen Territorien durch Frankreich führte am Ende des 18. Jahrhunderts zu einer völlig neuen Politik gegenüber der jüdischen Minderheit. Aber die unter französischer Herrschaft erlassenen „westfälischen Emanzipationsgesetze" wurden in preußischer Zeit schnell wieder zurückgenommen. Die fast erreichte Akkulturation um 1930 unterbrach dann die Zäsur von 1933. Dem Boykott jüdischer Geschäfte und dem Ausschluß von Juden aus dem öffentlichen Leben folgten Vertreibung und Vernichtung. Der dritte Teil der Ausstellung widmet sich der Zeit nach 1945 und dem zaghaften Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden in Deutschland. Eine Zeittafel zur Thematik „Jüdische Existenz in Rheinland/Westfalen 1933 bis 1945" sowie einige Literaturhinweise runden den Band ab.

Der Katalog liefert einen kompakten Überblick zur Geschichte des facettenreichen und vielschichtigen jüdischen Lebens im Rheinland und in Westfalen. Besonders hervorzuheben ist das innovative Layout und die moderne graphische Gestaltung des Buches. Das handliche Format kommt zudem der Funktion eines Ausstellungsführers zugute. Die CD-ROM, die unter dem gleichnamigen Titel erworben werden kann, hinterläßt allerdings einen etwas zwiespältigen Eindruck. Sie versteht sich offensichtlich als begleitendes Medium und ihre Gliederung folgt den chronologischen Abschnitten, wie sie der Ausstellungsband in Buchform bereits vorgibt. Einziger Unterschied zum Katalog ist, daß eine Stimme ausgewählte Texte spricht. Abgesehen von einem kleinen Begriffsglossar gibt es kaum Möglichkeiten zum Öffnen von Fenstern oder Anklicken weiterer Informationsmöglichkeiten. Die CD-ROM bleibt damit hinter den technischen Möglichkeiten zurück, die dieses Medium mittlerweile bietet und trübt ein wenig das positive Erscheinungsbild des Katalogbandes.


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Dokument erstellt am 3.4.2000