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Rezension

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face-to-face Fondation Beyeler (Hg.):
Face to Face to Cyberspace
(Katalog zur Ausstellung Fondation Beyeler, Riehen/Basel, 30.5.-12.9.1999)
Ostfildern: Hatje Cantz 1999, 140 S., 93 Abb., davon 73 farb., Leinen, DM 78,- /ÖS 569,- /SFr 73,-

Rezensiert von
Verena Kuni, Mainz

„Face to Face" heisst es in der Umgangssprache der Netizens immer dann, wenn es darum geht, sich jenseits des elektronischen Raumes, wo man entweder auf der Zeichenebene der Schriftsprache oder aber über digitale Stellvertreter miteinander kommuniziert, im „wirklichen Leben" zu begegnen.

Gleichwohl geht es in dem gleichnamigen Ausstellungsprojekt, das die renommierte Fondation Beyeler parallel zur 30. Art Basel als ihren Beitrag zum Schweizer Kunstsommer eröffnet und mit einem ansehnlichen Katalogband begleitet hat, weniger um die zwischenmenschliche Begegnung „von Angesicht zu Angesicht" als solche, denn um die Imaginationen des menschlichen Antlitzes im Medium der Kunst - und den Wandel, den sie im Spiegel der Moderne vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die unmittelbare Gegenwart erfahren haben.
Wenn das Thema als solches vermutlich Material für eine unendliche Geschichte mit nachgerade unüberschaubaren Filiationen bieten kann, so liegt eine Qualität der Basler Unternehmung sicherlich darin, auf einen enzyklopädischen Ansatz von vornherein zu verzichten und sich statt dessen auf wenige, wenngleich als solche auch kaum überraschende Positionen zu beschränken - von diesen jedoch wiederum nicht nur Arbeiten von herausragendem Stellenwert in der Kunstgeschichte auszuwählen, sondern neben den immer wieder gezeigten und abgebildeten „Inkunabeln" auch einige Stücke vorzustellen, die weniger bekannt oder - weil in Privatbesitz befindlich - den „öffentlichen Blicken" weitgehend entzogen sind. Dies gilt zumindest für die Zeit der klassischen Moderne bis in die ersten Nachkriegsjahrzehnte hinein, die sich gegenüber dem deutlich schmaler und subjektiver bestückten Bereich der Gegenwartskunst sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht als weitaus gewichtiger besetzt erweist.

Zwar mag auch hier zunächst verwundern, warum drei Künstler - nämlich Francis Bacon, Jean Dubuffet und Alberto Giacometti - mit umfangreichen Werkgruppen präsentiert werden, während andere bedeutende Vertreter der Moderne, in deren Oeuvre das (Selbst-)Porträt bekanntermassen eine wichtige Rolle spielt - wie etwa Max Beckmann oder Vincent van Gogh - nur mit einer einzigen Arbeit vertreten sind (letzterer zudem mit einem Kinderbild, das mehr über seine Auseinandersetzung mit Gauguin und den Nabis verrät, als dass es als charakteristisch für seine Auffassung des Porträts gelten könnte). Doch sind diese weniger - wie dies im Fall der Arbeiten Giacomettis sicherlich mit zum Tragen kommt - auf die eigenen Sammlungsschwerpunkte des Hausherren zurückzuführen, als sie einer Hauptthese der Ausstellung Kontur verleihen sollen, die Ernst Beyeler und Markus Brüderlin im Vorwort des Kataloges formulieren, wenn sie betonen, es sei ihnen nicht nur um das Nachzeichnen „markanter Stationen der Bildniskunst" gegangen, mit denen die Moderne zur „Befreiung des Gesichts von der Ähnlichkeitsfunktion des Porträts" beigetragen habe, sondern vor allem anderen um deren Konsequenzen bis in die Gegenwart hinein: „den Wandel von der psychologisierenden und deutenden Personendarstellung zur teilweise erschreckenden, frontalen Ansicht des Gesichts".

In der Tat haben - bei aller grundlegenden Unterschiedlichkeit ihres jeweiligen künstlerischen Ansatzes - Giacometti ebenso wie Dubuffet und Bacon das menschliche Antlitz nicht als Spiegel individueller Charakterzüge gefasst, sondern - und auf diesem Wege die klassische Porträtähnlichkeit ebenso wie eine auf die Einzigartigkeit des Individuums zielende psychologisierende Auffassung verabschiedend - als Folie für eine Malerei genutzt, die einerseits auf eine existentialistische Überzeichnung des Menschlichen an sich zielen konnte, andererseits aber immer auch die Reflexion des Mediums selbst, die Mittel der Malerei zum Gegenstand hatte. Unbestritten jedoch, dass diese Oberflächen oftmals mehr Tiefe aufweisen als ihre zeitgenössischen Pendants, die sich als (Sur-)Faces des Cyberspace in Szene setzen. Während die malerische Moderne ihre analytische Zerlegung des (Menschen-)Bildes über eine provozierende „Ästhetik des Hässlichen" - sei es in der extremen Kargheit, der Karikatur oder der (Selbst-)Zerfleischung des Antlitzes - vermittelt, scheinen die neuen Medien nur Menschen von makelloser Schönheit zu kennen. Hier müssen die BetrachterInnen schon etwas genauer hinschauen, um den Terror errechneter Perfektion zu spüren. Während Thomas Ruffs Generationsporträts leider nur mit zwei der klassischen, grossformatigen Cibachrome vertreten sind, denen vielleicht eine Formation der befremdenden, weil über eine Computerbearbeitung künstlich „blauäugig" in die Welt blickenden späteren Variationen dieser Porträts zur Seite zu stellen gewesen wären, bietet Rosemarie Trockels Serie der „Beauties" (1995) eine subtile Kritik der allgegenwärtigen „ewigen Jugend" im Zeitalter ihrer technischen Produzierbarkeit an: Von perfekter Schönheit sind die Models auf ihren Plakaten ganz gewiss, da ihre ebenmässigen Züge auf eine Spiegelung je einer Gesichtshälfte zurückgehen. Unpersönlich und damit letztlich auch leer, leiden diese Gesichter schliesslich selbst unter dem Ennui, den sie als radikalen Chic verkaufen sollen.

Den Schwerpunktsetzungen der Ausstellung entspricht auch der Aufbau des Katalogbuches. Auf einen einführenden Essay Reinhold Hohls, der mit einer Überschau über die Entwicklung des Porträts in der klassischen Moderne den kunsthistorischen Hintergrund liefert, für den in der Schau selbst die Arbeiten von Künstlern wie Paul Cézanne und Henri Matisse, aber auch Max Beckmann und - mit einer grösseren Werkauswahl - Pablo Picasso stehen, folgen monographische Beiträge zu den drei Stützpfeilern der Schau, Alberto Giacometti, Jean Dubuffet und Francis Bacon, denen jeweils auch mehrere Äusserungen der Künstler selbst wie auch ihnen zeitgenössischer Literaten und Philosophen zur Seite gestellt werden. Während Markus Brüderlin in seinem Abriss zum Porträt in der Gegenwartskunst in das Spannungsfeld einführt, das mit dem Einsatz apparativer und insbesondere elektronischer Medien in den Künsten entsteht, kommt mit Eduard Bannwart schliesslich auch ein Gestalter solcher digitalen Menschenbilder selbst zu Wort. Zwar erläutert der Beitrag des Schweizers, dessen in Berlin ansässige echtzeit GmbH im deutschsprachigen Raum zu den führenden Unternehmen im angewandten Bereich der Computersimulation animierter 3-D-Umwelten gehört, nicht nur die Funktionsweise der Installation „Virtual Head" (1999), mit der seine Firma in der Ausstellung vertreten ist, sondern auch die Doppelbödigkeit solcher Avatare, die „gleichzeitig Objekt [sind] und Subjektivität vortäuschen", indem sie zwar die physischen Daten in den errechneten Raum übersetzen können, ohne jedoch der Komplexität menschlicher Kommunikation gerecht zu werden. Doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass mit der Arbeit selbst als Abschluss der Zeitlinie des Buches wie auch der Ausstellung die Kunst als reflexives Medium schon gar nicht mehr zur Debatte steht, da es um die Gestaltung von Dienstleistung geht. Sobald man den Schutzraum der Kunst verlässt, sind es ohnehin nicht Selbstbefragungen wie die spröden Bildfindungen eines Picasso oder Giacometti, eines Dubuffet oder eines Bacon, sondern die effektvollen (Selbst-)Inszenierungen der neuen Medien, die das Bild des Menschen und seiner Welt dominieren.

In diesem Sinne - und der im Vorwort des Kataloges formulierten These eingedenk - hätte man sich vom Begleitband der Ausstellung vielleicht etwas mehr Mut zu theoretischer, kunst- und medienhistorischer Tiefe gewünscht. Mit seiner schönen und sorgfältigen Gestaltung, in denen sich die gut lesbaren Texte mit nahezu durchgängig grossformatigen Farbabbildungen abwechseln, taugt er dennoch nicht nur zum attraktiven „Coffetable-Book", sondern führt höchst anschaulich in sein Thema ein, das [from] „Face to Face to Cyberspace" neben einer kleinen Geschichte des Porträts in der Kunst von der Moderne bis zur Gegenwart Bild um Bild auch den Blick der Kunst in ihren eigenen Spiegel reflektiert.


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Dokument erstellt am 3.4.2000