VL Museen

Rezension / Review

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Katharina Rauschenberger: Jüdische Tradition im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, Zur Geschichte des jüdischen Museumswesens in Deutschland, Hannover: Verlag Hahnsche Buchhandlung, 2002, [Forschungen zur Geschichte der Juden, Abteilung A: Abhandlungen, 16]. 336 Seiten, ISBN 3-7752-5625-3, EUR 38.-.

Rezensiert von 
Sibylle Kussmaul, Nürnberg
E-Mail: sibylle.kussmaul@gmx.de


Mit ihrer Arbeit liefert Katharina Rauschenberger die erste Zusammenfassung diverser Museums- und Sammlungsprojekte einer für das deutsche Judentum hoch spannenden Zeit. Dabei folgt sie natürlich dem Trend, diese musealen Unternehmungen auf ihren Erkenntnisgewinn hin für ihre Entstehungszeit zu untersuchen. Die grobe Verortung verweist auf die damalige Identitätskrise in Teilen des deutschen Judentums. Diese "Krise der Assimilation" hatte einen, wie die Autorin zusammenfasst, "Rückbesinnungsprozess zur Folge, in dem zunächst von religiöser Seite, später aber auch von wissenschaftlich theologischer und historischer die Frage nach den Eigenarten des Judentums und seiner Identität gestellt wurde." (S. 18)
Katharina Rauschenberger wendet sich in ihrer Einführung gegen jene, die jüdische Museen als Teil eines einheitlichen "kulturellen Systems" einer relativ geschlossenen Minderheitengruppe interpretieren und folgt dem aktuellen Diskussionsstand, der Juden als Ethnie begreift, "die nicht nur eine, sondern, gleichzeitig oder zeitlich versetzt, verschiedene Gruppenloyalitäten zulässt". (S.22)

Die Autorin kritisiert den bislang vorherrschenden fokusierten Blick auf einzelne jüdische Museumsprojekte, da er die Gründung der jüdischen Museen nicht in Kontext anderer Museumsgattungen und ihrer Geschichte setze. Es komme dadurch zu einer Aufwertung, die ignoriere, dass die Idee der Museumsgründungen nur wenig Resonanz innerhalb des deutschen Judentums hatte. Obschon die Museen idealer Ort öffentlicher Selbstdarstellung gewesen wären, fanden sie meistenteils diesen Zuspruch nicht. So waren nach Zählung Katharina Rauschenbergers von den 16 Initiativen zwischen 1895 und 1933 nur fünf erfolgreich genug, um eigenständige Museen zu werden, getragen von jüdischen Gemeinden und privaten Sponsoren. Die anderen Projekte wurden Teil bereits bestehender Einrichtungen oder scheiterten. Die Geschichte der jüdischen Museen sei alles andere als eine Erfolgsgeschichte gewesen und könne deshalb nur mit grossen Einschränkungen für eine Renaissance jüdischer Kultur stehen.

Vor allem aber gab es keine einheitliche Programmatik. "Man orientierte sich in der Regel an überzeugenden Ansätzen der nichtjüdischen Forschungseinrichtungen, statt ein kohärentes Konzept im jüdischen Kontext, das für alle jüdischen Museen verbindlich wäre, zu entwickeln." (S. 22) "In der Betrachtung durch die zeitgenössische Publizistik wurden die Museen zu Einrichtungen, die zur gesellschaftlichen Position der Juden in Deutschland Stellung beziehen sollten. Traditionspflege und Geschichtsbewusstsein wurden von jeder Parteiung innerhalb des Judentums für das jeweils eigene Programm vereinahmt. Den Museen kam dabei die Rolle zu, über die Interpretation der Vergangenheit Kommentator der Gegenwart zu werden." (S. 19)

Katharina Rauschenberger beginnt ihre Untersuchung mit einem Blick auf Vorbilder im Ausland, die Collection Strauss, die auf der Pariser Weltausstellung 1878 gezeigt wurde, die Anglo-Jewish Historical Exhibition in London, die Gesellschaft für Sammlung und Conservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums in Wien und das Jüdische Museum in Prag. Mit der Betrachtung dieser Projekte in ihrem jeweiligen nationalen Kontext leitet sie über zu der kursorisch dargestellten Debatte um ein zentrales jüdisches Museum in Deutschland. Kapitel drei widmet sie den Museumsprojekten in Frankfurt am Main und Berlin sowie der Hamburger Gesellschaft für Jüdische Volkskunde. Dann folgen Museumsgründungen im Elsass und in Danzig, die Bestrebungen Rudolf Hallos in Kassel, die Unternehmungen in Breslau, Ausstellungen im Rheinland und in Bayern sowie abschließend die Betrachtung jüdischer Sammlungen "im nichtjüdischen Kontext". Darunter behandelt Katharina Rauschenberger die städtische Sammlung in Göttingen, das Historische Museum in Frankfurt am Main, das Hamburger Altonaer Museum, das Vaterländische Museum in Braunschweig, die Religionskundliche Sammlung der Universität Marburg und das Museum für Völkerkunde in Lübeck.

Dieser Reigen ist wahrlich imposant. Katharina Rauschenberger gelingt eine Zusammenfassung der unterschiedlichsten Museums-, Sammlungs- und Ausstellungsprojekte, indem sie die Einflüsse anderer bereits existierender Museumsansätze in ihre Betrachtung einfließen lässt und die Motive der Protagonisten nachzeichnet. Interessant sind die teils eingehenden und anschaulichen Beschreibungen der Ausstellungen, zum Beispiel der Internationalen Presseausstellung Pressa 1928 in Köln (S. 214ff.). Auch die informativen Vorstellungen der Initiatoren und “Macher” jener Zeit sind der Verortung der damaligen Projekte sehr dienlich. Das große Plus der Arbeit ist die Quellensammlung, die detaillierte Auflistung der zahlreichen Artikel aus zeitgenössischen Zeitschriften, auf die sich die Autorin hauptsächlich stützt, und die Hinweise auf Konvolute in diversen Archiven. Dies vor allem macht die Arbeit wohl zu einem Standardwerk für Fachbibliotheken.

Ihr großer Nachteil ist: die Abhandlung bringt nichts wirklich Neues zutage, was sicherlich schwierig ist angesichts der bereits publizierten Analysen zu einzelnen hier vorgestellten Projekten. Dort werden die wichtigsten Motive und Ziele der Protagonisten genannt. Diese Arbeiten zeigen bereits, wie disparat die Wege waren, wie unterschiedlich die Antworten auf die Frage "Was ist jüdisch?" sein mußten. Auch die Wichtigkeit der Museumsprojekte im jüdischen Kulturleben wird entgegen der Einschätzung von Katharina Rauschenberger durchaus in ihrem Sinne besprochen, etwa von Margarethe Brock-Nannestad, deren informativer Artikel nicht in der Literaturliste auftaucht, obschon andere Artikel des Sammelbandes genannt werden. [1]

Die vorliegende Publikation wurde als Dissertation an der TU Berlin eingereicht, was dem Text nachwievor anzumerken ist. Das erleichtert die Lektüre nicht unbedingt, gerade nicht für Museumsleute, die in ihrer alltäglichen Arbeit gehalten sind, immer das Publikum im Auge zu haben. Manches in der akademisch solide gehaltenen Einführung wirkt konstruiert, etwa die Einschätzung, die Projekte seien überbewertet worden, oder an anderer Stelle: "Die Frage nach der Präsentationsweise von Ausstellungen führte nicht selten zu der Frage nach dem heutigen Selbstverständnis der jüdischen Museen in Deutschland, die sich oft als Nachfolgeeinrichtungen zu den frühen Museumsgründungen verstehen." (S. 9) Das tun sie natürlich nicht, sondern interpretieren sich als Neuanfänge nach der Schoa. In ihren abschließenden Betrachtungen zum jüdischen Museumswesen in Deutschland seit den 1980er Jahren macht Katharina Rauschenberger selbst darauf aufmerksam.

Manches ist auch gewagt, etwa die jüdische Renaissance als "eine lose Vereinigung von Publizisten und Künstlern" zu bezeichnen (S.19). Und es ist schlicht falsch, dass es sich bei der in Schwäbisch Hall gezeigten Synagoge von Unterlimpurg um ein Synagogengewölbe (S. 23) handele. Jedem sei ein Besuch im dortigen stadthistorischen Museum anempfohlen, um die wunderbar erhaltenen Wandpanele des Synagogenraums samt bemalter Decke zu bewundern.

Doch solche Einwürfe sind wohl Petitessen angesichts des breiten Tableaus, das Katharina Rauschenberger ausbreitet. Und es bleibt der Wert der Arbeit, detaillierte Hinweise auf Archivmaterial und Primärquellen in einer Publikation versammelt zu bieten.

Anmerkung:
[1] Der Artikel “Jüdische Museologie, Entwicklungen der jüdischen Museumsarbeit im deutsch-jüdischen Kulturraum” erschien in: Wiener Jahrbuch für jüdische Geschichte, Kultur und Museumswesen, Bd. 1, Wien 1994, S. 55-70.


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Dokument erstellt am 2.10.2002