VL Museen

Literaturbesprechung

Annette Hünnekens: Expanded Museum. Kulturelle Erinnerung und virtuelle Realitäten, Bielefeld: Transcript-Verlag, 2002. 272 S., kart., EUR 25,80. ISBN 3-933127-89-0

Rezensiert von:
Torsten Junge, Hamburg
E-Mail: tojunge@gmx.net


"Übrigens ist mir alles verhaßt, was mich bloß belehrt, ohne meine Tätigkeit zu vermehren oder unmittelbar zu beleben."
Diese Worte Goethes, mit denen Nietzsche das Vorwort seiner Abhandlung "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ einleitet, treffen wohl auch für so manchen Museumsbesuch zu. Zumindest in denjenigen Institutionen, die einem übertriebenen bildungspädagogischen Ideal der Wissensvermittlung nach dem Schema Sender und Empfänger folgen. Das Museum als Ort der Erinnerung, Speicherung, Präsentation und Weitergabe und die Musealisierung als Prinzip des Bewahrens und Erinnerns sind Elemente historischen Denkens und Erlebens; unabdingbare Bestandteile der Identitätsbildung. So wie sich mittlerweile ganze Wissenschaftszweige mit der Popularisierung von wissenschaftlichen Wissen beschäftigen und das öffentliche Verstehen wissenschaftlicher Inhalte zu einem starken Faktor bei der Legitimation akademischer Forschung geworden ist, genauso hat sich auch die Rolle und Bedeutung des musealen Raumes gewandelt. In Science Centern und aufwendigen Sonderausstellungen stehen Interaktion, Erlebnis und Kommunikation mittels aufwendiger Inszenierung der Inhalte vor der einseitigen Linearität hermetischer Glaskastenpädagogik und wortreicher Belehrsamkeit. Das technologische Fortschreiten der Neuen Medien hat diese Entwicklung sicherlich befördert, jedoch ist der Einsatz von Computertechnologien nicht nur hinsichtlich der Archivierung, sondern auch der Besucherbindung für jedes Museum von Vorteil.

Annette Hünnekens legt mit ihrer nun veröffentlichten Dissertation einen beachtlichen ersten Zugang frei, der zur komplexen Verbindung des Museums als kultureller Raum (nicht nur der Erinnerung) und den Möglichkeiten und Potentialen der Computertechnologie führen soll. Die Fertigstellung der Dissertation im Jahr 2000 erfolgte genau zu der explosiven Hochzeit einer new economy, die nicht nur Informationen in einem mehr oder weniger virtuellen Raum anbot, sondern auch die Existenz des Museums als begehbaren und erfahrbaren Ort entscheidend veränderte. Hünnekens faßt das Museum als einen „Ort der kulturgeschichtlichen Präsentation und Erforschung“, welcher „als Stätte der Bildung des Urteilsvermögens“ auch der Tatsache Rechnung tragen muß, „daß neue Medien aufgrund ihrer Eigenschaft der Konvergenz von Raum und Zeit das Wissen an sich verändern...“ (S. 14) und somit auch das Museum. Dabei sind neben den Chancen, die der Technologieeinsatz in Museen oder umgekehrt die Verlagerung des Museums ins Virtuelle mit sich bringen, nach Ansicht der Verfasserin auch die Risiken eines fortschreitenden Prozesses der Abkoppelung des Technischen von alltagsweltlichen Sinnstiftungen zu beachten. Die Verfasserin diagnostiziert, daß die Versprechen zum Beispiel hinsichtlich eines „Virtuellen Museums“ nicht verwirklicht seien (S. 15).

Ausgehend von der Annahme einer grundlegenden Veränderung des Museums und der Musealisierung durch den Einsatz von Technologie in Richtung „Ausdehnung und Erweiterung“ ist es das Anliegen des Buches, die genannten Veränderungen zu skizzieren. Bei der Lektüre gerät der althergebrachte Begriff des Museums ins Wanken: Virtuelle Galerien, interaktive CD-ROMs und eine nur im Internet vorhandene Netzkunst sind einige wenige Stichworte, die nicht nur die Vorstellung dessen, was der museale Raum eigentlich sei, verändern, sondern auch die Repräsentationsformen und die bewahrten und zur Schau gestellten Kulturgüter als solche. So steht denn auch das „Phänomen der Erweiterung, der Expansion“ (S. 21) des Museums und seiner Räume und daran anschließend auch der des Kunst- und Kulturbegriffes im Mittelpunkt der Untersuchung.

Die Untersuchung beginnt mit einem sehr informativen und einen weiten Bogen spannenden Teil über die Entwicklung und Situation von Museen in der Informationsgesellschaft, in dessen Verlauf die Verfasserin verschiedene „Kulturhistorische Formen musealer Information“ herausarbeitet. Die Schwerpunktsetzung erfolgt hier bei den durch die neuen Technologien ermöglichten neuen „Formen des Erinnerns“ wie die Digitalisierung (S. 31), die nicht nur neue Formen der Archivierung und des Sammelns als Prinzip hervorbringt, sondern auch die zu musealisierenden Objekte verändert. Die Verfasserin fragt des weiteren auch nach der Rolle der haptischen Erfahrung der BesucherInnen hinsichtlich des „informellen Lernens“, welches „sich über unmittelbare, eigene Erprobung und Erfahrung vollzieht“ (S. 35). Hierzu stellt sie fest, daß dieser Anforderungskatalog an alle musealen Ort gestellt werden müßte: Hinsichtlich der Enträumlichung virtueller Museen als ein Beispiel sei hier eine Erleichterung des niedrigschwelligen Zugangs zu vermerken, andererseits seien Museumsbesuche am PC so konzipiert, daß sie nur alleine durchzuführen seien und die „Erlebnisdimensionen“ von anderen, gleichzeitig teilnehmenden Besuchern ausgeblendet bleiben (S. 37).

Unter der Überschrift „Expanded Museum“ entwickelt die Verfasserin drei Formen von Museen unter der Perspektive von Realität und Musealität. Hier wird als erstes das traditionelle Museum genannt, welches mit den Kategorien der Authentizität und Erfahrbarkeit arbeitet. Das virtuelle, digitale Museum erweitere die „Realitätsebenen“ durch den Einsatz der digitalen Technologien. Abschließend führt die Verfasserin das „sog. Netzmuseum“ an, „das aufgrund der Vernetzung oben genannter Museen entsteht und in diesem Punkt auch an die Logik der Mnemotechnik erinnert“ (S. 72).
Das daran anschließende Kapitel „Kulturelles Gedächtnis, kulturelles Erbe und immaterielle Kulturgüter im Medienwandel“ beschäftigt sich mit der Entwicklung, den Veränderungen und Stagnationen kultureller Güter hinsichtlich der „Gedächtnisformen“ (S. 79). Diese reichen von dem individuellen Gedächtnis über ein „öffentliches“ in Form von räumlich gegeben Archiven und Museen bis hin zu den elektronischen Formen im Virtuellen (S. 79). Sehr eindrucksvoll belegt die Verfasserin die Vorläufer heutiger digitaler Museen anhand des italienischen Autors und Sammlers Paolo Giovo, dessen „Museo Giovanii“ nur in Form eines Buches existierte; ein fiktives Museum, welches jeder besuchen konnte, der im Besitz des Buches war (S. 85). Daran anschließend werden sehr ausführlich und anschaulich verschiedene virtuelle Museen beschrieben. Hierbei sind nicht nur Datenplattformen im Internet gemeint, sondern auch Galerien auf CD-ROM oder andere Datenträger. Die meist als virtuell bezeichneten Museen haben überwiegend ein Pendant im Real Life, nach Ansicht der Verfasserin trifft der Begriff des Virtuellen hier nicht unbedingt, denn dazu müßte „ein künstlicher, virtueller Ort geschaffen werden..., um Zusammenhänge, die man sonst nicht museal zeigen könnte, zu inszenieren“ (S. 88). Dieses und andere Merkmale und Kategorien werden anhand von Beispielen herausgearbeitet. Diese neue Form des Museum stellt Ansprüche, die mit den herkömmlichen Konzepten traditioneller Ausstellungspraxis nicht erfüllt werden können: „Im virtuellen Raum verlassen wir das Maß aller Dinge: Raum und Zeit liegen frei gestaltbar vor uns und wir haben die Qual der Wahl, aus der Kulturgeschichte der Gestalten und Gestaltungen das Passende zu finden“ (S. 85). Diese unendlichen Möglichkeiten, die die neuen Technologien offerieren, müssen gerade in Bezug auf die Museumspädagogik besonders berücksichtigt werden: Einerseits können nun Objekte präsentiert werden, die sonst nur sehr schwer darstellbar wären, andererseits sind neue didaktische Konzept notwendig. Hier hätte man sich als Leser schon einmal erste Überlegungen zu einer Didaktik des Virtuellen gewünscht. Auch ist es etwas schwer, der doch teilweise sehr technischen Sprache zu folgen. Abhilfe schafft hier glücklicherweise ein angehängtes Glossar mit den wichtigsten Begriffen von „Agent“ bis „zoomen“.

Der zweite Hauptteil des Buches steht unter der Überschrift „Vernetzte Formen musealer Expansion“. In diesen Abschnitt leiten „Strategien der Vernetzung“ ein. Hierbei geht es nicht mehr um den Einzug der Neuen Medien in die Welt der Museen, sondern vielmehr um künstlerischen Ausdruck mit Hilfe elektronischer Medien. Hier ist festzustellen, daß Netzkunst „nur temporär Eingang“ in die Museen gefunden hat. „Sie gehört somit offenbar noch nicht zum offiziellen Kanon der Kunstgeschichte und steckt hinsichtlich ihrer Vermittlung wie auch ihrer wissenschaftlichen Reflexion bis heute noch in den Kinderschuhen...“ (S. 156). Ein Grund dafür sieht die Verfasserin in den so oft vergessenen Problemen und Bedeutungen, die die Archivierung und Bewahrung von Netzkunst mit sich bringen.
Anhand von Beispielen wie der Ars Electronica oder des Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe (ZKM) werden „wegweisende, konkrete Formen der musealen Vernetzung“ gezeigt, „bei der das Museum zum Center oder Zentrum unterschiedlicher Verknüpfungsarchitekturen mutiert und die Kunst ein Feld ästhetischer Knotenpunkte im elektronischen Raum generiert“ (S.154).
Der Schluß bietet ein umfangreiches, sehr detailliertes Dossier über Projekte weltweit. Hier muß man als Leser sehr aufpassen, den roten Faden nicht zu verlieren oder diesen Abschnitt als Informationstext über einzelne Projekte verwenden.

Abgerundet wird der Band mit einer umfangreichen Bibliographie zum Thema und einem Verzeichnis aller vorgestellten Projekte. Wer sich für die Zukunft des Museums, für die Perspektiven der Präsentation oder auch für die Zukunft interessiert, sollte diesen Band zu Rate ziehen.


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Alle Rechte beim Autor und VL Museen
Dokument erstellt am 5.8.2003