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Literaturbesprechung

Peter Bendixen: Einführung in die Kultur- und Kunstökonomie, 2., erweiterte Auflage, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 2001. 285 S., br., EUR 25,90. ISBN: 3-531-33224-4

Rezensiert von:
Mag. Christian K. Kniescheck, Wien
E-Mail: Christian.Kniescheck@blackbox.net


Peter Bendixens "Einführung in die Kultur- und Kunstökonomie" zeichnet sich durch eine ermüdende Aneinanderreihung beliebiger Details und nichtssagender Allgemeinplätze aus. Weder kann er dem Anspruch gerecht werden, mit der Kulturökonomie eine methodische und kognitive Basis für Kulturmanagement und -administration bereitzustellen, noch gelingt der Versuch, die Kulturökonomie als interdisziplinäre Plattform für die Erforschung des Zusammenspiels von Wirtschaft und Kultur vorzustellen (vgl. S. 11 und S. 270).

Das Buch ist in vier Hauptteile gegliedert:

- Einleitung: Einführung - Ausgangslage - Einblick (42 Seiten)
- Grundlagen I: Der gesellschaftliche Ort von Kultur und Wirtschaft (55 Seiten)
- Rückblick: Kultur und Finanzen im Spiegel der Geschichte (91 Seiten)
- - Grundlagen II: Das ökonomische Fundament der Kulturökonomie (68 Seiten)

Die Einführung nähert sich der Frage, was Kulturökonomie sei, ohne sich jedoch auf eine feste Definition einzulassen. Im zweiten Kapitel, "Ausgangslage: Kunst und Kultur unter den Bedingungen der Marktwirtschaft", wird der Zusammenhang von Wirtschaft und Kultur dargestellt. Bendixen führt aus, dass die Marktwirtschaft eine kulturelle Basis habe und ihre Wiege in der englischen Agrarwirtschaft des 14. Jahrhunderts liegt. Die Marktwirtschaft sei heute aber "ein Balg geworden, der in seinem wilden Lebensdrang kaum noch zu bändigen und schon dabei ist, sich gegen den kulturellen Geist, der ihn gebar, zu wenden" (S. 19). "Der Kommerz dringt vor und gräbt der Kunst und Kultur [...] das Wasser ab" (S. 22). Im dritten Kapitel "Einblick: Das Vorbild Wirtschaft" betont Bendixen erneut, dass jede Wirtschaft eine kulturelle Basis hat. "Der Markt ist ein Kulturphänomen. Marketing ist Kulturarbeit" (S. 29). Bendixen führt auch aus, was Kulturarbeit von der Wirtschaft lernen könne: das "Postulat der wirtschaftlichen Mittelverwendung" (S. 34) und die "Weisheit des Vorausdenkens" (S. 38). Anschließend wendet sich der Autor gegen die Meinung, dass die Wirtschaft die Kultur alimentiere: "Der Kultur kommt eine langfristig stabilisierende, strukturierende Funktion zu, deren Aufzehrung einen ungeahnten Niedergang heraufbeschwören würde, vergleichbar dem Verzehr von Saatkorn in einem Moment des Getreidemangels" (S. 45)

Der zweite Teil der Publikation, "Grundlagen I: Der gesellschaftliche Ort von Kultur und Wirtschaft", bereitet die Gedanken der Einleitung in Variationen auf 55 Seiten aus. Der dritte und mit 91 Seiten längste Teil dieser "Einführung in die Kultur- und Kunstökonomie" befasst sich mit der Vergangenheit: "Rückblick: Kultur und Finanzen im Spiegel der Geschichte". Thematisiert werden der Beruf des Künstlers, der Geniekult sowie die Bedeutung des Marktes für Malerei, Literatur, Theater und Musik. Das letzte Unterkapitel des Bereichs ist der Thematik "Geld und Kunst: Rock und Pop, Jazz und Ethnomusik" gewidmet. Der vierte und letzte Teil "Grundlagen II: Das ökonomische Fundament der Kulturökonomie" beginnt mit einer "methodologischen Vorbemerkung", in der Bendixen meint, die Kulturökonomie könne "zu einem interdisziplinären Pool integrierter Forschung und praktischer Arbeit werden, der wenigstens einen Teil des traditionell disziplinär orientierten Wissenschaftsbetriebs überwindet" (S. 201). Anschließend kritisiert Bendixen die "methodologische Basis der (neoklassischen) Ökonomie", um anschließend Typologien zu Managementaufgaben, Managementrationalitäten, Kulturproduktionen und kulturellen Einrichtungen zu entwickeln. Abschließend heißt es im Schlusskapitel "Perspektiven: Was kann Kulturökonomie leisten?" zur Aufgabe der Kunst- und Kulturökonomie: Eines der Kerngebiete künftiger Forschung auf diesem Gebiet dürfte alles sein, was mit Globalisierung zusammenhängt (S. 270).

Das Grundübel dieses Buches liegt in den unklaren Definitionen und der verworrenen Argumentationsweise. Symptomatisch hierfür ist Bendixens implizite Beweisführung für die gesellschaftliche Notwendigkeit kultureller Einrichtungen. Für die Herausstreichung der Wichtigkeit von "Kultur" verwendet der Autor einen extrem weiten Kulturbegriff. Diese umfasst demnach keineswegs nur den "spezifische[n] Bereich der Künste" (S. 13), sondern:

- generell die "Bedingungen humaner Lebensumstände" (S. 25),
- die "Kultur [als ein] Identität wahrendes, verlässliches Netz von Beziehungen unter Menschen, Gruppen, Symbolen und Institutionen" (S. 29),
- den Markt und die Pflege ökonomischer Beziehungen (S. 29),
- die "Kultur als Überträgerin von Grundwerten des Wirtschaftens" (S. 56),
- "Kultur als allgemeines Wertesystem der sozialen und individuellen Lebensgestaltung" inklusive Kultur- und Kunstkommerz (S. 57);
- die "Kultur des Individualismus" (S. 16, S. 62 u. S. 64);
- das Vertrauen in die Ehrlichkeit fernreisender Kaufleute (S. 68) sowie
- die Werbewirtschaft (S. 79).

Auf Basis dieser weit gefassten Definitionen schließt Bendixen, dass zwischen Kultur und Wirtschaft keine "inhaltliche und formale Verschiedenartigkeit" besteht, sondern dass "beide Gebiete kultureller Natur" sind (S. 27 u. S. 28). Kultur ist somit die Grundvoraussetzung eines jeden Wirtschaftens. Dann verengt Bendixen aber plötzlich den Kulturbegriff auf Literatur, darstellende Kunst, Theater, Musik (inkl. Rock- und Popmusik), Malerei und Volkskultur und argumentiert, dass es notwendig ist, die Kultur im Sinne der Künste zu fördern. "Wer ökonomische Entwicklung will, kann sich eine Vernachlässigung der Kultur nicht leisten" (S. 76). Dieser Schluss ist allerdings insofern unlogisch, weil Bendixen in seiner Beweisführung die Definition von Kultur wechselt, also zuerst mit einem sehr weiten und dann plötzlich wieder mit einem engen Kulturbegriff operiert. Weiters ist anzumerken, dass bei dem oben vorgestellten sehr weiten Kulturbegriff völlig unklar bleibt, wie sich die Kulturökonomie von den Kultur- und Geisteswissenschaften abgrenzen möchte und welche neuen Forschungsfragen diese Kulturökonomie aufwirft und behandelt. Peter Bendixen ist sich seiner Sache offensichtlich auch nicht sicher, schreibt er doch: "Im übrigen möge die Substanz dessen, was unter Kulturökonomie zusammengefasst wird, mit der Zeit aus der Praxis von Forschung und Lehre auf diesem Feld hervorgehen" (S. 28). Selbstverständlich möchte Bendixen die Kulturökonomie auch nicht den Wirtschaftswissenschaften zurechnen, meint er doch wiederholt, die "orthodoxe Wirtschaftslehre der Neo-Klassik und des Neo-Liberalismus hinter sich lassen" zu müssen (vgl. Umschlagstext). Leider wird der Leser aber nirgends konkret über die Unzulänglichkeiten der klassischen Ökonomie informiert, vielmehr wird laufend mit Schlagwörtern wie "Diktat des Marktes", "Globalisierung" und "ökonomistisch verkürzter Sichtweise" argumentiert. Unverständlich ist weiters, warum Bendixen in einer Einführung zu einer Kultur- und Kunstökonomie völlig auf Zahlen und Daten verzichtet. Zwar ist wiederholt die Rede davon, dass sich "die Finanzierung kultureller Institutionen und Projekte" durch die Öffentliche Hand "in den letzten Dekaden [...] deutlich abgeschwächt hatte" (S. 230), Daten dazu werden aber nirgends geliefert. Auch nach konkreten Vorschlägen für wirtschaftliche Analysen (z.B. für die Berechnung von Umwegrentabilitäten) oder nach brauchbaren Argumentationshilfen für Kultursubventionen sucht der Leser vergeblich (vgl. z.B. die nichtssagende Argumentationslinie auf S. 185).

Außerdem erscheint der Autor selbstverliebt. Neben häufigen Verweisen von Bendixen auf Bendixen (z.B. gleich fünfmal auf S. 55) kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Verfasser dieser Einführung dem Leser zeigen möchte, wie viel er weiß. Die Exkurse zur Militärmusik im osmanischen Reich (S. 163), zu Fragen der Nachhallzeit in geschlossenen Räumen (S. 169), zu Opportunitätskosten und der Förderung des Schienenverkehrs (S. 180) sowie zur Dialektik von Privatheit und Öffentlichkeit (S. 103) machen das Werk nur länger.
Diese "Einführung in die Kultur- und Kunstökonomie" zeigt klar auf, dass derzeit kein Bedarf für eine von den Wirtschaftswissenschaften losgelöste und sich von deren Instrumentarien lossagenden Kulturökonomie besteht. Eine Kulturökonomie im Sinne von Peter Bendixen (schlecht rezipierte Erkenntnisse der Cultural Studies plus wirtschaftswissenschaftliche Allgemeinplätze) ist überflüssig. Daran ändert sich auch nichts, wenn Bendixen im letzten Drittel des Buches meint, die Kulturökonomie umfasse neben analytischen und diagnostischen "letztlich auch therapeutische Konzepte" (S. 200) – was auch immer der Autor damit sagen möchte.



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Dokument erstellt am 5.8.2003