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Rezension / Review

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Verwandlungen durch Licht. Fotografieren in Museen & Archiven & Bibliotheken. Beiträge einer Tagung vom 26. Juni bis 1. Juli 2000 in Dresden. Veranstaltet von: Landschaftsverband Rheinland/Rheinisches Archiv- und Museumsamt/Fortbildungszentrum Abtei Brauweiler, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden und Rundbrief Fotografie. Esslingen: Museumsverband Baden-Württemberg, 2001 [Rundbrief Fotografie, Sonderheft 6]. Zugleich: [Publikationen der Abteilung Museumsberatung, 15].
288 Seiten, DIN A5, brosch., ISSN 0945-0327, EUR 15,25/17,75 (Inland/Ausland inkl. Versand u. MwSt.)

Rezensiert von
Thomas Overdick M.A., Freilichtmuseum am Kiekeberg, Rosengarten-Ehestorf
Email: overdick@kiekeberg-museum.de

Im Juni 2000 hat das Fortbildungszentrum Abtei Brauweiler des Rheinischen Archiv- und Museumsamt zusammen mit der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden und der Fachzeitschrift "Rundbrief Fotografie" die Tagung "Verwandlungen durch Licht" veranstaltet. Die Tagung widmete sich in Vorträgen, Diskussionen, Produktpräsentationen und Kursen dem weiten Komplex der Sammlungsfotografie, also dem "Fotografieren in Museen & Archiven & Bibliotheken" (so auch der Untertitel der vorliegenden Publikation). Im Mittelpunkt der Tagung stand dabei allerdings weniger, wie im Vorwort betont wird, die pragmatische "Auseinandersetzung mit dem schnellen gesellschaftlichen, kulturellen und technologischen Wandel und den sich (allzuoft einengend) ändernden kulturpolitischen Rahmenbedingungen", sondern vielmehr die "kritische Reflexion und Vergewisserung über die fachlichen Grundlagen der Sammlungsarbeit". Entsprechend wurden auch einige der eher technisch-handwerklichen Tagungsbeiträge bereits im Vorfeld im "Rundbrief Fotografie" veröffentlicht, während der vorliegende Tagungsbandes noch um weitere, eigens hierfür verfasste Fallbeispiele erweitert worden ist. So präsentiert der Band ein beeindruckend vielfältiges Spektrum an Fragestellungen, die sich quellen- und medienkritisch mit den Prozessen der Informationsgewinnung, -verarbeitung und -nutzung auseinandersetzen, die das Medium Fotografie gerade im Bereich der musealen Sammlung eröffnet. Präsent ist dabei stets die Erkenntnis, dass bei allem dokumentarischen Anspruch und Kern die Fotografie immer als "Archiv der Blicke" zu betrachten ist, die ihren Gegenstand in der "Deutung der Beobachtung" verwandelt. Diese "Verwandlungen durch Licht" scheinen angesichts der rasanten Entwicklungen im Bereich der digitalen Bildverarbeitung an Aktualität gewonnen zu haben. Doch dass das Problem der Transformation und Verwandlung weniger ein Problem der Technik als vielmehr der Praxis ist, wird nach der Lektüre der verschiedenen Aufsätze mehr als deutlich.

So betont auch Katharina Flügel in ihrem einleitenden Beitrag zur "Dokumentation als museale Kategorie" das reflexive Verhältnis zwischen "Erkennendem und Erkanntem". Die museale Dokumentation ist grundsätzlich als "Ergebnis wissenschaftlicher, demnach forschender Tätigkeit" zu verstehen, und kann keineswegs auf eine wie auch immer geartete objektive Tätigkeit des Sammelns und Aufzeichnens von Informationen reduziert werden. Das Auswählen und Aufheben von Dingen ist zwingend mit einem Bedeutungswandel der Objekte verbunden: mit dem Wandel des Objekts zur Musealie, die als Dokument der Anschauung zum Träger von Informationen und Werten wird. Bezogen auf die Fotografie bedeutet dies, dass das verstehende Sehen stets mit dem erkennenden Denken verknüpft ist. "Denn richtig sehen, heißt richtig bestimmen können."

Dieser museologische Grundsatz hat weitreichende Folgen für die Handhabung und Bewertung von Dokumentationskonzepten und -systemen für die Erschließung von Sammlungsgütern. Harald Krämer verdeutlicht die Grenzen konventioneller Text- und Bilddatenbanken am Beispiel multimedialer Ensembles der zeitgenössischen Kunst, deren häufig prozessualer Charakter insbesondere die fotografische Dokumentation vor unlösbare Probleme stellt und im verstärkten Maße einen kontextuellen Ansatz erfordert. Auf ganz anderer Ebene argumentiert Annegret Nippa, wenn sie die Diskussion um die unterschiedlichen Qualitäten von zeichnerischer und fotografischer Dokumentation anhand ausgewählter Beispiele aus dem Staatlichen Museum für Völkerkunde Dresden aufgreift. Welche Fragen sich beim Fotografieren im Museum im einzelnen stellen, zeigt Karin Plessing in ihrem Erfahrungsbericht aus ihrem Arbeitsalltag als Fotografin im Hamburger Museum der Arbeit auf. Die Beiträge von Ulrich Heß, Dorothee Haffner und Uta Simmons richten den Blick wiederum auf die datenbankgestützte Inventarisierung, Erschließung und Einbindung von Bildbeständen, während Gerald Maier in seinem Beitrag von den Erfahrungen mit den Möglichkeiten und Grenzen von Mikroverfilmung und Digitalisierung von Archivgut berichtet, die in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt zu "Digitalen Konversionsformen" gesammelt wurden. All diese Beiträge beleuchten wichtige Aspekte aktueller Ansätze der Dokumentation, ohne die jeweils damit verbundenen offenen Fragen zu verschweigen.

Der zweite Themenblock des Bandes widmet sich verschiedenen Rückblicken auf den Gebrauch der Fotografie in Zusammenhang mit Sammlungen und Dokumentationen. Hierbei unterstreicht gerade der Beitrag von Andreas Krase, wie schwierig und gleichzeitig auch spannend das Verständnis und die Bewertung historischer Sammlungsbestände sein kann. Unter dem Titel "Sowohl Dokumentation als auch Kunst" verdeutlicht er am Beispiel der Rezeptionsgeschichte des Werkes des französischen Fotografen Eugène Atget die historische Relativität in der Betrachtung eines fotografischen Sammlungsbestandes. "Es sind die Deutungshorizonte und Erkenntnisinteressen, die sich ändern, nicht die (fotografischen) Objekte." Dies schließt auch stets den eigenen Standpunkt mit ein. Umso wichtiger ist es, das fotografische Dokument in seiner Historizität zu erkennen. Die Aufsätze von Maren Gröning, Ruth Lindner und Dorothea Peters bilden dabei eindrückliche Beispiele für eine medien- und praxiskritische Fotogeschichtsschreibung.

Der dritte Teil des Buches versucht einen Ausblick, oder besser gesagt ausgewählte Ausblicke auf die Rolle der Fotografie und ihrer Weiterentwicklungen im digitalen Zeitalter. Gleich zu Anfang stellt dabei Wolfgang Jaworek das Paradigma vom "Medienwechsel" zur Diskussion und fragt, ob man "nicht schon die Fotografie als den Beginn der virtuellen Ära bezeichnen" müsste? Geht es also tatsächlich eher um Weiterentwicklung als um Überwindung, wenn man die analoge Fotografie der digitalen gegenüberstellt, zumal beiden als technisch erzeugte Bilder die Kennzeichen von Referentialität (kausaler Konnex zum Referenten) und Indexalität (Detailreichtum durch automatische Aufzeichnung) gemein sind? Einfacher gefragt: "Was hindert uns eigentlich daran, die digitale Bildverarbeitung als natürliche Verlängerung des Sehsinns zu akzeptieren?" Die hier dokumentierten Statements von Rolf Sachsse, Jens Schröter und Stefan Heidenreich geben zwar hierauf keine erschöpfenden Antworten, zeigen aber Perspektiven für zukünftige Medienreflexionen auf.

Im Aufzeigen von Perspektiven und Fragen liegt auch insgesamt die Stärke des vorliegenden Bandes. "Verwandlungen durch Licht" schärft v.a. den Blick für einen bewussteren und fragenderen Umgang mit der meist so selbstverständlich hingenommenen "Gattung" der Sammlungsfotografie, die in den meisten Museen, Archiven und Bibliotheken einen in der Tat erheblichen und für die wissenschaftliche Arbeit unverzichtbaren Sammlungsbestand bildet. Die medienkritische Reflexion wird allerdings in der alltäglichen Arbeit allzuoft vernachlässigt. Umso wichtiger erscheint die Möglichkeit des Innehaltens, die die Dresdener Tagung geboten hat, und deren wichtige und nicht zuletzt auch anregenden Denkanstöße hier nun in Ruhe jederzeit wieder aufgefrischt werden können.


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Alle Rechte beim Autor und VL Museen
Dokument erstellt am 1.3.2002