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Literaturbesprechung

Eva Studinger: Zwischen den Stühlen. Museumspädagogik für Menschen mit geistigen Behinderungen. Frankfurt a.M./Berlin/Bern u.a.: Peter Lang, 2002.
165 S., br., 39 Abb., EUR 35,30. ISBN 3-631-39651-1

Rezensiert von:
Cornelia Renggli, Universität Zürich
E-Mail: c_renggli@access.unizh.ch


Es gibt nur wenige Museen bzw. Ausstellungen, die sich dem Thema Behinderung annehmen, in den Museen arbeiten selten Menschen mit Behinderung, manche Museen sind für diese Menschen schwer oder nicht zugänglich und museumspädagogische Angebote für diese Besuchergruppe - immerhin zehn Prozent der Bevölkerung - sind nicht sehr zahlreich. Darob erstaunt es nicht, dass wenig Literatur zum Themenbereich Museum und Behinderung existiert. Möglicherweise führt dies zur Erwartung, das Buch "Zwischen den Stühlen. Museumspädagogik für Menschen mit geistigen Behinderungen" möge zur Schliessung dieser Lücke beitragen. Wer jedoch hofft, dass mit der Publikation von Eva Studinger, Kunsthistorikerin und Museumspädagogin, ein Handbuch zur Museumspädagogik für Menschen mit Behinderung vorliegt, wird enttäuscht sein. Die Autorin selbst legt im Schlusswort dar, sie habe vielmehr beabsichtigt, "das Gebiet phänomenologisch auszuloten" (S. 135).

Im Vorwort und in der Einleitung erläutert Studinger, dass die Grundlage ihrer Dokumentation eine grosse Bildersammlung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe darstelle. Diese Bilder von Menschen mit sog. geistiger Behinderung sind im Rahmen von Malkursen entstanden. Die Autorin spricht sich für einen besseren Zugang zu den Museen für alle aus und gibt einen Überblick über die folgenden Ausführungen. Bereits hier zeichnet sich ab, was sich im ganzen Buch zeigen wird: Es geht mehr um Kunst als ums Museum, die zwei unterschiedlichen Kategorien Behinderung und Krankheit, insbesondere "geistige Behinderung" und psychische Krankheit werden oft gleichgesetzt, und es werden viele lange Zitate verwendet. Die Autorin fügt im Schlusswort an, dass sie damit die Möglichkeit bieten wollte, in verschiedene Richtungen weiter zu lesen. Sofern dazu nicht Literaturverweise
genügt hätten, wäre ein Kommentar zu den Zitaten wünschenswert gewesen.
Im ersten Kapitel "Zum Personenkreis der Menschen mit geistiger Behinderung" definiert Eva Studinger "geistige Behinderung" und weist dabei auf die Problematik des Begriffs hin. Dennoch benutzt sie diesen im weiteren Verlauf, zuweilen in einer defizitorientierten Weise (S. 13). Anschliessend geht sie auf medizinische Ursachen, pädagogische Konzepte der Schule und Erwachsenenbildung sowie auf Integration und Normalisierung ein. Es fällt auf, dass diesen Ausführungen sonderpädagogische Literatur der 1970er bis frühen 1990er Jahre zugrunde liegen, somit aktuellere Entwicklungen (z.B. Selbstbestimmtes Leben) und bedeutende Vertreter der sog. Geistigbehindertenpädagogik nicht berücksichtigt werden. Interessant ist hingegen das Fazit, da hier die Erfahrungen aus der Kunsthalle einfliessen.
Das zweite Kapitel widmet sich der Museumspädagogik, wobei in differenzierter Weise das Museum als Ort der Kunstrezeption besprochen und das museumspädagogische Angebot, insbesondere die seit 1979 stattfindenden "Kurse für geistig behinderte Schüler und Erwachsene" in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe vorgestellt werden. Wiederum sind die Ausführungen zu den Kursen informativ, bei der Diskussion der Literatur gilt zu bedauern, dass zum grossen Teil nur jene aus den 80er Jahren, nicht hingegen jene berücksichtigt wurde, die seit den 90er Jahren in anderen Ländern (Amerika, Grossbritannien, Frankreich, Nordeuropa) zum Themenbereich Museum und Behinderung entstanden ist.
Im dritten Kapitel "Aus der museumspädagogischen Praxis" werden die verschiedenen Kurse bzw. v.a. deren Teilnehmerinnen und Teilnehmer vorgestellt. Danach folgen Ausführungen zur Kinderzeichung. Diese Erörterungen, die im Kontext der "Suche nach dem Ursprung des Schöpferischen" (S. 60) stehen, sind insofern etwas problematisch, als damit Behinderung auf der gleichen Ebene wie Kindsein angesetzt wird. Interessant sind aber in diesem Teil die Anmerkungen zur Thematik Malen und Norm. Anhand vieler Bildbeispiele führt Eva Studinger dann zu Entwicklungen in Bildern aus. Es handelt sich dabei weitgehend nicht um kunsttherapeutische Analysen der Bildschaffenden, sondern eher um kunstpädagogische Interpretationen der Bilder. Wiederum mit Bildbeispielen wird anschliessend auf das Konzept der ästhetischen Förderung eingegangen. Bemerkungen zum Begriff der Kreativität schliessen das Kapitel ab.

In den folgenden Kapiteln werden die Malkurse anhand neuerer Literatur kontextualisiert. Zunächst ist es der Kontext der Kunsttherapie, wobei die Autorin die Kurse davon abgrenzt und explizit als museumspädagogisches Angebot bezeichnet. Dennoch betrachtet sie den neurobiologischen Ansatz der Kunsttherapie am realistischsten und sinnvollsten für die Museumspädagogik (S. 109). Als weiterer Kontext wird die "Art brut" dargestellt. Es folgt ein Kapitel zum Malen in der Freizeit anhand des Beispiels einer Werkstätte. Danach geht es wieder um den Kontext der Kunst und Psyche. Als Begründung für diese Erläuterungen führt Studinger an, dass auch Menschen mit sog. geistigen Behinderungen häufig psychisch krank seien, bei der Behandlung mit Psychopharmaka allerdings eine deutliche Besserung erführen (S. 126). Anschliessend stellt sie die Frage, ob jeder Mensch mit Behinderung, der malt, bereits ein Künstler sei und beantwortet diese Frage, indem sie feststellt, dass das Etikett "Künstler" nicht weiterhelfe, das Malen hingegen eine nicht zu unterschätzende Chance der Persönlichkeitsentwicklung darstelle (S. 128). Dies zeigt sie abschliessend wiederum anhand eines Beispiels auf, das durch die Kombination von Kunst, Kunstvermittlung und sozialem Engagement gekennzeichnet ist.

Das Feld "Museumspädagogik für Menschen mit Behinderung" scheint mir mit diesem Buch, das eher einen Einblick in die Kunstpädagogik gibt, nicht ausgelotet. Ein Beleg dafür mag u.a. sein, dass in der Literaturliste für das Thema relevante Publikationen der Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig Behinderte oder von Eucrea, des Netzwerks für behinderte Künstler, fehlen. Das Buch hätte m.E. gewonnen, wenn die Autorin auf einige der Zitate verzichtet und stattdessen mehr von den Kursen, insbesondere den darin stattfindenden Interaktionen aller Beteiligten, z.B. dem Aufbau von Beziehungen, dem Suchen nach und Finden einer gemeinsamen Sprache, berichtet hätte. Es bleibt zu hoffen, dass anlässlich des Europäischen Jahres der Menschen mit Behinderung nicht nur mehr Museen für alle zugänglich gemacht und vermehrt Ausstellungen zum Themenbereich Behinderung stattfinden werden, sondern auch die museologische Auseinandersetzung mit diesem Thema und damit die entsprechende Literatur zunehmen wird.


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Dokument erstellt am 15.3.2003