VL Museen

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Rezension

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Ingolf Bauer (Hg.):
Das Bayerische Nationalmuseum. 
Der Neubau an der Prinzregentenstraße 1892-1900

München: Hirmer 2000, 343 S., Ln., 195 Abb. und 37 Tafeln, 98,- DM

Rezensiert von 
Kai Michel,  Berlin

Vor einhundert Jahren wurde nach achtjähriger Bauzeit das Bayerische Nationalmuseum in München eröffnet. Aus diesem Anlass hat das Museum nun einen prächtigen Band vorgelegt, der sich allein auf den von Gabriel von Seidl entworfenen Museumsbau konzentriert. Die Geschichte des Museums als Institution und die Geschichte seiner Sammlungen bleiben einer eigenen Publikation vorbehalten, die zu seinem 150-jährigen Gründungsjubiläum im Jahr 2005 erscheinen soll.

Das Bayerische Nationalmuseum gilt als ein typischer Vertreter der kulturgeschichtlichen Museen, die in den 1890er-Jahren projektiert und um 1900 vollendet wurden. Zu ihnen gehören das von Gustav Goll geplante Schweizerische Landesmuseum in Zürich, das Märkische Museum Ludwig Hoffmanns in Berlin und das von Alfred Messel entworfene Großherzogliche Museum zu Darmstadt. Ihnen gemeinsam ist das Bestreben, für die auszustellenden Objekte “ihrer jeweiligen Eigenart entsprechende Räume zu schaffen und architektonisch auszubilden”, schrieb Heinrich Wagner 1906 im Handbuch der Architektur, sie sollen “den Beschauer in ein kulturhistorisches Milieu versetzen und ihm so ein eindruckvolles Bild geben”. Das führte dazu, dass sich in Museen dieser Art, denen vor allem an atmosphärischen “Stimmungen” gelegen war, Nachbildungen gotischer Kirchen- oder Waffenhallen ebenso finden wie hierhin translozierte Architekturfragmente oder Interieurs anderer Epochen. In München etwa wurde in einen Saal ein Teil der Renaissance-Decke aus Schloss Dachau eingebaut. Dieses “Ambientedenken” ging so weit, dass in den einzelnen Räumen zur Eröffnung des Münchener Museums dem jeweiligen Stil entsprechende Musik gespielt wurde. Auch das aufsichthabende Personal in passende historische Kostüme zu stecken, wie es zeitgenössische Karikaturen vorschlugen, davor schreckte man dann doch zurück.

Im Äußeren der Museen drückte sich ebenfalls die unterschiedliche Raumstruktur aus. Man spricht vom “Agglomerations-Prinzip”, nach dem verschiedene Bauteile zusammengefügt werden, die dem Wesen der jeweils ausgestellten Objekte entsprechen. Das führt zu einem heterogenen, eklektizistischen Bauensemble, das meist von der Romanik bis zum Barock alle Stile in sich verbindet. Die Hauptabsicht war es, im Inneren wie im Äußeren eine “malerische” Wirkung zu erzielen. Einerseits gründet dieser Wunsch in dem Bestreben, bedeutende Museumsvorbilder zu imitieren - wie das Musée de Cluny in Paris oder das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg -, die in historischen Bauten, meist säkularisierten Klöstern, untergebracht waren. Andererseits zeugt diese sich mehr an das Gefühl richtende, auf ein “Erlebnis” abzielende Inszenierung von einer Überwindung des Historismus, dessen unermessliche Wissens- und Objektanhäufung nur noch als verstaubt und tot erschien.

Mit dem hier anzuzeigenden Buch über die Architektur des Bayerischen Nationalmuseums liegt nun ein vorbildliches Werk über eines der bedeutendsten Museen dieses Typus vor. Neben informativen Aufsätzen zur Bau- und Rezeptionsgeschichte und wunderbarem Bildmaterial findet sich auch ein aufschlussreicher Aufsatz über die “Aufseherrevolte im Bayerischen Nationalmuseum”, der deutlich die Nachteile des damaligen Bauens vor Augen führt. Nicht nur, dass die feste Raumstruktur sich schnell als Prokrustesbett für die wachsenden Sammlungen erwies, sondern auch der für ein Museum notwendigen Infrastruktur wurde wenig Beachtung geschenkt. Für die Aufseher waren keine Pausenräume vorgesehen gewesen. Ähnlich war es mit den Kasseräumlichkeiten, Garderobe, Toiletten, Depots und Werkstätten, die - wenn überhaupt - nur rudimentär vorhanden waren. Hier zeigt sich die Kehrseite einer Entwicklung, in deren Folge sich die Architekten als Künstler verstanden und wenig Rücksicht auf die künftigen Nutzer nahmen. Sie setzten sich einfach über die Erfordernisse des Museumsalltags hinweg. Aus dieser Perspektive werden die derzeitigen Überlegungen des Schweizer Landesmuseums, ihren Museumsbau abzureißen, ein klein wenig verständlicher.


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Dokument erstellt am 2.1.2001