VL Museen

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Rezension

 

Anja Schöne:
Alltagskultur im Museum. Zwischen Anspruch und Realität
Münster u.a.: Waxmann 1998 (= Internationale Hochschulschriften 254;
zugleich Diss. Basel 1996)

Rezensiert von
Dietmar Osses, Dortmund

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Spätestens seit Beginn der 80er Jahre hat die Darstellung des Alltags verstärkt Beachtung in Museen und Sonderausstellungen erfahren. Der Museumsboom und das Phänomen einer fortschreitenden Musealisierung der Gesellschaft haben am Beispiel der Alltagsgeschichte eine Diskussion um die Bedeutung und Funktion der Museen entfacht, die bis heute anhält. Nach fast zwei Jahrzehnten stellt sich an der Schwelle zum nächsten Jahrhundert die Frage: Hat diese wissenschaftliche Diskussion ihren Niederschlag in der Praxis der Museen gefunden? Eine Antwort darauf gibt die Dissertation "Alltagskultur im Museum" von Anja Schöne.

Die Volkskundlerin Schöne greift im ersten Teil ihrer Studie die wissenschaftstheoretische Diskussion der Alltagsforschung auf. Gemäß ihres interdisziplinären Ansatzes vergleicht sie die Debatte um den Alltagsbegriff, in der die Darstellung der Diskussion um die Philosophie, Soziologie, Geschichtswissenschaft und Volkskunde Schwerpunkte bilden. Eigene Kapitel sind dabei der Auseinandersetzung um die Alltagsgeschichte in der deutschen sowie der schweizerischen Geschichtswissenschaft und Volkskunde gewidmet: Ausgehend vom 35. Deutschen Historikertag 1984 beschreibt Schöne den Perspektiv- und Paradigmenwechsel weg von der großen Ereignis- und Strukturgeschichte hin zur Sozial- und Mentalitätengeschichte in Tradition der französischen Schule der "Annales", der "Oral History", Mikro-Historie und dem Konzept der "dichten Beschreibung" nach Clifford Geertz. Wichtige Impulse für die Diskussion lieferten dabei Einbeziehung der "Betroffenen" in lokalen Geschichtswerkstätten. In der geschichtswissenschaftlichen Diskussion spielten Objekte als historische Quellen meist keine Rolle. Dennoch sieht Schöne wichtige Bezugspunkte zur Praxis der Museumsarbeit: In Folge der Ansätze zu einer lokal orientierten "Geschichte von unten" hat die Lokal-, Stadt- und Heimatgeschichte eine deutliche Aufwertung und Neuorientierung erfahren. Alltagsorientierte Museumsarbeit setzt am Geschichtsbewußtsein vor Ort an. Mit dem Perspektivwechsel der Geschichtsforschung sind neue Quellen wie Tagebücher, Memoiren, Briefe, Predigten, Visitationsprotokolle, Arbeitsordnungen oder Prozeßakten in den Vordergrund getreten. Diese schriftlichen Quellen erfordern - falls sie überhaupt präsentiert werden können - eine Auswertung und Aufbereitung. Hier stellt sich die Frage nach den Möglichkeiten des Mediums Museum. Schöne diagnostiziert eine große Lücke zwischen Ansprüchen der Alltagsgeschichte und der musealen Umsetzung.

In der deutschen Volkskunde macht Anja Schöne eine ähnliche Entwicklung der Alltagsdiskussion aus. Während Ende der 70er Jahre die wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung um den Alltagsbegriff im Vordergrund stand, waren die 80er Jahre in der Volkskunde ebenfalls von regionalhistorischen und mentalitätsgeschichtlichen Ansätze geprägt. Die gegenständliche Quellen bilden dabei im Gegensatz zur Geschichtswissenschaft einen zentralen Bestandteil der Forschung.

In der Schweizerischen Forschungslandschaft macht Anja Schöne seit Mitte der 70er Jahre verstärkt alltagsgeschichtliche Ansätze aus, die an der deutschen Diskussion wie auch der französischen Annales-Schule orientiert sind. Eine pointierte Auseinandersetzung wie in Deutschland blieb in der Schweiz jedoch aus.

Nach der Darstellung der akademischen Diskussion um die Alltagsgeschichte stellt Anja Schöne die Debatte innerhalb der Museumslandschaft vor. Die deutliche Trennung von universitärer Wissenschaft und Arbeit der Museen macht Schöne anhand der Museumsdiskussion der 80er Jahre in Deutschland und der Schweiz deutlich: Während die Museen die Sammlungs- und Darstellungspraxis thematisieren und eine Ausweitung auf die Objekte der Gegenwart fordern, zielt die Wissenschaft fast ausschließlich auf die Kulturgeschichte des Dinggebrauchs.

Der Kluft zwischen alltagsgeschichtlichen Erkenntnisinteressen und den vorfindbaren Objektwelten in den Sammlungen der Museen begegnen die Museen mit den Methoden des Didaktisierens und Inszenierens von Objekten. Das Verfahren der Kommentierung von Exponaten durch zahlreiche Texte und Statistiken in den Lernausstellungen der 70er Jahre wird in den Museen dabei ebenso kontrovers und heftig diskutiert wie die Inszenierung der Objekten zu "Merkwelten".

Mit der Diskussion der 80er Jahre um das "Zeitphänomen" Musealisierung, das nahezu alle Bereiche des Lebens und des Alltags zu erfassen schien, mehrte sich die Kritik an der Praxis der Museen. Infolge der Hochkonjunktur der Alltagsgeschichte drohten nun grundlegenden Strukturen aus dem Blick der Museen zu geraten. Anja Schöne resumiert, daß die enorme Erweiterung des Museumsbestandes und der hohe Zulauf von Besuchern aktuell Museumskonzeptionen erfordert, die sich in erster Linie am wissenschaftlichen Kenntnisstand und darüber hinaus an den Seh- und Lerngewohnheiten der multimedial geprägten Besucher orientieren.

Auf der Grundlage dieser Betrachtungen untersucht Schöne im zweiten Teil ihrer Arbeit in Form einer exemplarischen empirischen Studie die Musealisierung der Alltagskultur in verschiedenen Museen in Deutschland und der Schweiz. Dabei wählt sie prototypisch das Heimatmuseum "Chuechlihus" Langenau/ Emmental, das Stadtmuseum "Hornmoldhaus", Bietig-Bissingen, sowie die Sonderausstellung "Alltag in Karlsruhe" für eine stadtgeschichtliche Ausstellung auf Zeit. Darüber hinaus werden das überregionale "Museum für Volkskultur in Württemberg", Waldenbruch, und das Schweizerische Freilichtmuseum für ländliche Kultur, Ballenberg, analysiert. Dabei wird - und dies ist das besondere Verdienst der Studie - die Realisierung der Ausstellungskonzeption stets in den Gesamtkontext der Bedingungen gestellt, unter denen das jeweilige Museum arbeiten kann und muß: die Geschichte der Sammlung, die Entwicklung des Museums, die Einbettung in institutionelle Zusammenhänge und Abhängigkeiten spielen hier ebenso eine wichtige Rolle wie die personelle Ausstattung, die Organisationsstruktur und die Erwartungen, die das Museum erfüllen soll. Die erhellenden Fallstudien arbeiten die unterschiedlichen Museen als Prototypen heraus, die sicherlich als mehr oder weniger typische Vertreter ihrer "Gattung" in Deutschland und der Schweiz gelten können.

Das Fazit der umfassenden Analyse von Anja Schöne ist nicht unerwartet, in seiner Klarheit jedoch ernüchternd: Museen und Universitäten stellen sich dar als "eigene Mikrokosmen, deren Ziel nicht unbedingt Austausch, sondern eher Abgrenzung heißt" (S. 226). Rezeptionswege scheinen fast ausschließlich über wenige Personen zu verlaufen, die sowohl Museumserfahrung haben, als auch in den akademischen Institutionen vertreten sind. Der steigende Druck auf die Museen durch das Argument der Besucherzahlen und die Frage nach der Rentabilität ist dabei einer wissenschaftlichen Rückbindung der Museumsarbeit nicht unbedingt förderlich.

Insgesamt kann die Arbeit von Anja Schöne als unbedingt lesenswertes Werk angesehen werden, das Museumsleute und hoffentlich auch "Universitätsvertreter" mit seine klaren Analyse geradezu zur eigenen Standortbestimmung anregt. Die prägnante Zusammenfassung der wissenschaftliche Diskussion des Phänomens "Alltagsgeschichte" kann dabei einen wichtigen Beitrag leisten, die Kluft zwischen Forschung und Praxis zu überbrücken.


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Dokument erstellt am 27.10.1999