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Rezension

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Familientreffen
Deutsche Neanderthaler 1859-1999

Katalog zur Sonderausstellung: Familientreffen. Deutsche Neanderthaler zu Gast im
Neanderthal-Museum vom 19. März - 2.Mai 1999 / Jörg Orschiedtz; Bärbel
Auffermann; Gerd-C. Weninger. -Mettmann: Neanderthal-Museum, 1999

Rezensiert von
Johannes Litzel,
Agentur Litzel, Eitensheim

Familientreffen haben einen schlechten Ruf. Die Gründe für diese Zusammenkünfte sind selten freundschaftlicher Natur, schließlich sucht man sich Verwandtschaft nicht aus, sie trifft einen als ein Naturereignis. Neuigkeiten werden ausgetauscht, Reproduktionsergebnisse begutachtet, Zuwächse und Abgänge kritisch oder emotional diskutiert und kommentiert. Nach Abschluß der familiären Plichtübung freut man sich auf Menschen, die man mag, und hofft, daß die nächste Familienzusammenkunft lange auf sich warten lassen möge. 

Das Familientreffen in Mettmann ist etwas anders. Schon der Name ist doppeldeutiges Programm: hier trifft sich nicht nur Familie Neanderthaler, ein eher kleiner, illustrer Zirkel, sondern auch die weitläufige Verwandtschaft Homo sapiens sapiens. Um dieses Zusammentreffen nicht schon am Anfang zum Scheitern zu verurteilen, wird es von den Autoren in einer kleinen Familienchronik moderiert.

Einer kurzen sachkundigen, aber trotzdem launigen Einführung von Gerd-Christian Weninger folgen kurze inhaltsreiche Artikel über wichtige Aspekte des Problems "Neanderthaler". Das Kapitel "Forschungsgeschichte" von Bärbel Auffermann ist etwas zu knapp geraten; ein intensiverer Blick auf die Irrungen und Wirrungen, aber auch die Erkenntnisse des 19.Jahrhunderts würde zum Verständnis des Mythos "Neanderthaler" erheblich beitragen. Jörg Orschiedt versucht stammesgeschichtliche Zusammenhänge und die leidige Chronologie dem Besucher nahe zu bringen; auch die taxonomischen Probleme sind bei ihm in bemühten Händen. Das dieses Kapitel etwas unverdaulich ist - für den "gemeinen Museumsbesucher" - liegt am schwierigen Inhalt und sicher nicht am Verfasser. Eine kleine Zeittabelle wäre sicher auch hifreich gewesen. Darüber hinaus hätte sich der Rezensent auch etwas Kritik an der neuaufkeimenden Bezeichnungswut und dem Wortschöpfungseuphorie der Paläoanthropologen gewünscht. 

Zwingt sie doch mittlerweile dazu Konkordanzlisten zu führen um das wieder entstandene Terminologiegewirr verständlich zu machen. Dies trägt zu einem allgemeinen Verständnis sicher nicht bei. Der Einblick in "Die Welt der Neanderthaler" bringt uns Leben nahe; seine Bedingtheiten, seine Möglichkeiten, aber auch die Härte des Daseins. Der gespannte Bogen von der Ökologie über Werkzeug bis zu Krankheit,Bestattung und Tod gibt dem Leser die Chance des Vergleichs mit der eigenen Lebenswirklichkeit. Besonders die Bestattungen geben zu denken und zu überdenken, rücken den fernen Verwandten näher an uns heran. 

Das Kapitel über die Morphologie ist  durchaus detailreich; leider fehlt eine kurze Beschreibung der Rekonstruktionstechnik. Das Abschlußkapitel befaßt sich Gerd.-C. Weniger mit der Genetik, der neuen Stardisziplin der Anthropologie. Nach knapper Einführung in die Geschichte und Methodik, wird schlaglichtartig "Out of Afrika" und "Black Eve" beleuchtet. Der Untersuchung rekonstruierter Neanderthaler-mtDNA im Vergleich mit modernem genetischen Material wird größerer Raum gewährt. Die Untersuchungen von S. Pääbo u.a. stützen dabei zunächst die These, daß der Neanderthaler keinen genetischen Beitrag zur Evolution des modernen Menschen geleistet hat. 

Bei näherer Betrachtung ist jedoch ein Einwand zu erheben. Die Datenbasis ist ein bißchen schmal; es handelt sich - nur - um 379 Basenpaare aus dem Genom - nur - eines europäischen Neanderthalers. Weiteres genetisches Material aus anderen Fundorten wäre dringend vonnöten um die o.a. Aussage zu stützen. Sie bleibt bislang ein - wenn auch wichtiges und spannendes - Einzelergebnis. Kritik ist aber auch an Wenigers Einwand zur "Variationsbreite zwischen der mtDNA aus der Feldhofer Grotte und der heutiger Zeitgenossen" im Vergleich zu anderen Wirbeltierarten, zu üben. Die Varianz des gesamten rezenten Humangenoms - soweit bislang entschlüsselt - ist im Vergleich mit anderen Wirbeltierarten, z.B. Schimpansen, wesentlich geringer, schmäler. Unser Genpool ist scheinbar recht einheitlich gehalten, ein Hinweis auf eine kleine,lokale Gruppe von Vorfahren. Ein Ergebnis im übrigen auch, daß die weitläufige Verwandtschaft mit Neanderthalers stützt! Den Abschluß des Textteils des Kataloges bildet die Literaturliste, nein, eher ein Listchen, gut sortiert, aber überaus sparsam - Warum?  

Der Fundstellenkatalog ist wiederum inhaltsreich, ausreichend detailliert und macht Lust auf Wandern. Die angegebene Literatur ist hilfreich, weitestgehend auf der Höhe der Zeit, die Bebilderung durchweg informativ. Mit erfolgreichen Familientreffen dieser Art kann sich auch der Rezensent anfreunden.  


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Dokument erstellt am 18.1.2000