VL Museen

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Rezension

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Randa-Campani, Sigrid (Hg.):
... einfach würdiger Styl! Vom Reichspostmuseum zum Museum für Kommunikation Berlin (=Kataloge der Museumsstiftung Post und Telekommunikation, Bd. 6; Publikation anlässlich der Museumseröffnung und der Ausstellung "Einfach würdiger Styl! Zur Biografie des Museums" im Museum für Kommunikation Berlin 18.3.-20.8.2000)
Heidelberg: Umschau/Braus 2000. 230 S., Hardcover, zahlr. Farb- und s/w-Abb

Rezensiert von
Kai Michel, Berlin

"Reiner und einfach würdiger Styl! Einverstanden! Wilhelm" - der deutsche Kaiser war begeistert, als ihm 1893 die Entwurfsskizzen des Architekten Ernst M. Hake für den Erweiterungsbau des Berliner Generalpostamtes vorgelegt wurden. Das mag überraschen, denn dieser monumentale Bau in Formen der italienischen Hochrenaissance mit Anklängen an den römischen und französischen Barock erinnert ein klein wenig an den zur gleichen Zeit erbauten Reichstag Paul Wallots - und der war für Wilhelm II. ein "Gipfel der Geschmacklosigkeit". Vermutlich hing diese unterschiedliche Beurteilung mit der Bestimmung der Gebäude zusammen: Beherbergte der Reichstag das wenig geliebte Parlament, so wurde in dem Erweiterungsbau, auf dessen Dach Giganten eine Weltkugel tragen, das Reichspostmuseum untergebracht. Für dessen Initiator, den Reichspostmeister Heinrich von Stephan (1831-1897), fand Wilhelm selbst noch im holländischen Exil anerkennende Worte: "Er war derjenige Mann der alten Schule, der so gut zu mir paßte, daß meine Gedanken und Anregungen bei ihm immer Verständnis fanden und dann von ihm aus Überzeugung voll Schwung und Kraft durchgeführt wurden. Von eiserner Energie, nie erlahmender Arbeitskraft und -freudigkeit, dabei immer voll frischen Humors, mit raschem Blick für neue Möglichkeiten."

Heinrich von Stephans Erlass zur Gründung des Reichpostmuseums datiert aus dem Jahr 1872 und markiert ein auch für andere historische Museen geltendes Phänomen: Gerade in den Zeiten des radikalen historischen Wandels - das Postwesen im neu errichteten Kaiserreich war zu organisieren, der Ausbau des unterirdischen Telegrafenwesens und die Erfindung des Telefons führten zur Revolutionierung der Lebenswelt - entsteht das Bedürfnis, das Alte, das zum Untergang Verdammte zu bewahren. Dass dies vor allem dazu dient, den eigenen Fortschritt zu bebildern, zeigt die Tatsache, dass trotz musealer Pläne keinesfalls die Pietät vor den eigenen historischen Traditionen gewachsen ist: Noch 1889 wurde mit Andreas Schlüters Alter Post nicht nur eines der bedeutendsten Palais der Barockzeit in Berlin abgerissen, sondern auch ein Stück realer Postgeschichte vernichtet. Da kommt es heute gerade recht, wenn passend zur abermaligen Revolution des Kommunikationswesens durch die Neuen Medien das alte Postmuseum nach langen Jahren der mühseligen Sanierung und liebevollen Restaurierung wundersam gewandelt seine Tore öffnet: Als Museum für Kommunikation erwarten den heutigen Besucher neben traditionellen Sammlungsbeständen multimediale und interaktive Ausstellungswelten - und natürlich noch immer die 1904 erworbene "Blaue Mauritius".

Pünktlich zur Neueröffnung des Hauses und der noch bis zum 20. August 2000 zu sehenden Sonderausstellung "Einfach würdiger Styl! Zur Biografie des Museums" wurde mit dem gleichnamigen Band eine repräsentative Publikation vorgelegt. Dem Buch sieht man an, dass in diesem Museum nicht der Staat oder die Kommune Herr im Hause ist, sondern die 1995 begründete Museumsstiftung Post und Telekommunikation, deren finanzkräftige Alleinunterhalter die Deutsche Post und die Deutsche Telekom sind. Im großen, ansprechenden Format, ausgestattet mit vielen ausgezeichneten Abbildungen, wird in informativen, gut lesbaren Texten die Geschichte des Museums und seiner Sammlungen vorgestellt und kundig auf die Innen- wie Außenarchitektur des Hauses eingegangen. Ein ausführliches Literaturverzeichnis bietet die Grundlage für weitergehende Lektüre. Kurzum: Eine Publikation, wie man sie sich von jedem Museum wünschen würde.


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Dokument erstellt am 30.6.2000