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Rezension

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Nina Gorgus:
Der Zauberer der Vitrinen.
Zur Museologie Georges Henri Rivières
Münster u.a.: Waxmann Verlag 1998
(= Internationale Hochschulschriften, Bd. 297),
336 S., brosch., 59,00 DM

Rezensiert von
Thomas Overdick,
Institut für Volkskunde der Universität Hamburg
Freilichtmuseum am Kiekeberg

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Leider viel zu selten bereitet die Lektüre eines wissenschaftlichen Buches ein solches Vergnügen, wie Nina Gorgus‘ vorliegende Arbeit über die Museologie Georges Henri Rivières. Schon der Titel – "Der Zauberer der Vitrinen" – deutet den zu erwartenden Lesegenuß an, mutet er doch beinahe märchenhaft an, spricht von der Faszination, mit der die Autorin sich ihrem Thema widmet. Nina Gorgus hat sich als Darstellungsform ihres Sujets für die Biographie entschieden. Dies mag vielleicht im Bereich kulturwissenschaftlicher und museumskundlicher Veröffentlichungen erst einmal ungewöhnlich erscheinen, ist im vorliegenden Fall aber durchaus schlüssig. Denn die Ideen und Konzepte des französischen Volkskundlers und Museologen Georges Henri Rivière (1897–1985) – dem Begründer des Pariser Volkskundemuseums Atp (1937), ehemaligen Generaldirektor (1948–1965) und ständigen Berater der ICOM sowie als Erfinder des Écomusée ein zentraler Vertreter der Neuen Museologie – sind, wie Gorgus in ihrer Studie eindrücklich belegt, untrennbar mit seiner Person und seiner Zeit verknüpft. Zudem war Rivière ein Mann der Praxis, der nie eine akademische Laufbahn im klassischen Sinne absolviert hat, nur selten publiziert hat und wenn, dann mit seinen theoretischen Vorgaben sehr offen umging. So ist es auch nicht verwunderlich, daß Rivière in Deutschland, wenn überhaupt, als Faszinosum wahrgenommen wird, sein eigentliches Wirken, speziell seine bahnbrechenden Konzepte zum musealen Umgang mit der Alltags- und Gegenwartskultur – Stichwort Écomusée – nahezu unbekannt sind.

Nina Gorgus sollte mit ihrer Arbeit diesem Umstand ein Ende machen, rückt sie Rivière doch ins rechte Licht als einer der wichtigsten, wenn auch nicht unumstrittenen, auf alle Fälle schillerndsten Protagonisten des modernen Museums. Sie entwirft ein intellektuelles Portrait, das bestimmte persönliche Daten und Erfahrungen Rivières als wichtigen Einfluß auf seine berufliche Entwicklung deutet. Als zentrale Eckpunkte seines Lebensstils und Schaffens kennzeichnet Gorgus dabei die "Kunst, Musik und Arts et traditions populaires", was sie etwa auf verschiedene Erfahrungen seiner Jugendzeit, sein Engagement als Musiker in der Pariser Jazzszene der 20er Jahre und seine frühe Bekanntschaft mit herausragenden Künstlerpersönlichkeiten zurückführt, speziell auf seine Verbindung zu Vertretern des Surrealismus. Die Beschreibung Rivières intellektueller Biographie entlang bestimmter thematischer Schwerpunkte wird zum Spiegel der Entwicklung und Zusammenführung der französischen Museologie und Ethnologie Frankreichs sowie der auf internationaler Ebene geführten Fachdiskussionen. Gorgus zieht dabei Verbindungen zur deutschen Volkskunde, etwa im Vergleich des Atp mit dem Museum für Volkskunde in Berlin, der unterschiedlichen Konzepte im Umgang mit Volkskunst und Art populaire sowie dem Einfluß des deutschen Heimatmuseums auf die Entwicklung des Écomusée. Sie stützt sich dabei neben der Auswertung der einschlägigen Literatur auf einen umfangreichen Fundus archivalischer und bildlicher Quellen sowie auf qualitative Interviews mit ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie Freunden und Bekannten Rivières, darunter u.a. Klaus Beitl, Isac Chiva und Wolfgang Jacobeit. Ihr im Anhang zusammengestelltes umfangreiches Verzeichnis von Rivières Veröffentlichungen sowie die chronologische Zusammenstellung seiner Ausstellungsprojekte (samt Vermerken zu Katalogen und Besucherzahlen) dürfte nachfolgenden Studien viel Recherchearbeit abgenommen haben!

Georges Henri Rivières Leistungen sind, wie gesagt, heute nicht unumstritten. Sein Chef-d’œvre, das Pariser Atp, gilt als veraltet und steht vor seiner grundlegenden Überarbeitung. Gleiches gilt für die Praxis der Écomusées. "Rivières ethnomuseales Konzept steht damit insgesamt auf dem Prüfstand", konstatiert Gorgus. Den Versuch einer empirischen Untersuchung dieser Krise im Sinne einer exemplarischen Evaluation – speziell des Typs Écomusée – bleibt sie dabei leider schuldig, was sicherlich auch den gesteckten Rahmen der Arbeit gesprengt hätte. Dafür faßt sie die Diskussionen und Kritiken zusammen und reflektiert die allgemeine Diskussion um die Standortbestimmung des kulturhistorischen Museums der Gegenwart am Beispiel des französischen Modells des Musée de société und des als Museum Europäischer Kulturen wiedervereinigten Museums für Volkskunde in Berlin.

Insgesamt ist Nina Gorgus mit ihrem Portrait des "Zauberers der Vitrinen", Georges Henri Rivière, eine komplexe und nicht zuletzt spannende Studie zu den wichtigsten Strömungen der neuen Museologie im Europa dieses Jahrhunderts gelungen.


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Dokument erstellt am 27.10.1999