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Literaturbesprechung

Stefan Ebenfeld: Geschichte nach Plan? Die Instrumentalisierung der Geschichtswissenschaft in der DDR am Beispiel des Museums für Deutsche Geschichte in Berlin (1950 – 1955), Marburg: Tectum-Verlag, 2001.
181 S., pb., EUR 25,90. ISBN 3-8288-8261-7

Rezensiert von:
Stefan Nies M.A., Dudde & Nies Geschichtsagentur, Dortmund
E-Mail: stefan.nies@epost.de


Stefan Ebenfeld behandelt in seiner Untersuchung eine Phase in der Frühzeit der DDR-Geschichtswissenschaft, in der die SED eine ihrer Geschichtsauffassung entsprechende historische Forschung und Lehre durchzusetzen versuchte. Gründung und Aufbau des „Museums für Deutsche Geschichte“ (im Zeughaus in Berlin, heute befindet sich darin das Deutsche Historische Museum) dienen Ebenfeld dabei „als ein konkretes Beispiel für die Umsetzung der SED-Wissenschaftspolitik, die darauf zielte, die Geschichtswissenschaft den spezifischen, marxistisch-leninistischen ‚Rationalitätskriterien’ unterzuordnen.“ (S. 59) Die besondere Bedeutung des Museums lag darin, dass es aus Sicht der SED zumindest vorläufig als „Zentrum“ der Geschichtswissenschaft und gleichzeitig als Kaderschmiede etabliert werden sollte - gegen bzw. parallel zu bestehenden Einrichtungen vor allem an Universitäten. Zudem ging es darum, das vom historischen Materialismus abgeleitete Bild der deutschen Geschichte öffentlich zu propagieren - in Form von Dauer- und Wechselausstellungen sowie durch die Erarbeitung eines Lehrbuchs zur deutschen Geschichte.

Im Mai 1950 fasste das Politbüro der SED einen ersten konkreten Beschluss zur Gründung eines „Museums der revolutionären Bewegung“. Eduard Ullmann, wissenschaftlicher Sekretär am Marx-Engels-Lenin-Institut, wurde zum Direktor ernannt und sollte konzeptionelle Vorarbeiten leisten. Noch war vorrangiges Ziel, „grundlegendes Ergänzungsmaterial und Lehrmittel“ für Schulen, Parteibildung und Ausbildung sowie zur „Aufklärung und politische[n] Erziehung der Massen“ (S. 65) zu erstellen. Im Oktober 1951 integrierte dann ein ZK-Beschluss die inzwischen als „Museum für deutsche Geschichte“ bezeichnete Institution in die „ideologische Offensive“ der SED - der Marxismus-Leninismus sollte als herrschende Ideologie in der gesamten Gesellschaft durchgesetzt werden. Dabei spielte ein entsprechendes Geschichtsbild eine große Rolle. Konkrete Ziele und Aufgabenzuweisungen an das Museum erfolgten jedoch noch nicht.

Deshalb spricht Ebenfeld von einer zweiten Gründung des Museums im Januar 1952, die Ullmann mit vorzubereiten hatte. Das Museum erhielt nun eine Struktur aus Direktion und wissenschaftlichem Rat – beiden stand Alfred Meusel vor, der 1947 als erster marxistischer Wissenschaftler an eine deutsche Universität berufen worden war, und zwar als Ordinarius für Neue Geschichte der Humboldt-Universität. Stellvertretender Direktor war Ullmann. Der Versuch, mindestens 50 Prozent der Posten im wissenschaftlichen Rat durch so genannte „bürgerliche“ Wissenschaftler zu besetzen, scheiterte, da diesen die Funktionalisierung des Museums im Sinne der SED deutlich wurde und ohnehin viele in den Westen abwanderten. Meusel bewahrte bis zu seinem Tod im Jahr 1960 jedoch eine gewisse Unabhängigkeit: So sah er „den historischen Materialismus nicht als wissenschaftliches Dogma, sondern als eine mögliche theoretische Grundlage wissenschaftlichen Arbeitens neben anderen“ (S. 102) und wollte mit bürgerlichen Kollegen in Ost und West zusammen arbeiten.

Mit der zweiten, tatsächlichen Museumsgründung stiegen auch die Erwartungen der SED an das Museum – sowohl was seine Aufgaben und Funktionen anging, als auch hinsichtlich erster Arbeitsergebnisse. Obwohl das Museum gegenüber anderen Institutionen mit Personal und Sachmitteln bevorzugt ausgestattet wurde, waren diese erweiterten Zielvorstellungen zum Scheitern verurteilt, wie Ebenfeld in seiner Studie herausarbeitet. Es gelang nicht, das Museum zum alles steuernden „Zentrum“ der DDR-Geschichtswissenschaft zu entwickeln. Diese Aufgabe wurde dann Mitte der 1950er Jahre dem neuen Institut für Geschichte an der Akademie der Wissenschaften übertragen. Das erste, bereits im Juli 1952 eröffnete Fragment der Dauerausstellung wurde sowohl museumsintern als auch vonseiten der SED als unzureichend betrachtet und der erste Band des Lehrbuchs zur deutschen Geschichte erschien entgegen den Planungen erst 1959, der letzte 1969. Dennoch, so Ebenfeld, war das Museum zumindest zeitweise „zentraler Ort” der DDR-Geschichtswissenschaft, da es in enger Verbindung zu zahlreichen Projekten (u.a. der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft) stand und in seinem Beirat hochrangige Politfunktionäre und bekannte Historiker versammelt waren.

Die Gründe für die Diskrepanz zwischen den hochgesteckten Erwartungen und dem Erreichten sieht Ebenfeld nicht nur im Fachpersonal- und Materialmangel dieser DDR-Phase. Ein großes Problem bestand darin, dass das Museum bzw. seine Mitarbeiter zwar das offizielle Geschichtsbild der SED vertreten und verbreiten sollten, jedoch vollkommene Unklarheit darüber herrschte, wie dieses denn im einzelnen auszusehen hatte. „Es zeigte sich“, so Ebenfeld, „dass sich ein Museum nicht einfach verordnen ließ.“ (S. 109) Historiker, die den historischen Materialismus als methodischen Rahmen sahen, es aber als ihre Aufgabe betrachteten, durch historische Forschung zu fundierten Inhalten zu kommen, wurden schnell durch bis ins Detail gehende Eingriffe der SED-Führung gebremst. Ergebnis war eine durch Phrasen gekennzeichnete und sich eng an den Schriften von Marx und Lenin orientierende Geschichtsdarstellung, die umso mehr zensierenden und korrigierenden Eingriffen ausgesetzt war, je mehr sie sich der Gegenwart näherte.

Ebenfeld zeigt dies an den Vorbesichtigungen der Ausstellungen durch Ulbricht und andere Parteifunktionäre. So besuchte eine Politbüro-Delegation unter Leitung Ulbrichts am 13. Juni 1952 das Museum und verordnete dem ersten Teil der Ausstellung, der den Zeitraum bis 1848 umfasste, einige Korrekturen; mit den übrigen Abteilungen für den Zeitraum nach 1848 hatte die Delegation so große Probleme, dass sie nicht in die bereits am 5. Juli 1952, also nur 7 Monate nach der „zweiten“ Gründung, zelebrierte Eröffnung einbezogen wurden. Beim kurz darauf folgenden nächsten Ausstellungsprojekt, einer Karl-Marx-Ausstellung im Jahr 1953, klappte dann die Abstimmung mit der Partei bereits besser. Ulbrichts Urteil: „Alles in allem sehr gut, absolut gelungen. Geschichte ist richtig dargestellt. (Bis auf Kleinigkeiten). Die Besucher werden etwas lernen.“ (S. 126)

Abgesehen von den Problemen der ideologischen Linientreue fehlten dem Museum zu Beginn die wichtigsten musealen Grundlagen: Es verfügte - mit den alten Zeughausbeständen und wenigen Ergänzungen - nur über einen Sammlungsbestand, der kaum zu den neuen Inhalten und Zielen passte. Das Personal hatte überwiegend keine Museumserfahrung. Das Ergebnis waren - in den Worten des Direktors Meusel - Ausstellungspassagen, die „den Charakter von an die Wand geklebten Büchern“ (S. 127) besäßen. Die geringe Zahl der ausgestellten Objekte versuchte man mit eigens hergestellten „Historiengemälden“ (in einer der Vorplanungen des Museums war die Entwicklung der Historienmalerei als eine Museumsaufgabe benannt worden!), Illustrationen und Modellen zu füllen. „Bestimmend waren jedoch Texte oder Zitate. Dabei wurden letztere, meist von Marx, Engels, Lenin oder Stalin stammend, durch entsprechend große Gestaltung und besondere Plazierung zu historischen Zeugnissen der Geschehnisse stilisiert, von denen sie selbst handelten.“ (S. 127) Ullmann, Meusels Stellvertreter, kam zu einem vernichtenden Urteil: „Der eigentlich bleibende Eindruck des Besuchers ist der, daß ihm die Füße weh tun. (…) Das, was wir dem Besucher (…) zu sehen bieten, lohnt m.E. einen Besuch nicht.“ (S. 139)

Dieser Museumsalltag steht aber nicht im Mittelpunkt der Studie Ebenfelds, denn das Museum dient ihm als Beispiel, als Schauplatz bzw. als „zentraler Ort“ für die Geschichtspolitik der SED. Vorangestellt sind der eigentlichen Museums(aufbau)-Geschichte daher ein allgemeiner Teil zum „Sturm“ der SED auf die „Festung Wissenschaft“ sowie ausführliche methodische bzw. theoretische Ausführungen zur Fragestellung. Ebenfelds Arbeit basiert auf dem Institutionen-Modell Rainer Lepsius’, dadurch erklärt sich die streckenweise sehr strukturbezogene - und sprachlich sperrige - Darstellungsweise, die erst im konkreten Teil über das Museum auch inhaltlich stärker ausgefüllt wird.

Im allgemeinen Teil zur DDR-Geschichtswissenschaft, in dem vom „Umgestaltungsanspruch“ der SED die Rede ist, beschreibt Ebenfeld leider nicht die Ausgangsbedingungen: Wer dominierte anfangs die Forschung in der SBZ/DDR? Wer waren denn die „Bürgerlichen“, die die SED entweder instrumentalisieren oder ausschalten wollte? Zudem hätte es der Darstellung der Museumsgeschichte gut getan, ein wenig auf die übrige Museumslandschaft in (Ost-)Berlin bzw. der DDR einzugehen. Vermutlich hätte dies aber den Rahmen der 1999 bei Jörn Rüsen und Joachim Radkau an der Universität Bielefeld eingereichten Magisterarbeit (dieser Entstehungszusammenhang geht leider aus dem Buch nicht hervor) gesprengt. Eine Geschichte der historischen Museen der DDR bleibt also ein Desiderat.

Ebenfelds Arbeit ist aus der Perspektive des museumsgeschichtlich interessierten Lesers gerade in den Passagen, in denen es um die konkrete Arbeit des Museums geht, lesenswert und spannend. Der Autor hat auf Quellenbestände der SED, verschiedener DDR-Ministerien und des Museums selbst (heute im Hausarchiv des Deutschen Historischen Museums) zurückgreifen können. Darunter fanden sich auch Ausstellungsdrehbücher und – für spätere Ausstellungen – fotografische Dokumentationen der Ausstellungen. Diese Quellen können das Fundament sein für weitere Analysen aus museumshistoriographischer Sicht.


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Dokument erstellt am 15.3.2003