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Rezension / Review

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Kindler, Gudrun (Hg.): MuseumsTheater. Theatrale Inszenierungen in der Ausstellungspraxis. [Dokumentation der Fachtagung "MuseumsTheater", veranstaltet als Jahrestagung vom Bundesverband Museumspädagogik e.V., in Zusammenarbeit mit dem Badischen Landesmuseum Karlsruhe, 21.-24.9.2000, Karlsruhe], Bielefeld: Transcript 2001, 226 S., 55 Abb., kt., EUR 21,80

Rezensiert von
Torsten Junge, Hamburg
Email: tojunge@gmx.net

Museum und Theater sind zwei auf den ersten Blick altertümliche Dinosaurier, denen im Zeitalter multimedialer Präsentationsformen etwas arg Verstaubtes anhaften und nur noch bei einer intellektuellen Schicht ein Leuchten in die Augen zaubert, deren Bedeutung und Möglichkeiten in der Gegenwart allerdings nicht zu unterschätzen sind. Formuliert man es leicht zugespitzt, so hat das Theater längst seinen Bildungs- und Unterhaltungswert gegenüber anderen Medien eingebüßt und wird nur noch in der Dimension des Spektakels wahrgenommen. Dem Museum geht es nicht viel besser, auch hier sind oft nur noch ‚körperweltliche' Grenzüberschreitungen in der Lage, einen Achtungserfolg anhand der Besucherzahlen zu verbuchen. Doch nicht Trauer um die präsentativen Ideale aus dem Zeitalter der humanistischen Bildung ist hier angesagt, sondern die Erkenntnis, dass Inszenierung und Theatralisierung grundlegende Bestandteile jedweder Kultur sind und auch nicht vor den Bollwerken der harten Naturwissenschaften Halt machen.

Das Museum agiert in der Wissensgesellschaft im zunehmend wichtigem Bereich der Wissensvermittlung. Wissen als Ressource zur Lösung gesellschaftlicher Probleme zu begreifen, ist nicht besonders originell, hingegen deren kompetente Repräsentation gerade auch komplexerer Inhalte, wie sie zum Beispiel die Forschung und Entwicklung neuerer Technologien mit sich bringt, ist ein äußerst anspruchsvolles Unterfangen und bietet der Idee des Museums, sich von der Glaskasten- und Vitrinenmentalität zu lösen und als spannungsreiches Instrument der Didaktik sich neu zu formieren. Eine Gratwanderung bleibt es trotzdem: Die Wandlung des Selbstverständnisses des musealen Raumes birgt die Gefahr, sich zu sehr an bestimmte populäre Strömungen der gegenwärtigen Eventkultur aus betriebswirtschaftlichen Gründen anzupassen und somit in der Belanglosigkeit zu versinken.

Vorliegende Publikation entstand im Anschluss der Jahrestagung des Bundesverbandes Museumspädagogik e.V., zu der mehr als 200 Fachleute aus den Sparten Museum und Theater auf Einladung des Badischen Landesmuseums nach Karlsruhe reisten. Gabriele Kindler, Oberkonservatorin des Landesmuseums und Leiterin des Referats Museumspädagogik, sieht in der Vorstellung der didaktischen und künstlerischen Ansätze sowie in der gegenseitigen Informierung über den Einsatz und der damit gemachten Erfahrungen von theatralischen Methoden in Museen und Ausstellungen die Ziele dieser interdisziplinär konzipierten Tagung. Der Band stellt nicht nur die theoretischen Fundamente des ‚MuseumsTheaters' vor, sondern auch, anhand ausgewählter Projekte, die praxisrelevante Erfahrungen aus dem Zusammenspiel von Museum und theatraler Inszenierung.

Die konzeptionelle Gestaltung der Tagung, die eingangs vorgestellt wird, vermittelt eine rundum gelungene und durchdachte Vorgehensweise. So verharrte die Veranstaltung nicht in Einzelvorträgen, sondern bot selbst eine Inszenierung in hervorragender Weise: Experten aus dem In- und Ausland informierten über ihre Projekte, zudem zeugten eine Podiumsdiskussion, Workshops und ein Ideenmarkt davon, wie eine fruchtbare und innovative Tagung aussehen kann. Unterteilt ist der Band in Anlehnung an die Tagung in die Darstellung verschiedener Modelle aus internationaler Sicht, in die Exploration und den Austausch von Erfahrungen anhand verschiedener Workshops und des Ideenmarktes und in die Wiedergabe der Diskussion unter dem Thema "MuseumsTheater an der Schwelle zum 21. Jahrhundert".

Die Modelle, die den hauptsächlichen Teil bilden, umreißen nicht nur die Frage, ob das Theater im Museum als eine eigenständige Kunstform verstanden wird oder ‚nur' als Methode der Didaktik, sondern beschäftigen sich auch damit, inwieweit der Raum des Museums und die Anordnung der Exponate nicht eine eigenständige Bühne adäquat zur Theaterbühne bilden, die jedoch von den Methoden des Theaters profitieren kann. Zwei Beiträge sollen hier kurz hervorgehoben werden: Auf die ungeheuren Potentiale des ‚Crossover', also der Verbindung von Architektur, Licht und Musik bei der Theaterinszenierung, aber auch beim Einsatz musealer Objekte in die theatralische Darstellung verweist der international erfolgreiche Performer und Regisseur Robert Wilson. Sein äußerst zu empfehlender Beitrag bietet nicht nur konzeptionelle Anregungen, sondern erzählt zudem auf wunderbarer Weise Wilsons Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit behinderten Menschen. Der Beitrag von Ursula Hentschel versucht entgegen der negativ belegten Rede von der ‚Theatralisierung des Alltags' die Potentiale des Theaters als Medium ästhetischer Bildung in der Museumspädagogik auszuloten. In der Verbindung von Theaterspiel und deren Rezeption in musealen Orten wird das Museum nicht als eindimensionale, klar strukturierte Symbolwelt wahrgenommen , sondern "als ein Ort, als Raum und Institution befragt [...], in der die Spielenden womöglich ‚andere Räume' entdecken können - Heterotopien im Sinne Foucaults."(55)

Fazit der Tagung und des vorliegenden Bandes ist eine eindeutig positive Auffassung der Verbindung von Museum und Theater. Voraussetzung ist aber, dass beide Räume nicht nur ‚bloße Kooperation' sind, sondern wenn es gelingt, dass sich "das Theater mit dem Museum, das Museum mit dem Theater auseinandersetzt [...] Solch eine Kommunikation zwischen Theater und Museum macht ver-rückte Erfahrungen möglich!"(64)


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Dokument erstellt am 1.3.2002