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Literatur-Rezensionen

 

Formen von Erinnerung: Eine Diskussion mit Claude Lanzmann.
Ein anderer Blick auf Gedenken, Erinnern und Erleben. Eine Tagung.
Hrsg. vom Kulturamt der Stadt Marburg. Konzeption und Bearbeitung: Silke Schneider,
Marburg: Jonas Verlag 1998. ISBN 3-89445-239-0. Ladenpreis: DM 28,00

Rezensiert für VL Museen und H-Soz-u-Kult von
Thomas Overdick
Freilichtmuseums am Kiekeberg, Hamburg
overdick.XL@t-online.de

Gedenken und Erinnern konstituiert als Reflexion des Vergangenen – des Vorangegangenen – maßgeblich die kulturelle Identität unserer Gegenwart im Blick auf die Zukunft. Die Debatte um die Gestaltung des Holocaust-Mahnmals in Berlin ist lediglich das derzeit offenkundigste Beispiel, das die Sensibilität und Problematik dieser komplexen Praxis verdeutlicht. Anläßlich des jüngsten Jahrestags des Mauerbaus sendete das Deutschlandradio Berlin einen kurzen Bericht, der von der unheimlichen Heilung dieser wohl symbolträchtigsten Narbe im Deutschland und Europa der Nachkriegszeit berichtete – Fazit: die Mauer als Kristallisationsort von Geschichte und Geschichten ist kaum noch im heutigen Berlin auffindbar. Nicht ohne Grund wurde hier am selben Tag ein Denkmal eingeweiht, das an die Opfer der Mauer erinnern soll. Politischer Aktionismus zur Beschwörung blühender Landschaften? Die Betonung der Opferseite scheint einem Rettungsmythos zu stützen, der nur wenig mit den Biographien eines ganzen Volkes zu tun hat. Erinnern – dies wird immer allzu leicht in den öffentlichen Diskussionen vergessen – ist vor allem auch immer eine Frage von Deutung und Repräsentation.

Das vom Kulturamt der Stadt Marburg herausgegebene Buch "Formen der Erinnerung" greift diese Problematik auf. Das mit einem Umfang von 94 Seiten im Angesicht der Masse an sonstigen Veröffentlichungen zum Thema recht bescheidene Bändchen erweist sich dabei als ungemein anregend für den allgemeinen Diskurs. Denn zu Recht kritisierte Dr. Martin Roth in der letzten Ausgabe der "Museumskunde" (Band 64, 1/99) zum Thema Museen und Gedenkstätten, daß die Diskussion um das Holocaust-Mahnmal ein anderes Niveau haben könnte, "wenn über inhaltliche Konzeptionen und nicht nur über die Frage diskutiert würde, ob es sich um ein Mahnmal mit angeschlossenem Museum oder um ein Museum mit Mahnmal handeln soll." Genau hier setzen die in "Formen der Erinnerung" versammelten Beiträge an. Das Buch dokumentiert ein Autorengespräch mit dem französischen Regisseur Claude Lanzmann über seinen Film "Shoah" sowie ausgewählte Beiträge der Tagung "Kulturwissenschaftlerinnen melden sich zu Wort: Ein anderer Blick auf Gedenken, Erinnern und Erleben". Beide Veranstaltungen fanden im Rahmenprogramm des Marburger Kulturamts zur Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" des Hamburger Instituts für Sozialforschung im Herbst 1997 statt. Von sehr unterschiedlichen Blickpunkten und Ansätzen ausgehend, beschäftigen sich die einzelnen Beiträge mit der Frage nach den Formen und Medien der Erinnerung – was gleichzeitig auch die Frage nach der Formung der Erinnerung impliziert: "Wie wird Vergangenheit vergegenwärtigt? Wie ist der künstlerische Umgang mit Gedenken und Erinnern und in wessen Dienst wird er gestellt? Welche künstlerischen Wege werden beschritten, um Vergangenes lebendig zu halten?" So Silke Schneider in ihrem Vorwort. Die Konzentration auf die künstlerische Gestaltung der Erinnerung im Spannungsfeld zu Politik, Wissenschaft und Gesellschaft macht die Besonderheit des vorliegenden Bandes aus. So werden keine Handbuch-gerechten Ratschläge und Anleitungen zur Gestaltung von Gedenkstätten und Ausstellungen geliefert, sondern vielmehr ein anregend weitgefaßtes Spektrum von Sichtweisen auf Erinnerung dargeboten: angefangen von den Konzeptionen des Films "Shoah" von Claude Lanzmann und der Wehrmachtsausstellung über Konzepte kommunikativer Gestaltung von Denkmälern bis hin zur Analyse verschiedener Kunstwerke und Filme als Träger und Projektionsfläche von Erinnerung und Repräsentation von Krieg und Gewalt.

Diese vielfältige Auseinandersetzung mit der medialen Vergegenwärtigung des Vergangenen macht den Band für die Reflexion der Präsentationspraxis im Museum so spannend. Denn gerade das Museum als Institution des kulturellen Gedächtnisses und Ort sinnlichen Erlebens braucht die ständige Auseinandersetzung mit Wegen und Möglichkeiten symbolischer, bildhafter Kommunikation.


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Dokument erstellt am 21.8.1999