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Rezension

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Winfried Nerdinger (Hg.): 
Leo von Klenze. Architekt zwischen Kunst und Hof (Katalog zur Ausstellung des Münchner Stadtmuseums in Zusammenarbeit mit dem Architekturmuseum der Technischen Universität München vom 12.5.–3.9.2000). München: Prestel 2000, 540 S., zahlreiche Abb., Ln., mit beiliegender CD-ROM, DM 148,00 DM

Rezensiert von
Kai Michel, Berlin

Wenn sich das Münchner Stadtmuseum dem Lebenswerk Leo von Klenzes (1784–1864) mit einer großen Ausstellung widmet, mag das wenig überraschen, denn wie kein Zweiter prägte der klassizistische Architekt das Stadtbild der bayerischen Hauptstadt. Erstaunlich ist dabei vielmehr die Tatsache, dass es sich um die erste Einzelausstellung handelt, die Klenze seit dem Jahr 1884 vergönnt ist – und das, obwohl ihm die Welt Bauten wie die Alte Pinakothek in München, die Walhalla hoch über der Donau und die Neue Eremitage in St. Petersburg zu verdanken hat. Vielleicht stand Klenze lange Jahre zu sehr im Schatten seines Berliner Antipoden Karl Friedrich Schinkel, mit dem er an der Berliner Bauakademie studiert hatte und dessen Griechenlandbegeisterung er teilte. Womöglich hat man sich bisher aber auch wenig – und wenn, nur in Ausschnitten – mit dem Werk des Münchener Klassizisten auseinander gesetzt, weil Klenze all die Jahre zu sehr als ein Günstling des bayerischen Kronprinzen und späteren Königs Ludwig I. galt, der bereitwillig monarchische Ruhmsucht befriedigte und ergebenst das Legitimationsstreben des Königs von Napoleons Gnaden vollstreckte.

Aber nun wird endlich durch die in Zusammenarbeit mit dem Architekturmuseum der Technischen Universität München entstandene Ausstellung und den ebenso prachtvollen wie voluminösen Katalog der weiße Fleck auf den architektur- und museumsgeschichtlichen Landkarten getilgt. Insbesondere die Publikation widmet sich nicht nur dem gesamten architektonischen Œuvre Klenzes, das es durch ein Werkverzeichnis erschließt, sondern auch den vielfältigen Aspekten seines Lebens und Schaffens. Schließlich war Klenze nicht nur als Architekt tätig, sondern wirkte auch als Diplomat, Maler, Bauforscher, Ingenieur, Architekturtheoretiker, Kunstphilosoph, Innenausstatter und Organisator des bayerischen Bauwesens. Besonders beeindruckend sind bei Klenze, wie übrigens auch bei Schinkel, seine Museumsarchitekturen gewesen. So erwies sich die Alte Pinakothek mit ihrer Aufreihung von Oberlichtsälen und den begleitenden Kabinetten in der Tageslichtführung als so gelungen, dass sie vielen späteren Museen Modell stand. Letztes Beispiel dafür ist die 1996 eröffnete Berliner Gemäldegalerie am dortigen Kulturforum.

Mehr als nur ergänzt wird der Katalog durch eine beiliegende CD-ROM, die in digitalisierter Form eine "Klenze-Edition" bietet: etwa 5.000 transkribierte und kommentierte Seiten aus dem bisher unpublizierten Nachlass des Architekten. Darin sind so aufschlussreiche Dokumente wie Klenzes "Memorabilien" – eine retrospektive Rechtfertigungsschrift über sein Verhältnis zu Ludwig I. von Bayern – oder sein Tagebuch, aber auch architekturtheoretische Schriften und Briefwechsel enthalten. Orts- und Bautenverzeichnis, Personenregister und "Biogramme" erschließen die Quellen mustergültig. Dem Medium entsprechend wird neben den in den Texten enthaltenen Zeichnungen auch ein animiertes Panorama des Hoftheaters in Kassel dargeboten. Dieses 1809/10 auf der Wilhelmshöhe erbaute Erstlingswerk Klenzes fiel bereits in den Jahren 1828/30 Umbauten zum Opfer; seine virtuelle Rekonstruktion basiert nun auf einer Reihe von Kupferstichen, die Klenze für eine Publikation geschaffen hatte. Und so lassen Ausstellung, Katalog und CD-ROM auf moderne, nämlich vorbildlich multimediale Weise einen der herausragenden Architekten des 19. Jahrhunderts erfahrbar werden, dessen Ideal die "moderne Wiedergeburt" der Antike gewesen ist.


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Dokument erstellt am 1.8.200