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Rezension

 

Connected Cities. Kunstprozesse im urbanen Netz,
Hrsg. Söke Dinkla und Christoph Brockhaus im Auftrag
der Kultur Ruhr GmbH und der Stadt Duisburg,
Ostfildern (Hatje/Cantz) 1999
ISBN 3-77570849-9, DM 39 (Museumsausgabe)

Rezensiert von
Verena Kuni

Gegenwärtig sind Einblicke in das Ausstellungsprojekt
sowie Hintergrundinformationen zu einigen der künstlerischen
Arbeiten auch noch über die Homepage von "Connected Cities" zugänglich:
http://www.connected-cities.de

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Zu "Connected Cities" sind die Städte des Ruhrgebiets - seit mehr als einem Jahrhundert schon durch ein immer dichter werdendes Geflecht von Verkehrs-, Kommunikations- und Wirtschaftswegen miteinander verbunden - nicht erst im Zeitalter elektronischer Netzkommunikation geworden. Vielmehr haben dessen postindustrielle Ökonomien längst neue Produktionsorte und Umschlagplätze geschaffen und damit den drohenden Niedergang einer Region, deren wirtschaftliche Fundamente Kohle und Stahl zu den Auslaufprodukten zählen, eher noch beschleunigt. Wo man die längst massiv gewordene Strukturprobleme nicht, wie etwa mit dem "Centro" in Oberhausen, mit Freizeitparks für eine Konsumgesellschaft zu überspielen versucht, setzt der Pott nun zunehmend auf "Ruhr Kultur", um einerseits seine Industriedenkmäler vor dem Verfall zu retten und den Folgen ökologischer Ausbeutung entgegenzutreten, andererseits aber auch neue Perspektiven zu schaffen, die für ein im Wandel befindliches Selbstverständnis des Ruhrgebiets Zeichen - oder, wie es Marion Taube als Referentin der IBA Emscher Park für die Kultur Ruhr GmbH formuliert, "Landmarken" setzen sollen. So auch das Ausstellungsprojekt "Connected Cities", folgt man jedenfalls dem einleitenden Katalogvorwort von Christoph Brockhaus, Direktor des Lehmbruck-Museums Duisburg, für den "aus Kruppianern und Thyssenianern in fabriknahen Stadtteilen" bereits "eine mobile Gesellschaft geworden [ist], die zwischen den Städten pendelt und sich an Erlebnisorten der ganzen Stadtregion Ruhrgebiet orientiert": "Projekte dieser Art, die in interaktiven Erlebnisprozessen mit bewegten Bildern zwischen Kunst und Mensch, aber auch zwischen Räumen, Zeiten und Wirklichkeiten im Museum und - vernetzt - in transformierten Industriearchitekturen temporär agieren", so Brockhaus, " schärfen das Profil einer noch jungen Industriekultur und damit das neue einzigartige Profil dieser Stadtregion."

Hohe Erwartungen also an die Kunst, genährt nicht zuletzt am Charisma omnipräsenter Schlagworte wie "Vernetzung" und "Interaktivität", die überall dort kursieren, wo von den "neuen Medien" die Rede ist. Mit Söke Dinkla als Kuratorin war das Projekt allerdings einer Fachfrau in die Hände gegeben, die nicht nur mit ihrem - auf ihre Dissertation an der Hamburger Universität zurückgehenden - Buch "Pioniere der interaktiven Kunst von 1970 bis heute" (Edition ZKM im Cantz Verlag, Ostfildern 1997) Grundlagenarbeit auf diesem Gebiet geleistet, sondern auch schon mehrere einschlägige Ausstellungsvorhaben realisiert hat, so unter anderem mit der vielbeachteten Ausstellung "Interact! Schlüsselwerke interaktiver Kunst", mit der das vornehmlich für seine Sammlung Klassischer Moderne bekannte Lehmbruck-Museum bereits zwei Jahr zuvor zu einem Ort der Kunst mit elektronischen Medien geworden war.

Ging es seinerzeit - dem Titel der Schau entsprechend - vornehmlich darum, anhand bereits etablierter Positionen die Potentiale eines ‘neuen’ Mediums für eine Kunst auszuloten, die ihre Betrachter "hands on" in den ästhetischen Prozess involvieren will, waren für "Connected Cities" nunmehr zwölf zum grossen Teil ‘jüngere’ Künstlerinnen und Künstler beziehungsweise Künstlergruppen eingeladen, das gesamte Ruhrgebiet als "Labor auf Zeit" (Dinkla) zu nutzen, um im urbanen Netzwerk ihre eigenen, auf der Arbeit mit elektronischen Medien basierenden künstlerischen Netzwerke zu installieren.

So entwarf etwa Lynn Hershman, ihrerseits eine Pionierin auf diesem Gebiet, zusammen mit Fabian Wagmeister als Extension ihrer schon vor längerem als Work in Progress entwickelten "Robotic Doll" die Video-Netzwerkinstallation "Time and Time again", über die Bilder von an verschiedenen öffentlichen Orten des Ruhrgebiets installierten Überwachungskameras in einen Screening-Raum in der Ausstellung geschickt wurden, wo sie einerseits als Hintergrundprojektion dienten, andererseits aber auch die Silhouetten vor Ort anwesender BesucherInnen füllten. Deren Bewegungen wurden sodann von den Kameraaugen der "Robotic Doll" verfolgt, die ihrerseits von SurferInnen im World Wide Web gesteuert werden konnte und diesen wiederum die auf der Screen entstandenen, mithin Schicht um Schicht eine den erfassten Räumen entsprechende Tiefenstruktur visualisierenden Bilder weiterleitete. Wenn die Installation als elektronisches ‘Schattentheater’ zunächst auch vor allem auf ihren spielerischen und ästhetischen Reiz bauen mochte - die starren Augen der "Robotic Doll" im Nacken, konnten mindestens die Akteurinnen und Akteure im Duisburger Projektionsraum auch die unterschwelligen politischen Implikationen einer überwachbaren und überwachten Netzpräsenz zu spüren bekommen.

Einen inhaltlich wie technisch komplexen Beitrag hatte auch die in den vergangenen Jahren mit verschiedenen Netzinstallations-Szenarien bekannt gewordene Gruppe Knobotic Research KR+cF (Yvonne Wilhelm, Christian Hübler und Alexander Tuchazek) eingebracht, indem sie für ihr Projekt "IO_dencies", dessen erste Phasen in den voraufgegangenen Jahren bereits in Tokyo und Sao Paulo vorgestellt worden waren, eine neue, speziell auf das Ruhrgebiet ausgerichtete Fassung erarbeitet hatte. Wie bei seinen Vorläufern ging es auch bei "IO-dencies Ruhrgebiet" darum, aus der Perspektive der Kunst eine Schnittstelle zu entwickeln, die in einem und über ein elektronisches Netzwerk Hintergrundinformationen und prospektive Modelle für individuelles und kollektives Handeln im urbanen Raum zugänglich machen und ihrerseits aufnehmen und verarbeiten kann. Als Schwerpunktthemen waren entsprechend Stichworte wie "strukturelle Arbeitslosigkeit" und "Folgen der wirtschaftlichen Globalisierung" sowie weitere lokal spezifische Daten in die Datenbank des Projekts integriert worden.

Dennoch blieb angesichts der offensichtlichen Scheu, die - trotz eines durchaus anschaulichen und leicht zu handhabenden Interface der Installation vor Ort im Duisburger Lehmbruck-Museum - die meisten BesucherInnen zu haben schienen, sich die angebotenen Ressourcen aktiv zu eigen zu machen, letztlich eines offen: inwieweit sich nämlich derartige, künstlerisch und intellektuell anspruchsvolle Interventionen dann tatsächlich auch als kompatibel mit der Realität erweisen, auf die sie eigentlich ja zu zielen behaupten. Vom Konzept her wesentlich schlichtere Projekte wie die von Andrea Zapp und Paul Sermon entwickelte Arbeit "A Body of Water", die zwischen einer Waschkaue in der ehemaligen Zeche Ewald/Schlägel und einem seinerseits als "Bergarbeiter-Duschraum" inszenierten Museumsraum eine digitale Kameraverbindung herstellte, hatten trotz aller sinnlichen Anschaulichkeit sichtlich schon genug Schwierigkeiten, die BesucherInnen zu einem gemeinsamen virtuellen Duschpartie zu verführen - die in jedem Fall aber eben eine reale Präsenz von Akteurinnen und Akteuren an beiden Orten erfordert hätte.

Denn vor allem anderen gilt - für urbane wie für elektronische Netze, in der Kunst wie im ‘wirklichen’ Leben: Netze sind nur lebensfähig, wenn sie genutzt werden. Bei einem Besuch der Ausstellung an einem eher trüben Sonntag nachmittag war zwar das Lehmbruck-Museum - in dem "Connected Cities" (nicht unbedingt ‘netzgerecht’, aber angesichts der Tatsache, dass auch ein Ausstellungsnetzwerk einer Art zentraler ‘Serversstation’ bedarf, verständlich - zumal, dann, wenn das gesamte räumliche Netzwerk über zahlreiche Orte verstreut ist) sein Zentrum hatte - selbst recht gut frequentiert. Doch schienen die Meisten eher an den Beständen der Sammlung interessiert als an der temporären Medienschau. Unter den Duschen blieb man allein, und auch unter den strengen Augen der "Robotic Doll" bewegte sich nur selten der eine oder andere einsame Schatten - unbeobachtet. Stell dir vor, Du bist im Focus einer Webcam, und keiner schaut zu - oder, anders gesagt: Stellt dir vor, es ist Netz, und keiner geht hinein...

Nicht zuletzt mit Blick auf diese - künstlerisch wie kuratorisch nur sehr bedingt beeinflussbare - Variable ist es ein um so grösserer Verdienst, dass der Katalog zu "Connected Cities" nicht nur ausführliche Informationen über die den einzelnen Projekten zugrunde liegenden Konzeptionen bereit hält und damit auch Aspekte zugänglich macht, die insbesondere denjenigen, die mit elektronischen Netzwerken im allgemeinen und elektronischer Kunst im besonderen bislang nur wenig in Berührung gekommen sind, beim Besuch der Ausstellung selbst - notgedrungen - verschlossen geblieben sein dürften. Darüber hinaus bietet das Buch neben einem ebenso kenntnisreichen wie verständlich formulierten Einführungtext der Kuratorin mit Essays von Timothy Druckrey, Rem Koolhas, Tohyo Ito, Reinhard W. Wolf, Erik Kluitenberg und Cornelia Brüninghaus-Knubel auch die Möglichkeit zur vertiefenden Reflexion jenes Operationsfeldes, in das das Projekt auch für "absolute Beginners" in jedem Fall einen guten Einblick zu geben vermochte: Die künstlerische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen und kulturellen, politischen und sozialen ebenso wie den architektonischen und ästhetischen Faktoren, die das Leben im urbanen Netz bestimmen. Dass das Buch - last but not least - am Ende auch noch ein kleines Glossar zu den in diesem Diskurs zuweilen recht nebulös verwendeten Begriffen bietet, dürfte ebenfalls dazu beitragen, diese auch denjenigen zugänglicher zu machen, die bislang - unabhängig davon, wie ‘vernetzt’ sie in ihrem Alltag längst schon sind - beim Besuch einschlägiger Ausstellungsprojekte noch zögern, auch "der Kunst ins Netz zu gehen".


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Dokument erstellt am 28.10.1999