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Rezension

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Andy Warhol - Photography,
Hrsg. Hamburger Kunsthalle/The Andy Warhol Museum Pittsburgh,
Zürich (Edition Stemmle) 1999
ISBN 3-908163-08-0 (dtsch. Ausgabe)
ISBN 3-908163-10-2

Rezensiert von
Verena Kuni

Warhol Exposed.
Eine Ausstellung und ein Katalogbuch bieten neue Einsichten in Andy Warhols Verhältnis zur Photographie

Noch einmal, um nicht zu sagen: schon wieder Warhol? Nach zahlreichen, in der Mehrzahl grosszügig bestückten monographischen Ausstellungen, wie sie gerade während des letzten Jahrzehnts auch von deutschen Institutionen ausrichtet worden waren, schien das Werk des amerikanischen Pop Art-Protagonisten längst zum Selbstläufer im Karussell der Retrospektiven geworden zu sein. Im Museumsshop eine sichere Nummer, ansonsten ein Fall für Fussnotenschlachten unter den Spezialisten des wissenschaftlichen Fachpublikums. Aufsehen dürfte die Ankündigung der Hamburger Kunsthalle, ausgerechnet Warhol in diesem Sommer eine monographische Werkschau zu widmen, im Vorfeld jedenfalls kaum erregt haben.

Um so grösser daher die Überraschung, die dem Haus mit seinem Beitrag zur 1. Triennale der Photographie zweifelsohne geglückt ist: ."Andy Warhol. Photography" war nicht nur als sehenswerte und gut arrangierte Ausstellung zu Recht ein Publikumserfolg, sondern das Ergebnis eines Projekts, das auch als Gesamtvorhaben Beachtung verdient - nicht zuletzt, da das zusammengetragene Material auch im Hinblick auf künftige Forschungsvorhaben neue Einblicke in das Werk des Künstlers zu eröffnen verspricht. Was die kunstinteressierte Öffentlichkeit zunächst unter dem lapidaren Titel erwartet haben mochte - eine mehr oder weniger ausführliche Betrachtung der Rolle, die vorgefundene Sensationsphotographien aus Zeitungen einerseits und andererseits selbst angefertigte Star- und Prominentenporträts als Vorlagen für die grossformatigen Siebdrucke des Künstlers spielten - kann, so zeigte das Unternehmen, allenfalls die Spitze eines Eisberges erfassen, dessen eigentliche Dimensionen trotz eines kontinuierlichen Interesses an Warhols photographischen Arbeiten in der Vergangenheit nur unzureichend ausgelotet worden sind.

Auf der Grundlage intensiver Recherchen in den Archiven der Andy Warhol Foundation in Pittsburgh und der New Yorker Warhol Foundation for the Visual Arts ist es dem deutschen Kurator der Schau, Christoph Heinrich, in Zusammenarbeit mit seinen amerikanischen Kollegen gelungen, aus dem überbordenden Nachlass von über 200.000 Photographien eine dichte Schau zusammenzustellen, die nicht zuletzt auch über den begleitenden Katalog argumentativ zusammenführt, was bislang vornehmlich Gegenstand verstreuter Einzelbetrachtungen gewesen ist: Warhols Umgang mit vorgefundenem Material ebenso wie den Arbeiten bekannter Photographen, Auswahl und Experiment in der künstlerischen Bearbeitung einerseits, andererseits aber auch seine systematische und nachgerade enzyklopädische Sammeltätigkeit, die nicht nur auf die in seinen Siebdrucken wiederkehrenden Themen beschränkt war, sondern insbesondere in den letzten Lebensjahrzehnten, in denen der Künstler selbst mit der Kamera jeden alltäglichsten Schritt protokollierte, ein akribisches Bemühen um Welterfassung spiegelt, das ängstliche Distanz und begierige Einverleibung zugleich bezeugt.

Wer die Hamburger Ausstellung verpasst hat und ihr nicht nach Pittsburgh nachreisen will, ist mit dem umfangreichen und opulent ausgestatteten Katalog gut bedient. Auf der Bildebene bietet das Buch ein breites Spektrum in dieser Fülle bislang nicht publizierten Quellenmaterials vor allem aus dem Konvolut der Automatenphotographien, die Warhol während der sechziger Jahre als Grundlage für seine Porträtarbeiten favorisierte, und der Polaroids, die diese Funktion ab Ende der sechziger Jahre übernahmen, aus dem Fundus der Alben und Archivalien aus Warhols Sammlung sowie insbesondere der bis heute noch keineswegs vollständig ausgewerteten - da grösstenteils unmittelbar nach ihrer Herstellung in den Time Capsules ‘verschwundenen’ - Alltagsprotokolle auf unzähligen Kontaktbögen, das zusätzlich nicht nur um den Kontext der auf dieser Basis entstandenen künstlerischen Werkes ergänzt wird, sondern darüber hinaus auch eine Auswahl von Arbeiten jener Photographen und Zeitgenossen, die Warhol und seinen Kreis über zwanzig Jahren hinweg selbst mit ihrer Kamera beobachteten.

Eingefasst, gebändigt und zugänglich gemacht wird diese Fülle einerseits durch Zeitzeugenberichte, die in persönlichen Erinnerungen auf Warhols Arbeit mit der Kamera zurückblicken, andererseits durch eine Reihe von Aufsätzen, die diese aus verschiedenen methodischen und thematischen Perspektiven beleuchten. So geht es nicht nur im Warhols Arbeitsweise und seinen spezifischen Umgang mit den unterschiedlichen apparativen Medien von der Automatenphotographie über das Polaroid und die Kleinbildkamera bis hin zum Film, deren Relation zueinander und zum künstlerischen Gesamtwerk analysiert wird, sondern insbesondere auch um die Rolle, die das photographische Bild als solches für Warhols Verhältnis zur Welt gespielt hat: The Philosophy of Andy Warhol im Focus der Photographie.

Nicht zuletzt auch dem Umstand angemessen, das ursprünglich keineswegs alle gezeigten Aufnahmen je für Ausstellungszwecke vorgesehen waren, nimmt der Katalog dabei im weitesten Sinne Perspektiven der Cultural Studies auf, wenn sich etwa John Smith oder Margery King Warhols Verhältnis zu den von ihm gesammelten Starporträts aus der Filmbranche und anderem populären Bildmaterial widmen oder Ludger Derenthal sein Interesse an Reportage- und Prominentenphotographien in einen zeitgeschichtlichen Kontext stellt. In diesen Zusammenhang gestellt werden schliesslich auch Aspekte wie Warhols Beschäftigung mit dem begehrenden und dem versehrten Körper, Sexualität und Essen, Verletzung und Schmerz, die aus einem entsprechenden Blickwinkel in der deutschsprachigen Literatur - zumindestens auf der Ebene kunstwissenschaftlicher Forschung - bislang noch wenig behandelt worden sind.

Dass gerade diese spannenden Fragestellungen in einigen Essays dennoch eher angerissen denn wirklich vertieft und in einen kunst- und zeitgeschichtlichen Kontext gestellt werden, ist bedauerlich - mag aber umso mehr dazu anregen, ihnen an anderer Stelle erneut und ausführlicher nachzugehen. So dürfte es Ausstellung und Katalog vor allem anderen um eine Aufbereitung des Materials gegangen sein, die dieses über den engeren Fachkreis der Forscher erstmals einem breiteren Publikum zugänglich macht. Sorgfältig zusammengestellt und liebevoll editiert, bezeugt dies ein Prachtband, der erst einmal zum Sehen einlädt, aber - anders als manches Coffee-Table Book - seine Leserinnen und Leser keiner Stelle langweilen wird.


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Dokument erstellt am 13.10.1999