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Literaturbesprechung

Jens Hoppe: Jüdische Geschichte und Kultur in Museen. Zur nichtjüdischen Museologie des Jüdischen in Deutschland. Münster: Waxmann Verlag, 2002 [Internationale Hochschulschriften, 393]. 395 Seiten, br., EUR 39,80. ISBN 3-8309-1178-5

Rezensiert von:
Sybille H. Kussmaul, Nürnberg
E-Mail: sibylle.kussmaul@gmx.de


In seiner aufwendig und fundiert recherchierten Arbeit bespricht Jens Hoppe die verschiedensten Aspekte seines Themas und gelangt so zu einer interessanten Studie eines bisher nicht systematisch untersuchten Feldes. Von Interesse ist die Dissertation, weil sie anhand vieler verschiedener Beispiele zeigt, welchen Stellenwert jüdische Geschichte und Kultur in der Arbeit von Nichtjuden hatte und welchen Einflüssen das Untersuchungsfeld ausgesetzt war. Darüberhinaus beschreibt der Autor, welche Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden bestanden und ergänzt seine Betrachtung durch ein Kapitel, das er ausschliesslich der jüdischen Museologie des Jüdischen widmet. Ein weiteres Plus ist ohne Zweifel der grosse zeitliche Bogen, den Jens Hoppe von Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die jüngste Zeit spannt. Der Autor verzichtet auf Hypothesen über die Wirkung der nichtjüdischen Museologie des Jüdischen, da er, angelehnt an Bodo von Borries und Heiner Treinen, [1] den Museen zurecht einen begrenzten Einfluss zuspricht.

Die Untersuchung wirft ein Licht auf den Stellenwert, der der jüdischen Minderheit im kulturellen Gedächtnis der Mehrheitsgesellschaft zuerkannt wurde. Die nichtjüdische Museologie des Jüdischen wird als „Medium der ‚Selbstbeschreibung‘ der Mehrheitsgesellschaft“ behandelt (S. 3) [2] und Museen als Gedächtnisorte, die ein Ergebnis gesellschaftlicher Auseinandersetzungen sind um das, was bewahrenswert ist.

Die jüdischen Museumsprojekte, ihre Protagonisten, ihre Sammlungen, also die „jüdische Museologie“ fand ihren „massgeblichen Impuls“ in „der Wiederbelebung der eigenen Geschichte zur Neudefinition der (eigenen) Identität“ (S. 4), so wie allgemein die Gründungen von Museen in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter dem Stern der Nationalbewegung und Nationalstaatsgründung von 1871 sowie divergierender regionaler Identitäten standen. Was bedeutet nun aber in diesem Zusammenhang der Erwerb von Judaica in kulturhistorisch-volkskundlichen Museen, die Jens Hoppe untersucht? Stimmt die Annahme der bisherigen Forschung, konzentriert auf Jüdische Museen, dass vor allem Juden Objekte der jüdischen Kultur sammelten? Wurde jüdische Geschichte und Kultur in den Dauerausstellungen eingebunden und auf welche Weise? Und was lässt sich daran ablesen über das Zusammenleben von nichtjüdischer Mehrheit und jüdischer Minderheit?

Dass Museumsobjekte lange Zeit ausschliesslich Symbole der bürgerlichen Welt waren, beeinflusst nicht nur heute noch die Darstellung jüdischer Geschichte und Kultur in Museen, sondern schränkt den Erkenntniswert für obige Fragen schon dahingehend ein, „dass vor allem das bürgerliche Bemühen um jüdische Geschichte und Kultur in den Museen und ein bürgerliches Bild des Jüdischen erkennbar werden“ (S. 7). Ein weiteres „Problem besteht darin, dass nichtjüdische Museumswissenschaftler als ‚jüdisch‘ fast nur Objekte bezeichnen, die sich formal und in ihrem Sinnbezug von der nichtjüdischen Umwelt abheben. Dies führt jedoch zu einer Begrenzung auf den Bereich religiösen Denkens“ (S. 11). Oder aber Objekte mussten Inschriften mit hebräischen Buchstaben führen, um dem jüdischen Kulturkreis zugewiesen werden zu können. Immer bezeugten diese Objekte die Andersartigkeit der jüdischen Minderheit.

Jens Hoppe führte seine Untersuchung fast ausschliesslich in Süddeutschland. Wegen der ursprünglich grossen Dichte jüdischer Gemeinden rechnete er gerade in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz mit Judaica in zahlreichen Museen. Er fertigte Einzelstudien zu 23 Häusern: Regionalmuseum Alsfeld, Museum der Stadt Alzey, Braunschweigisches Landesmuseum Braunschweig, Museum Gelnhausen, Jüdisches Museum Göppingen, Mittelschwäbisches Heimatmuseum Krumbach, Hessisches Landesmuseum Kassel, Landesmuseum Mainz, Eifeler Landschaftsmuseum Mayen, Heimatmuseum Mellrichstadt, Dr.-Lichtigfeld-Museum Michelstadt, Markgräflermuseum Müllheim, Bayerisches Nationalmuseum München, Hessisches Freilichtmuseum Neu-Anspach, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Museum im Ritterhaus Offenburg, Bergwinkelmuseum Schlüchtern, Hällisch-Fränkisches Museum Schwäbisch Hall, Dorfmuseum Sennfeld, Historisches Museum der Pfalz Speyer, Volkskundemuseum Treuchtlingen, Fränkische Schweiz-Museum Tüchersfeld und Jüdisches Museum - Raschihaus Worms. Als Quellen dienten ihm museumsinterne Überlieferungen, Bestände staatlicher und kommunaler Archive, besonders Personalakten und Nachlässe einzelner Museumsleiter, sowie jüdische Zeitschriften und Zeitungen.

Ehe Jens Hoppe allerdings dort zu arbeiten begann, bestellte er sein Feld per Fragebogen zu den Judaica-Beständen, den er an 588 Museen verschickte, von denen er schliesslich 280 auswertete. Obschon der Autor so wichtige Informationen erhielt, um weitere Untersuchungen durchzuführen und ein paar grundlegende Tendenzen der Bearbeitung jüdischer Geschichte aufzuzeigen, erscheint der Erkenntnisgewinn der statistischen Auswertung, wie sie in Kapitel drei vorgenommen wird, bisweilen fragwürdig. Selbst ein detailierter Fragebogen löst nicht das Verständigungsproblem, was unter einem Judaicum zu verstehen sei. Nicht alle Kuratoren folgen dem Autor, der auch zeitgenössische Modelle von zerstörten Synagogen einbezieht. Die Leser werden ausserdem im Nebulösen belassen, wenn Fussnoten lediglich Fragebogennummern nennen, die auch im Anhang nicht entschlüsselt werden. Interessant ist allerdings ohne Zweifel, dass vorrangig Regionalmuseen jüdische Geschichte und Kultur in ihren Dauerausstellungen zeigen und hierzu Sonderausstellungen veranstalteten. Die Museen, die jüdische Geschichte und Kultur in ihr Konzept einbeziehen, tun dies zu 80 Prozent erst seit den 1980er Jahren und ein Grossteil der Objekte wird nicht gezeigt, da es sich häufig um Kleinstsammlungen handelt, sehr oft mit Objekten ohne lokalem oder regionalem Bezug. Und, auch dies ahnte man schon, doch nun ist es statistisch fundiert: Es ist die Synagogenpostkarte, die geradezu leitmotivisch in den Sammlungen zu finden und in den Ausstellungen zu sehen ist.

Der Autor präsentiert erste beispielhaft gewählte Einzeluntersuchungen unter dem Aspekt der Genese von Judaica-Sammlungen und kommt hier bereits zu eingängigen Ergebnissen über die Qualität der nichtjüdischen Museumsarbeit zur jüdischen Geschichte und Kultur. Dann folgt der Blick auf die Objekte selbst, geordnet nach Kategorien, Provenienz, Entstehungszeit, Erwerbs- oder Aneignungsgeschichte und ursprüngliche Besitzer oder Vermittler. So zeigt sich unter anderem, dass auch im Untersuchungsfeld dieser Studie bis 1933 nahezu ausschliesslich Juden Sammler und Schenker von Judaica waren (S. 215 ff.). Es wird aber auch zum wiederholten Male deutlich, wie passiv Museumsleiter bis in die 1980er Jahre hinein beim Erwerb von Judaica waren. Auch die verschiedenen „Wege aus dem Museum“ (S. 195 ff.) werden beleuchtet, sei es die Entfernung durch die Museumsleiter nach 1933, die nur vereinzelt geglückten „Herausholungen durch Juden“ (S. 199), Zerstörungen oder Restitutionen. Ehe Jens Hoppe den Exkurs zu den Jüdischen Museen unternimmt, vervollständigt er seine museologische Untersuchung mit der Erörterung der Rahmenbedingungen, unter denen die Objekte gezeigt wurden. Dies sind zum einen ganz konkret die Ausstellungsräume und die Konzeptionen. So boten die wenigsten Museen eine zentrierte Aufstellung von Judaica - der Autor erwähnt das Bayerische Nationalmuseum in München (seit 1881), das Städtische Museum in Göttingen (seit 1897), die Museen in Schwäbisch Hall und Straßburg (seit 1908), Würzburg (seit 1913), sowie Altona, Bamberg und Uffenheim (seit 1914). Doch auch den Kenntnissen der Museumsmitarbeiter über Judaica und den Einflüssen diverser Museumsorganisationen spürt der Autor nach.

Diese unterschiedlichen Perspektiven ergeben ein facettenreiches, letztlich dennoch desolates Bild von dem, was die nichtjüdische Museologie des Jüdischen - um den sperrigen jedoch schwer ersetzbaren Titel noch einmal zu zitieren - leistete zur Integration der jüdischen Geschichte und Kultur ins neue Selbstbild der bürgerlichen Gesellschaft.

Anmerkungen:

[1] Bodo von Borries: Präsentation und Rezeption von Geschichte im Museum, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 48 (1997), S. 337-343; Heiner Treinen: Prozesse der Bildwahrnehmung und Bildinterpretation in historischen Ausstellungen, in: Bernd Mütter / Bernd Schönemann / Uwe Uffelmann (Hg.): Geschichtskultur. Theorie - Empirie - Pragmatik, Weinheim 2000, S. 159-174.

[2] Angelehnt an die Untersuchung von Sabine Offe: Ausstellungen, Einstellungen, Entstellungen. Jüdische Museen in Deutschland und Österreich, Berlin/Wien 2000, S. 44 ff. Die zentrale These der Autorin ist, dass Jüdische Museen in Deutschland und Österreich „weniger über die Vergangenheit der Juden“ aussagen „als mehr über die Gegenwart der Nichtjuden“.


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Dokument erstellt am 15.1.2003