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Rezension

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Inez van Lamsweerde: Photographs
(= Katalog zur Ausstellung in den Deichtorhallen, Hamburg, 19.11.1999-28.02.2000)
München: Schirmer Mosel 1999, 48 S., 24 Abb., brosch., DM 35,- /ÖS 255,- /SFr 35,- /€ 17,85

Rezensiert von
Kai Michel, Berlin

Eine Hand voll Fotografien nur sind in dem schmalen Katalog der Niederländerin Inez van Lamsweerde versammelt. So technisch perfekt sie sind, so strahlend und glänzend sich ihre Sujets präsentieren, sieht man ihnen auf den ersten Blick an, dass eine Modefotografin sie gemacht hat. Erst der zweite Blick legt die Vermutung nahe, dass es sich bei ihnen auch um die Werke einer Künstlerin handelt. Manchmal dauert es eine kleine Weile, bis sich der Anfangsverdacht erhärtet und Beweise gefunden werden. Die in der Serie "The Forest" porträtierten Männer muten zwar schon bei flüchtiger Betrachtung etwas seltsam an, ihre Posen erscheinen ungewohnt passiv, ja geradezu feminin. Doch ihre perfekt manikürten Hände fallen nicht sofort auf, ja nicht einmal, dass es keine Männer-, sondern Frauenhände sind. Und um zu entdecken, dass auf ihren Wangen kein einziges Barthaar sprießt, muss man sich schon bewusst auf die Suche nach einem Bart gemacht haben. Offenkundiger ist da, dass die jungen Frauen in der Fotoserie "Thank you Thighmaster" Opfer bizarrer Körpertransplantation geworden sind. Ihre Gesichter erhielten sie von Barbie-Puppen. Und diesen gleich wurden ihre Brustwarzen entfernt und alle Körperöffnungen verschlossen. Aber alles sieht so perfekt aus, dass man sich beständig fragen muss, was echt ist und was falsch. Der bloße Blick genügt nicht, dies zu entscheiden. Nur ein ungutes Gefühl flüstert einem ein, dass der grinsende Mund der kleinen Ursula in "Final Fantasy" der eines Mannes sein muss.

Bereits bei den handwerklich produzierten Fotomontagen der 20er-Jahre, wie etwa bei Karl Schenkers Rätselbildern "Mannequins oder Wachspuppen?", war es kaum möglich, zwischen Schein und Sein zu unterscheiden. Die von Inez van Lamsweerde digital bearbeiteten Bilder nun sind technisch perfekt. Es ist keine Schnittstelle zu entdecken, kein mühsam kaschierter Übergang. Auf der fotografischen Ebene fehlt jedes Indiz für eine Montage. Die Wesen sehen real aus, auch wenn man weiß, dass sie nicht authentisch sein können. Doch woher wissen wir das? Indem wir auf unsere kulturell vermittelten Vorstellungen rekurrieren, wie etwas auszusehen hat: ein Mann, eine Frau, ein Kind. Und deshalb wird die Auseinandersetzung mit Lamsweerdes Fotografien letztlich zu einer Auseinandersetzung mit unseren eigenen Stereotypen und Geschlechtervorstellungen. Gerade weil die Bilder in ihrer formalen Stimmigkeit Objektivität behaupten, erregen sie umso heftiger unseren Widerspruch. Unsere sonst unbewussten Bilder, wie die Welt auszusehen hat, protestieren gegen diesen schönen Schein und werden uns so bewusst.

Natürlich können die Fotografien dieser modernen Chimären auch als Warnungen zur Jahrtausendwende verstanden werden. In der Zeit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms und immer ausgereifterer Biotechnologien gewähren sie uns einen Einblick in den zukünftigen Menschenpark. So könnten wir werden: Scheußlich schön wie die Eloi in H. G. Wells "Zeitmaschine". Durch diesen visionären Charakter, den Verweis auf die Zeitlichkeit des menschlichen Körpers, der heute zur Disposition steht, verweisen die Fotografien Inez van Lamsweerdes auf die Konstruiertheit unserer Bilder vom Menschen, von den Geschlechtern und den Lebensaltern. Damit demontieren sie den Mythos von der angeblichen Natürlichkeit der menschlichen Verhältnisse. Und das ist ihre aufklärerische Leistung.


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Dokument erstellt am 30.4.2000