VL Museen

Literaturbesprechung

Silke Traub: Das Museum als Lernort für Schulklassen. Eine Bestandsaufnahme aus der Sicht von Museen und Schulen mit praxiserprobten Beispielen erfolgreicher Zusammenarbeit. Hamburg: Kovac, 2003 (EUB, Erziehung -Unterricht - Bildung; 102). 240 S., Ill., graph. Darst., EUR 78,--. ISBN 3-8300-0827-9

Rezensiert von Dr. Gerhard Ribbrock, Kunstmuseum Alte Post, Mülheim an der Ruhr
Email: Kunstmuse@aol.com


Der Titel der Publikation gibt ihre Zielrichtung vor, von den vielfältigen Aufgabenstellungen der Museen wird eine als konkreter Einzelaspekt
untersucht. Der Streit zwischen Musentempel oder Lernort ist aus dem Blickwinkel von Lehrerinnen und Lehrer wenig interessant, die sich für
außerschulische Lernorte entscheiden und dabei die Museen mit einbeziehen. Im Wesentlichen ist diese Publikation eine empirische Studie.

Im ersten Teil werden allgemein die Museen und ihre Aufgabenstellungen in der Gesellschaft behandelt. Den "klassischen Vier" von Sammeln, Bewahren, Forschen und Ausstellen fügt Traub die fünfte Aufgabe an: "Informieren / Bilden". Aus der Feststellung, dass ein Museum eine Bildungseinrichtung ist, wird abgeleitet, dass zunächst der Museumsbesucher durch die Besucherforschung bekannt sein müsse. Die Autorin schließt daran eine längere Ausführung über ihr methodisches Vorgehen an. Diese wird mit der überraschenden Feststellung eingeleitet: "Die Museumspädagogik ist eine eigene Disziplin innerhalb der Erziehungswissenschaft". Dies dürfte die im Bereich der Museumspädagogik arbeitenden Museumsmitarbeiter überraschen, die sich stärker durch die museumsspezifischen Aufgabenstellungen der Vermittlung im Museum fundiert sehen. Silke Traub möchte eine Bestandsaufnahme des Ist-Zustandes darstellen. Es geht ihr speziell um die museumspädagogische Arbeit bezogen allein auf die Zusammenarbeit zwischen Museum und Schule. Museum dabei verstanden als Bildungstätte (Lernort) für Schulklassen. Es sind unterschiedlich formulierte Fragebögen an Museen und ihre Mitarbeiter und an allgemeinbildende Schulen bzw. deren Lehrerinnen und Lehrer verschickt worden. Es werden 250 Museen des Reg.-Bezirks Tübingen und
angrenzender Kreise angesprochen. Die Schulen des Schulamtes Tettnang werden befragt. Allerdings fehlt - ohne Begründung - die Einbeziehung bzw. Befragung der Gymnasien dieses Gebietes. Dies kann zu erheblichen Differenzen in den Ergebnissen dieser Studie und anderen Untersuchungen führen, die Gymnasien mit einbeziehen. Die Museen sind dagegen nach ihren Besuchern aus Schulen inklusive der Gymnasien (Frage 9, S. 34) befragt worden.

Der zweite Teil des Buches enthält die angekündigte Bestandsaufnahme des Museums als Lernort. Dazu werden Literaturanalysen, die Auswertung der Fragebögen und zusätzlich mit ausgewählten Museumsmitarbeitern geführte Gespräche herangezogen. Zunächst wird eine Begriffsdefinition von Museumspädagogik zu erstellen versucht. Die Autorin kann nur feststellen, dass es diese bisher nicht gibt und der kleinste gemeinsame Nenner unter der Bezeichnung "Vermittlungsarbeit im Museum" gefunden wird. Festgestellt wird ebenfalls, dass die so heterogen strukturierte Museumslandschaft kein einheitliches Aufgabengebiet für die Museumspädagogik umschreibt. Die Qualifikationen der mit museumspädagogischen Aufgaben in den Museen betrauten Mitarbeiter sind zu uneinheitlich, als dass sich berufsspezifische Anforderungen aufzeigen lassen. In einem weiteren Unterabschnitt wird konstatiert, dass Museen Orte von Bildung sind. Seitens der Museumspädagogen wird Bildung im Museum nicht definiert, sondern nur als andersartig als schulische Bildung bezeichnet. Trotz dieser mangelhaften theoretischen Fundierung erleben die befragten Lehrerinnen und Lehrer - und dies ist das für alle Beteiligten erfreulichste Ergebnis dieser Studie - Museen als außerschulischen Lernort mit hohem Bildungswert für ihre Schülerinnen und Schüler. In Parenthese gesprochen, es bedürfte einer Museumspisastudie, um von Schülerinnen und Schülern zu erfahren, ob die Bildungsbemühungen denn auch ihr Ziel gefunden haben. Traub erläutert die vielfältigen Hürden, die für eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Museen und Schulen genommen werden müßten. Nur dort, wo Museen über die Ressourcen von Sammlungsgröße, Personal und Finanzen verfügen, sind die Möglichkeiten zur Nutzung der Museen als Lernorte schon jetzt qualitativ gut. Andernorts - und das ist der Appell dieser Publikation - gelingt die Bildungsarbeit im Museum nur, wenn sich engagierte Museumsmitarbeiter und Lehrerinnen und Lehrer in Kooperationen zusammenfinden. Dies setzt aber, - und das schreibt Traub nicht - den Idealismus aller Beteiligten voraus, sich weit über die ohnehin zu leistende Arbeit hinaus einzubringen.

Für den Leser nicht immer leicht nachzuvollziehende Argumentationsstränge baut die Autorin auf, wenn sie in den verschiedenen Kapiteln die
museumspädagogische Literatur zitiert, diese aber nicht analysiert bzw. unkommentiert nebeneinander stellt. Chronologisch alte und neue Literatur wird undifferenziert aneinander gefügt. Dadurch wird es dem Leser sehr erschwert, die nachweisliche Entwicklung der Museumspädagogik innerhalb der letzten 30 Jahre nachzuvollziehen. So wird die Aussage: "..., dass die Schulklassen für die Museen große Bedeutung haben. Für die Unterrichtsarbeit der Lehrer... spielt das Museum eine sehr nebengeordnete Rolle". (S.122) durch das Zitat aus Lehrbach 1980 "... Museumspädagogen sollen die Museen schulgerecht aufbauen." (S. 160) unter Ignorierung aller Machtverhältnisse
in den Museen untermauert. Die offene Frage bleibt an die Museen gerichtet, für welchen Personenkreis Museen eigentlich existieren? Da festzuhalten ist, dass Schülerinnen und Schüler nur eine Teilzielgruppe im Museum sind, wird es seitens der Museen weiterer erheblicher Anstrengungen bedürfen, sie bildungstheoretisch auf ein solides Fundament zu stellen. Silke Traub fasst ihre Untersuchungsergebnisse in neun Thesen zusammen, um abschließend vier Beispiele praktischer Arbeit auszubreiten. Sie benutzt das Schulmuseum Friedrichshafen zur Demonstration verschiedener Ansätze schulischen Lernens im / mit dem Museum. Als Fazit fasst sie zusammen, dass Museen als
Bildungsstätten am besten fungieren können, wenn Lehrerinnen und Lehrer sie im Rahmen von projektorientiertem Unterricht nutzen.


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Dokument erstellt am 31.12.2003