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Rezension / Review

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Hans Weihreter: thog-lcags - Geheimnisvolle Amulette Tibets, Augsburg:
Edition Khyun, 2002.
1 CD (128 Seiten, 183 Abb., lesbar mit Adobe Acrobat Reader ab Version 3.0;
Systemvoraussetzungen PC: Pentium, Windows 95 OSR 2.0, 98 SE, ME, NT 4.0 mit
Service Pack, 2000, 64 MB RAM, 24 MB freier Festplattenspeicher;
Systemvoraussetzungen MAC: PowerPC-Prozessor, Mac OS 8.6.9.0.4; 64 MB RAM,
24 MB freier Festplattenspeicher)

Rezensiert von
Johannes Litzel M.A., Agentur Litzel, Burg
Email: Agentur_Litzel@t-online.de


Herders Lexikon ,Ethnologie' - sonst meist eher eine Quelle des Ärgers für den fachlich versierten Nutzer - erklärt das Amulett als "am Körper getragener kleiner Gegenstand, dient dem Menschen im mag. Weltbild als Abwehrzauber" und das Stichwort ,Abwehrzauber' als "mag. Handlung, die durch Abwehrmittel (Apotropäen) wie Lärmen, Schiessen, Feueranzünden, Zauberformeln, Tragen von Amuletten, Unheil abhalten oder böse Einflüsse unschädl. machen soll". Diese - eher minimalistischen - Erklärungen bekommen eine vielschichtige Dimension, wenn Hans Weihreter am Beispiel der thog-lcags Tibets das Thema Amulette behandelt. Schon 1988 hatte er in seiner Publikation ,Schmuck aus dem Himalaya' (Graz) einige Objekte vorgestellt; neue Erkenntnisse ermöglichen nun eine umfassendere Darstellung dieses Objektkomplexes.[1]

Thoktschak (tib. Thog-lcags ,erstes Eisen') sind kleine Metallgegenstände unterschiedlichster Art und Provenienz, die sich in Tibet höchster Wertschätzung erfreuen. Dabei liegt der ,Wert' eher im Auge des Betrachters, je nachdem, ob er dem tibetischen Kulturkreis entstammt und dort religiös verwurzelt ist oder mit ,westlicher' wissenschaftlicher Ambition das Objekt betrachtet und analysiert. Weihreter stellt diese wichtige Erkenntnis deutlich an den Anfang seiner Betrachtungen: er unterscheidet zunächst zwischen systemimmanenten Informationen (was denkt, meint, wünscht der autochthone Träger /Besitzer /Informant über das Stück? Welche Funktion hat es im kulturellen, magisch-religiösen Kontext? Was macht ein Metallgegenstand zu einem thog-lcag?) und dem, was sich ikonografisch, religions-, kulturgeschichtlich und komparativ über das Objekt und seine ursprüngliche Funktion ermitteln lässt. Die individuellen ,Wertzuweisungen' und Funktionsvorstellungen bzw. Verwendungszwecke hätten dabei im Ganzen durchaus mehr Raum beanspruchen dürfen; die persönliche ,Evaluierung' aufgrund individueller Erfahrung (mein Amulett hat wann, wo, wie geholfen) einzelner Besitzer fehlt leider gänzlich; die magischen Vorstellungswelten einzelner Interviewpartner hätten das Thema um diese Dimensionen weiter bereichert. Gleiches gilt auch für die Erwerbsfrage: Tibeter seien bereit, "riesige Summen" (wie viel?) zu investieren, um einen solchen Gegenstand zu erwerben, aber das "Finden" würde die Wirksamkeit verstärken. Die sich anschließende Frage, wer findet wann, wo, wie einen thog-lcag? bleibt unbeantwortet. Da es sich um archäologische Streufunde handelt, nach Weihreter, drängt sich zunächst der Gedanke an Ausgrabungstätigkeit durch die einheimische Bevölkerung auf.

Die Aufarbeitung der einzelnen Objektgruppen (Ringe, Fibeln, Spiegel, Tierdarstellungen u.a.m.) ist systematisch korrekt, die zeitlichen und lokalen Zuordnungen bzw. Einflüsse sind meist detail- und kenntnisreich untermauert und damit auch meist nachvolziehbar, wenn auch mancher Bogen sehr weit gespannt ist.

Dass manches zu kurz kommt, liegt an dem verdichteten Thema: Die Hinweise auf den tibetischen oder sibirischen Schamanismus müssen in Bezug auf Amulette Rudiment bleiben; die eingehende Behandlung verlangte ein eigenes Werk. Wünschenswert wäre, wenn auch auf die Metallurgie in einer gesonderten Publikation eingegangen werden könnte. Publikationen dieser Art leben von aussagekräftigen Darstellungen, meist Fotos. Diese lassen sich, ebenso wie das Geschriebene, in gedruckter Form nur in einer Größe betrachten. Hier kommt einer der Vorteile einer digitalen Publikation, neben u.a. dem nicht unerheblichen Kostenvorteil, voll zum Tragen: Wer mit der einfachen Abbildung nicht auskommt, kann das Ganze auch detailreich mit 400%, 600% oder - wenn der Monitor mitspielt - bis 1600% Vergrößerung betrachten. Bei einigen Objekten hätte sich der Rezensent aber noch die eine oder andere erläuternde Detailzeichnung oder eine zusätzliche Aufnahme von der Rückseite gewünscht. Die Bedienung ist mit dem o.a. Leseprogramm einfach und narrensicher; wer es aber lieber schwarz auf weiß haben möchte, kann ja seinen Drucker bemühen. Die Tatsache, dass die Datei verschlüsselt ist, muss trotz allen Bedauerns (leider kein drag & drop) Verständnis finden; das unberechtige Kopieren schädigt nun mal den Urheber in seinem berechtigten wirtschaftlichen Interesse.

Fazit: Hans Weihreter ist wieder ein lesbares und grundsolides Werk gelungen: Es ist nicht nur für den kleinen eingeschworenen Spezialistenkreis gedacht, sondern eine empfehlenswerte, hilfreiche Lektüre für alle Interessenten komparativer Betrachtung einzelner Kulturphänomene.

Anmerkung:

[1] Weihreter, Hans: Schmuck aus dem Himalaya, Graz 1988.


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Dokument erstellt am 2.11.2002