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Rezension

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Schmuck. Kostbarkeiten aus Afrika, Asien, Ozeanien und Amerika
Text von France Borel, Schmuckbeschreibungen von Colette Ghysels, Photographien von John Bigelow Taylor
(=Katalog zur Ausstellung Historisches Museum der Pfalz, Speyer 20.06.- 28.11.1999)
Ostfildern: Hatje Cantz 1999, 288 S., 399 farb. Abb., 6 Ktn., geb., ca. DM 98,- /ÖS 715,- /SFr 91,-

Rezensiert von
Johannes Litzel,
Agentur Litzel, Eitensheim

Opulent – ein Wort umfaßt das Optische dieses Kataloges. John Bigelow Taylors Photographien sind ein Hochgenuß, das Dargestellte ein Augenschmaus. Es macht Freude zu blättern, zu schauen, zu entdecken, zu genießen (einer der Favoriten für den 1. Preis des Rezensenten ist die Darstellung eines Ohrgehänges der Aguaruna (Peru) aus Skarabäendeckflügeln, Tukanfedern und Samen). Augenweide von Augenmenschen für Augenmenschen: Sammler sind eigentlich Jäger und damit Augenmenschen, Optisches hat Vorrang. Gleiches gilt für Büchermacher.

Der Katalog zeigt es deutlich: Schönheit, Klarheit, Ästhetik in Layout, Druck, Einband, Papier. Ein Werk für den Ohrensessel; warmes Licht zum Genießen, ein Schälchen Tee auf dem Beistelltisch, Pfeife oder Havanna nach Lust und Laune. Die Sammlung Ghysels ist reich, reichhaltig, kosmopolitisch, qualitätvoll, spannend, umfangreich, voller Herzblut, die einzelnen Stücke superb. Der Rezensent ist hingerissen...

Der Hatje Cantz Verlag spricht in seiner Presseinformation von einem "Handbuch für jeden Kunstfreund, Schmuckliebhaber, Goldschmied und Völkerkundler, das zum genußvollen Blättern einlädt." Der Rezensent ist verwirrt. Ein Handbuch? Zum Blättern? So hat er die vorliegende Publikation nicht gesehen. Ein Handbuch bietet – zumindest dem theoretischen Anspruch nach – gedrängte, handfeste Information zu einem oder vielen Themen (auch wenn zugegeben werden muß, daß reichlich Handbücher dieses hehre Ziel knapp verfehlen). Die textlichen Informationen im vorliegenden Band haben eher dekorativen Charakter, sind leichte Kost zur Einführung in das spannende Thema "Schmuck", ein kulturhistorisches Überblickchen, das eine "Einführung" zu nennen, ist schon zu hoch gegriffen.

Beispiel: Allein schon der Versuch, die vielgestaltigen komplexen Schmuckkulturen Asiens auf ganzen vier Druckseiten zu bewältigen, zeugt von erheblichem schriftstellerischen Selbstbewußtsein, um nicht zu sagen von Hybris. Die angegebene Literatur ist nicht auf dem neuesten Stand der Forschung; 1992 endet die Bibliographie. 1994 erschien die englische Ausgabe "The Splendor of Ethnic Juwelry". Für die deutsche Ausgabe hat sich niemand die Arbeit einer Überarbeitung und/oder Ergänzung gemacht (bis auf die dankenswerte Angabe evtl. vorhandener deutscher Übersetzungen). Die Karten im Anhang bieten eine geographische/politische Orientierung; ethnographische Karten wären wahrscheinlich dienlicher gewesen, zumindest für die Kunstfreunde, Schmuckliebhaber und Goldschmiede. Der Index ist dagegen durchaus hilfreich. Die Bildunterschriften sind grundsätzlich zu knapp gehalten; Angaben zur Entstehungszeit, Publikation des Stückes u.a.m. fehlen fast gänzlich. Der Fachmann vermißt auch ein Glossar. Technische Beschreibungen sind schlicht rudimentär (z.B. beim Stichwort "Cloisonné"). Ärgerlich.

Zusammenfassend: ein herrliches Buch, Schmuck für den Bücherschrank, ein Augenereignis. Kein Handbuch. Vielleicht sollte der Verlag mit den vollmundigen Pressemitteilungen etwas vorsichtiger sein.


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Dokument erstellt am 27.11.1999