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Rezension

 

Amalia Fürstin von Gallitzin (1748-1806). "Meine Seele ist auf der Spitze meiner Feder". Ausstellung zum 250. Geburtstag in der Universitäts- und Landesbibliothek Münster.
Hrsg. v. Petra Schulz. Münster: Ardey-Verlag, 1998.
[Schriften der Universitäts- und Landesbibliothek Münster; Band 17]
ISBN: 3-87023-095-9; DM 39,80

Rezensiert für VL Museen und H-Soz-u-Kult von
Stephanie Marra
Historisches Institut
Universität Dortmund
marra@dx1.hrz.uni-dortmund.de

Fürstin Amalia von Gallitzin, eine geborene Gräfin von Schmettau, wurde im vergangenen Jahr eine Ausstellung in der Universitäts- und Landesbibliothek Münster gewidmet. Der begleitende Ausstellungskatalog bietet einen sehr umfangreichen Aufsatzteil mit teilweise sehr speziellen Untersuchungen zu Leben und Wirken der Fürstin sowie zu weiteren Mitgliedern des "Kreises von Münster". Gleichzeitig ist der Katalog interdiziplinär ausgerichtet, d. h. im Aufsatzteil sind sowohl kunstgeschichtlich und historisch relevante Inhalte, als auch philosophische, theologische und literaturwissenschaftliche Aspekte erschlossen worden. Mit diesem strukturellen Ansatz wird versucht, das Leben der Fürstin von Gallitzin in den kultur- und geistesgeschichtlichen Kontext des 18. Jahrhunderts zu setzen.

Die Fürstin von Gallitzin galt in ihrer Zeitepoche als ungewöhnliche und facettenreiche Persönlichkeit. Sie entsprach gleichwohl dem aufklärerischen Bildungideal des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Ihr lebenslange Streben nach persönlicher Weiterbildung sowie einer an das Bildungsmodell nach Rousseau angelehnte Erziehung ihrer beiden Kinder ging weit über die damalige Norm hinaus und galt unter ihren Zeitgenossen als "merckwürdig". Auch hinsichtlich ihrer übrigen Lebenshaltung und ihrer äußeren Erscheinung kam sie dem herkömmlichen Frauenbild jener Zeit nicht nahe. Alles in allem also eine höchst denkwürdige und sicherlich auch aus heutiger Perspektive aussergewöhnliche Frau, der 1998 in Münster zu Recht eine Ausstellung sowie ein umfangreicher Katalog gewidmet wurde.

Die Beiträge im Katalog sind folgerichtig auch sehr unterschiedlich, was sowohl ihre bereits oben erwähnte Thematik, als auch die oftmals sehr speziellen inhaltlichen Ausführungen betrifft. Aber darin liegt aus Sicht der Rezensentin der besondere Reiz dieses Katalogbandes. Herausragend unter den 15 Beiträgen ist beispielsweise der Aufsatz der Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger über Amalia von Gallitzin und die ständische Geschlechterrollen im späten 18. Jahrhundert. Die Autorin konstatiert "drei verschiedene Ebenen im Verhältnis der Geschlechter zueinander" (S. 19). Exemplifiziert wird dies am Lebensweg der Fürstin von Gallitzin, dessen Ablauf sich als gegensätzlich zwischen den drei Fixpunkten "Geburt" (adelige Herkunft und Sozialisation), "Amt" (Gattin, Mutter, Erzieherin der Kinder, Selbststudium) und "Liebe" (von der Fürstin gleichgesetzt mit Freundschaft) gestaltet. Durch ihre Vermählung mit dem russischen Diplomaten Fürst Dimitri von Gallitzin stieg die aus dem  brandenburg-preußischen Grafengeschlecht von Schmettau stammende junge Frau nicht nur in den Hochadel auf, sondern auch in die geistigen Gruppierungen der Aufklärung. Konsequent war dann auch ihre Trennung von ihrem sexuell dominanten Ehemann, dessen "amour brutal" sie - anders als ihre Zeitgenossinnen - entfliehen konnte. Damit hatte sie sich wiederum der gesellschaftlichen Normierung ihrer Zeit entzogen.

Besonderes Augenmerk legt ein Beitrag von Hans Erich Bödeker auf die Lesestoffe und das Lesebedürfnis sowie das Leseverhalten im "Kreise von Münster". Bekannte Leitfigur dieses Zirkels war Franz von Fürstenberg. Bödeker untersucht am Beispiel einer Buchhandlung in Münster das Kauf- und Leseverhalten von MitgliederInnen dieses Zirkels. Hieraus werden Rückschlüsse auf Kultur- und Buchgeschichte einer bestimmten intellektuellen Käuferschicht in Münster und Westfalen möglich.

Aus museumshistorischer Sicht ist besonders auch der Aufsatz von Erpho Bell über die Hemsterhuis-Gallitzinische Gemmensammlung interessant. Der niederländische Philosoph Frans Hemsterhuis war ein enger Vertrauter der Fürstin von Gallitzin und vererbte ihr die bereits von seinem Vater angelegte Sammlung.   Die Sammlung umfasste ursprünglich etwa 70 Einzelstücke, von denen nach dem Tod der Fürstin 1806 im Jahre 1819 vom Fürstenhaus Oranien-Nassau nur noch 62 Intaglien und vier Kammeen erworben werden konnten. Im Beitrag wird gleichzeitig auch die Rezeptionsgeschichte derartiger Sammlungen umrissen.

Gleichfalls vom museologischen Standpunkt bemerkenswert ist der Beitrag von Jörg-Ulrich Fechner über das bekannte Historiengemälde von Theobald von Oër, das die Fürstin von Gallitzin im Kreise ihrer Freunde zeigt. Fechner untersucht darin ausführlich und wissenschaftlich akribisch die Ikonographie des Gemäldes sowie die Künstlerbiographie des Malers.

Der Abbildungsteil des Katalogs umfaßt neben zahlreichen hochwertigen farbigen und schwarzweißen Abbildungen eine umfassende, sich an der Ausstellungskonzeption orientierte Exponatbeschreibungen. Einige dieser einleitenden Beschreibungen der einzelnen Exponatgruppen entsprechen von ihrem Umfang durchaus kleineren Aufsätzen, was besonders verdienstvoll und informativ ist.

Ein sich daran anschließender Anhang enthält neben einer Zeittafel zum Leben der Fürstin von Gallitzin auch eine ausführliche Bibliographie sowie ein umfangreiches Register.

Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß der Katalogband den Anspruch erheben kann, für FachwissenschaftlerInnen und Nicht-Fachleute gleichermaßen interessant zu sein. Problematisch erscheint der Rezensentin jedoch unter diesen Vorgaben die teilweise sehr anspruchsvollen und speziellen Beiträge, für die vielfach ein Vorwissen notwendig ist. Dies betrifft im besonderen den Beitrag von Irmgard Niehaus über die "Psychologie der Seelenvermögen", der inhaltlich hervorragend, aber sehr detailliert ist. Niehaus stellt die unterschiedlichen "Charakterberechnungen" von Persönlichkeiten heraus, die von den Mitgliedern des "Kreises von Münster" erarbeitet wurden. Hierbei spielte u.a. auch Goethes "Farbkreislehre" eine ergänzende und wichtige Rolle, da einem jeden Charakterzug eine entsprechende Farbe zugeordnet werden sollte. Zweifellos ist zum Verständnis dieses Aufsatzes ein entsprechendes Vorwissen erforderlich.

Darüber hinaus erscheint es etwas befremdlich, daß in einigen Beiträgen zum Teil längere Textpassagen in französischer Sprache ohne Übersetzung abgedruckt werden, während einige AutorInnen die Übersetzungen in den jeweiligen Anmerkungsteil gestellt haben. Hier wäre eine einheitliche Handhabe zweckdienlicher gewesen.

Trotz dieser Einschränkungen stellt der Katalog einen wichtigen und weiterführenden, vor allem aber fundierten Forschungsbeitrag dar, der vor allem auch durch seine qualitativ hochwertige Ausstattung gewinnt.


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