VL Museen

Literaturbesprechung

Torkild Hinrichsen (Hg.): In Ottos Kopf. Das Altonaer Museum 1901 bis 2001 und das Ausstellungskonzept seines ersten Direktors Otto Lehmann, Hamburg/München: Dölling und Galitz Verlag, 2001.
104 Seiten, 21 Farb- u. 69 s/w-Abbildungen, Broschur mit Fadenheftung, 24,5 x 25,5 cm, 17,80 EUR.
ISBN: 3-935549-04-0

Rezensiert von:
Astrid B. Müller M.A., Institut für Museumskunde, Berlin
E-Mail: a.b.mueller@smb.spk-berlin.de


1901 wurde das Altonaer Museum als ein Regionalmuseum mit breitem naturwissenschaftlichen Anspruch eröffnet. Einhundert Jahre später machten sich Autorinnen und Autoren auf, der geistigen Leistung des Gründungsdirektors Otto Lehmann nachzuspüren - also all dem, was sich 'In Ottos Kopf' vor der Gründung und während der Leitung des Hauses abspielte. Herausgekommen ist ein Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung, [1] der in neun Aufsätzen die Entstehungsgeschichte der Institution, die Präsentation der einzelnen Abteilungen und die Konzeption der Sammlungen - immer die biographischen Eckdaten Lehmanns einbeziehend - nachzeichnet.
In seinem einleitenden Artikel umreißt der Herausgeber des Bandes bereits die Themen, die in den folgenden Texten detailliert besprochen werden (Torkild Hinrichsen: In Ottos Kopf. Otto Lehmann und sein modernes Konzept für das Altonaer Museum 1901, 1914 und 2001, S. 13 24). Der bei Ernst Haeckel in Jena promovierte Zoologe und damit von der Darwinschen Evolutionstheorie maßgeblich beeinflusste Lehmann wollte das seit 1890 konzipierte Regionalmuseum zu einer Volksbildungsstätte machen. Bevor er 1899 zu dessen Direktor berufen wurde, arbeitete er zunächst als Biologie- und Erdkundelehrer in Altona. Nach kurzer Bauzeit wurden die naturwissenschaftlichen und kulturgeschichtlichen Abteilungen 1901 eröffnet, mit dem Erweiterungsbau 1912-14 die volkskundliche Abteilung erweitert und aufwendige Schiffsnachbauten eingeweiht. Entstanden ist ein Haus, das aufgrund seiner Sammlungskonzeption zu den bedeutendsten Regionalmuseen seiner Zeit gehörte und heute immer noch zu den großen regionalgeschichtlichen Museen Deutschlands zählt. Diese Konzeption ist dadurch geprägt, am ausgewählten Exemplum die Geschichte von Natur und Kultur auch anhand aufwändiger Exponate - wie den Modellnachbauten der Schleswig-Holsteinischen Bauernhäuser oder den ,Lebensbildern' - mit einem ausgeprägt naturwissenschaftlichen Ansatz nachzuerzählen.

Während Ursula Richenberger die biographischen Daten Otto Lehmanns umreißt, geht Uwe Claasen in seinem Beitrag darauf ein, wie sich die Volksbildungsstätte im Lehmannschen Sinne realisierte (Ursula Richenberger: "Ganz für und in dem Museum". Zur Biographie von Otto Lehmann, S. 41-47; Uwe Claasen: Das Altonaer Museum als Volksbildungsstätte, S. 48-52). Sicher auch strategisch klug war die Entscheidung, das Altonaer Museum als regionales Landes- und Volkskundemuseum zu konzipieren, weil bereits andere Häuser in Hamburg oder Berlin als reine Naturwissenschaftliche Museen bestanden. Dem Fachmann Lehmann ging es dabei in erster Linie um die Vermittlungsarbeit - und diese sollte nicht in der Systematik und Vollständigkeit, sondern in der Anschaulichkeit eben jener ,Lebensbilder' geleistet werden. Das bedeutete, dass in der erdgeschichtlichen Abteilung plastische, vier mal vier Meter große Landkarten aufgestellt wurden, die Tierpräparate nicht in systematischen Reihen, sondern in Nachbildungen ihrer Lebenswelt gezeigt und die kulturgeschichtlichen Exponate, wie Trachten oder Inventarien, nicht nach Stil, sondern nach Herkunftsregion präsentiert wurden. Wie modern Lehmanns Vermittlungsarbeit tatsächlich war, zeigt die Spannbreite der Aktivitäten, die sich bis heute in der Museumsarbeit nicht wesentlich verändert hat: Neben ausführlichen Museumsführern wurden kleine Begleitblätter herausgegeben, die sich die Besucher aus Automaten in den einzelnen Abteilungen ziehen konnten - gewissermaßen ein Vorläufer des persönlichen Museumskataloges. Daneben wurden Vorträge zur Landeskunde Schleswig-Holsteins, Konzerte und Ausstellungen junger Altonaer Künstler veranstaltet, eine Leihbibliothek eingerichtet, Exkursionen organisiert und sogar Abendöffnungszeiten eingeführt.
Wie um Lehmanns 'ganzheitliches' Konzept - der Verbindung von Naturwissenschaft und Kulturgeschichte - durchaus auch im Altonaer Museum gerungen wurde, zeigt die Geschichte der geologischen Abteilung (Gerhard Kaufmann: Warum wieder eine geologische Abteilung im Altonaer Museum?, S. 53-60). Zwischen 1901-05 konzipiert, wurde sie bis 1920 zusammengestellt und sollte die "naturräumlichen Grundlagen für die Kulturgeschichte des Sammelgebietes aufzeigen" (S. 53). Nach Lehmanns Ausscheiden 1931 wenig bearbeitet und nach dem 2. Weltkrieg erhebliche Lücken aufweisend, wurde sie neu geordnet, bis der Brand 1980 eine erneute Entscheidung für eine geologische Abteilung und den Wiederaufbau nötig machte. Mehr als 20 Jahre später, im Jahr 2001, wurde die Sammlung neu konzipiert wiedereröffnet und sucht mit der ausführlich beschriebenen neuen Präsentation Anschluss an die Lehmannsche Anschaulichkeit.

Dass die Naturkunde für Lehmann von besonderer Bedeutung war, liegt nicht allein im biographischen Umstand, dass ein Haeckel-Schüler die Darwinschen Evolutionslehren anschaulich machen will (und nicht taxonomische Aufstellung wählt), sondern auch in der Tatsache, dass das Biologieverbot von 1879 an preußischen höheren Schulen die Notwendigkeit zur Vermittlung naturkundlichen Wissens im Museum nach sich zog (Altona kam 1864/66 zu Preußen). Lehmann also, der ehemalige Biologie- und Erdkundelehrer, der einen Schularbeitsgarten angelegt hatte, lud die Schüler zur Exkursion in sein Museum ein. Diese Details findet man in dem systematisch aufbereiteten Artikel zu den naturkundlichen Abteilungen des Altonaer Museums (H. Helene Kranz: Naturkunde im Museum, S. 61-72). Aber nicht nur der sich in allen Abteilungen abzeichnende und in den Aufsätzen nachgezeichnete Bildungsgedanke (der für sich genommen ja weder neu noch einzigartig war), sondern auch die Präparate selber trugen zum Ruf und Erfolg der naturkundlichen Sammlungen bei. Zur Weltausstellung 1904 nach St. Louis wurde Lehmann ebenso gerufen wie 1906 zur Dresdener Kunstgewerbeausstellung mit dem Themenraum "Form und Funktion". In Abgrenzung zu den ,Dioramen', die üblicherweise in gemalten Hintergrund übergehen und die Tiere nicht lebendig darstellen, entwickelte und realisierte die Präparationsabteilung unter Lehmann die ,Lebensräume' mit natürlichen Materialien, die beispielsweise in der zoologischen Abteilung allein 200 Vogelarten in ihrem ,natürlichen Lebensraum' darstellten.

Die beiden folgenden Aufsätze gehen noch einmal auf verschiedene Aspekte zu den naturkundlichen Abteilungen ein. Michael Dzwillo verweist auf die doch bestehenden Gemeinsamkeiten der an sich konzeptionell verschieden orientierten Häuser: das Hamburger, unter Karl Kraepelin systematisch geführte Naturhistorische Museum und Lehmanns Haus mit seiner am ,Exemplum für das Typische' orientierten Präsentation (Michael Dzwillo: Die Naturkunde im Altonaer Museum und im Naturhistorischen Museum in Hamburg, S. 73-78). Otto Lehmann, der 1895 als einer der Ersten botanische Exkursionsberichte zur Umgebung von Altona veröffentlichte, muß an der botanischen Sammlung besonders gelegen gewesen sein. Denn er hat das Herbarium J. J. Meyers, das zuvor zu den Beständen des "Öffentlichen Museums" Altona gehörte, nicht wie die anderen Teile der botanischen Sammlung verkauft, um für den Neubau des Altonaer Museums liquide Mittel zu beschaffen. Dies und die Bedeutung Wilhelm Heerings für die naturkundliche Bildungsarbeit in Altona werden ausführlich in Hans Helmut Poppendiecks Aufsatz dargestellt (Hans Helmut Poppendieck: Botanik und Botanische Sammlungen am Altonaer Museum 1901-1979, S. 79-85). Die Naturkundeabteilung im Altonaer Museum existiert nicht mehr. Die Sammlung selber wurde im 2. Weltkrieg weitgehend zerstört und ihre Reste wurden mit Senatsbeschluss bis 1979 an die Schausammlung des Zoologischen Museums der Universität Hamburg übergeben. Für die Dauer der Ausstellung "In Ottos Kopf" wurde noch einmal eine naturkundliche Abteilung im Altonaer Museum eingerichtet, die mit historischen Lehrmittelobjekten versuchte, dem Lehmannschen Konzept wohl vorerst ein letztes Mal Tribut zu zollen.

Sehr lesenswert sind die beiden letzten Aufsätze des Buches, die sich der kulturgeschichtlich-volkskundlichen Abteilung des Altonaer Museums widmen. Zunächst führt Uwe Claasen durch die Abteilung (Uwe Claasen: Ein Rundgang durch die kulturgeschichtlich-volkskundliche Abteilung, S. 86-94). Am Stand der Präsentation von 1914 wird der Rundgang durch die "Abteilung, die Lehmann synonym als Volkskunde, Kulturgeschichte, Landeskunde oder mit einer Kombination dieser Begriffe bezeichnete" (S. 86) vergegenwärtigt, den Lehmann in seinen Publikationen vorschlug. Wir gehen also gewissermaßen mit Lehmanns Augen vorbei an den Bauernhäusern (1914 waren es bereits 17 Modelle, die im Maßstab 1:20 eine 'Bauernhausgeographie' vorstellten), hinauf zu den 22 Interieurs, die in zwei Etagen eingerichtet waren. Von einer Galerie konnte man auf die Hausmodelle herabblicken, die zum Hauptgebäude mit der Sammlung der rund 100 Schleswig-Holsteinschen Trachten führte. Weiter geht es über die 'Synagoge', die eingerichtet wurde "um die große Bedeutung der Juden für Entwicklung der Stadt Altona zu würdigen" (S. 90), hin zu den Räumen über die Geschichte Schleswig-Holsteins, die u. a. Blätter des "Neuruppiner Bilderbogens" von 1848 zeigte. Weiter wird die Geschichte der Zünfte in Altona, des Keramik-, Druckerei- und Webereihandwerks mit ihren Rohmaterialien und Arbeitsgeräten vorgestellt und schließlich auch der Raum "Spiel und Spielzeug" mit den Puppenstuben und Papiertheatern der Altonaer Familien beschrieben. Schließlich gehörten noch die Themen Fischfang, Reederei und Schiffbau Schleswig-Holsteins zur kulturgeschichtlichen Abteilung, die im Tiefparterre des Hauses untergebracht waren. Lehmanns "Konzept, das Land von der Geologie über die Pflanzen und Tierwelt bis zur Kulturgeschichte der Menschen darzustellen und die Vernetzung der einzelnen Aspekte mit dem Ganzen aufzuzeigen" (S. 93), wird detailreich anhand des Rundganges durch die kulturgeschichtliche Abteilung vergegenwärtigt, um im nächsten Text dieses Konzept in einen wissenschaftsgeschichtlichen Kontext einzubetten (Uwe Claasen: Ethnizität im Spiegel von Geographie und Darwinismus. Die kulturgeschichtlich-volkskundliche Abteilung des Altonaer Museums im Kontext, S. 95-102).

Hier wird erläutert, wie das Schema der geographischen Landesbeschreibung, nach dem in Altona Geographie, Natur und Kulturgeschichte als voneinander abhängig und deshalb miteinander verwoben dargestellt werden, bereits von den Geographen des 18. Jahrhunderts zur Strukturierung ihrer Erdteil- und Weltbeschreibungen benutzt wurde. Auch Alfred Kirchhoff, bei dem Lehmann in Jena Geographie studiert hatte, benutzte bereits dieses Schema in der von ihm 1889 herausgegebenen "Anleitung zur deutschen Landeskunde und Volksforschung".

Im Folgenden setzt sich der Autor dezidiert mit den bereits mehrfach angesprochenen darwinistischen Grundlagen des Lehmannschen Ansatzes auseinander. Wenn es Lehmann 1932 "um das Verstehen der Menschheit [geht]", [2] dann wollte er vor allem die "bestimmende Ursache der Erscheinung" ergründen, [3] die nach Darwin im Überlebenskampf zu finden ist und sich eben auch an der Kulturgeschichte Schleswig-Holsteins 'beweisen' und anschaulich machen lässt. Lehmann ging es - sehr zeitgemäß - um das "ethnische Gemeinschaftserbgut" (S.97), also so etwas wie die 'Seele' des Schleswig-Holsteinschen Volkes. Deshalb wurden z.B. die Bauernstuben eingerichtet, und weil es nicht um das Individuelle, sondern um die Gattung ging, "[bezog sich] das Wort von der Richtigkeit [...] eben nicht auf den beobachteten Einzelfall, sondern auf die davon abgeleitete[n] [Aussagen über die] Gesamtpopulation" (S. 97). Deshalb auch wurden die Wandabwicklungen verändert und die Interieurs zugunsten einer museal inszenierten Wahrheit der 'Volksseele' enthistorisiert. Lehmann entwickelte das auf den Weltausstellungen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts genutzte Prinzip weiter, nationale und ethnische Qualitäten durch Interieurs darzustellen, und nahm dabei das Außergewöhnliche für das Typische und entwickelte so 'ideale' Typen, wie auch die Kunstgewerbemuseen in Hamburg und anderswo. Man darf auf die in Arbeit befindliche Dissertation Claasens gespannt sein, die eine Gesamtsicht des Lehmannschen Denkens und Wirkens unternehmen will und so auch "das Verhältnis von Geologie und Volkskunde in Bezug auf die Entstehung von Regionalmuseen" (S. 95) weiter erhellen kann. Ebenso würde dann deutlicher, ob Lehmanns Schriften und sein Zugang "zwischen Dokumentation und enthistorisierender, ethnischer Zuordnung" (S. 93), die bislang in der Literatur als präfaschistisch beschrieben wurden, einer neuen Bewertung zugänglich gemacht wird.

Der vorliegende Sammelband gibt einen guten Überblick über die Bedeutung Lehmanns für das Konzept des Altonaer Museums. Allerdings hätte eine systematische Aufbereitung zumindest der historischen Eckdaten des Altonaer Museums und vor allem seiner einzelnen Abteilungen dem Band durchaus gut getan - so hätten auch einige Redundanzen in den einzelnen Aufsätzen vermieden werden können.

Anmerkungen:

[1] In Ottos Kopf. Das Altonaer Museum 1901-2001 und die moderne Konzeption seines ersten Direktors Otto Lehmann 1901 / 1914 / 2001.
Sonderausstellung im Altonaer Museum in Hamburg – Norddeutsches Landesmuseum, 12. September 2001 - 6. Januar 2002.
Website: www.hamburg.de/Altonaer-Museum/sonderausstellungen/archiv/100jahre.html

[2] Otto Lehmann: Die Volkskunst in der Internationalität. In: H. Konen/ J. Steffes (Hg.): Volkstum und Kulturpolitik. Eine Sammlung von Aufsätzen gewidmet Georg Schreiber zum 50. Geburtstag, Köln 1932, S. 100 - 117, hier S. 117, zitiert nach Claasen, Ethnizität im Spiegel von Geographie und Darwinismus, S. 96.

[3] Otto Lehmann, Die volkskundliche Aufgabe der Heimatmuseen. In: Museumskunde, Neue Folge 1/1929, S. 51, zitiert nach Claassen, ebd.


 VL Museen
Alle Rechte bei der Autorin und VL Museen
Dokument erstellt am 15.3.2003