VL Museen

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Rezension

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Gemmeke, Claudia / John, Hartmut / Krämer, Harald (Hg.):
Euphorie digital? Aspekte der Wissensvermittlung in Kunst, Kultur und Technologie. Tagungsband zur gleichnamigen Veranstaltung des Fortbildungszentrums Abtei Brauweiler / Rheinisches Archiv- und Museumsamt und des Heinz-Nixdorf-MuseumsForums, Paderborn, am 28./29. September 1998. Bielefeld: transcript Verlag 2001, 257 Seiten, kartoniert, DM 42,00 / Euro 21,00

Rezensiert von 
Torsten Junge, Hamburg

Nach Alfred Schütz ist Wissen, genauer gesagt das Alltagswissen, in sich strukturiert und stellt ein System von Konstruktionen ihrer typischen Aspekte dar. Soziale Vermittlung, die Vergesellschaftung und Intersubjektivität von Wissen und die soziale Verteilung von Wissen stellen danach die Grundpfeiler bei der sozialen Konstruktion von Wissen dar. Hinsichtlich des Aspektes der sozialen Vermittlung ist festzuhalten, dass die neuen Informatiostechnologien als Medium zur Repräsentation von Wissen beginnen, andere Repräsentationsformen abzulösen, wie zum Beispiel das Buch oder das Fernsehen. Massenmedien spielen bei der Ausweitung der Popularisierungsstrategien, beginnend im 19. Jh., eine Vorreiterrolle. Audio-visuelle Medien wie das Fernsehen haben bei der Beschaffung und Aneignung von Wissen eine exponierte Rolle inne. Seit den 60er-Jahren ist dieses Medium zur zentralen Informationsquelle über die Wissenschaften geworden. Gegenüber den Printmedien verfügt das Fernsehen über zusätzliche akustische und visuelle Präsentationsmöglichkeiten von wissenschaftlichem Wissen, in denen sich die zunehmende Verbreitung natur- und sozialwissenschaftlichen Wissens in der Gesellschaft niederschlägt. Dabei tragen populärwissenschaftliche Darstellungen auch den gesellschaftlichen Tendenzen Genüge, die mit den Stichworten Ausweitung des Bildungsniveaus, Verbreiterung des natur- und sozialwissenschaftlichen Wissens, Zunahme von gesellschaftlichem Problemdruck und Demokratisierung des Wissenschaftssystems umschrieben werden können.
Der Stellenwert, der den modernen IuK-Technologien bei der Vermittlung von Wissen zukommt, ist längst nicht mehr zu übersehen: „Vor allem im Arbeitsfeld Museum scheinen die digitalen Medien einen neuen Informations- und Kommunikationsstandard zu setzen.“ (9)

Angesichts der Debatten um Biotechnologien und die damit verbundene Diskussionseröffnung zwischen Euphorie und Kritik scheint sich die Rede von der ewigen Wiederkehr (wieder) zu bestätigen. Auch die Diskussionen um die Neuen Medien hatten einen Hype, jedoch sind technische Neuerungen in diesem Feld längst nicht mehr so heiss debattiert, man ist zur Tagesordnung der praktischen Umsetzung übergegangen. Mit dem vorliegenden Tagungsband zeigt sich nun ein erster Eindruck des Versuchs, die Neuen Medien in den Bereich der Wissensvermittlung zu integrieren und ihre Gestaltungsfähigkeit zu nutzen, denn selbstverständlich sind die Informationstechnologien nicht nur beliebig einsetzbare Werkzeuge, sondern sie geben Wissensinhalten eine bestimmte Form und schaffen damit neue Formen des Wissens. Insofern ist die Gliederung des vorliegenden Bandes auch zutreffend. So wird nicht nur eine Bestandsaufnahme mit detaillierten Fallbeschreibungen geliefert, sondern auch die Transformationsprozesse, die Kommunikationsformen werden beleuchtet, und schlussendlich werden Eindrücke über die zukünftige Entwicklung des Einsatzes der neuen Medien beim Wissenserwerb geschildert. Information, Kommunikation, Transformation und Vision lauten die Titel der vier Teile der Publikation, die aus einem dreitägigem Treffen Ende 1998 von Fachleuten und Experten aus Museen, Kunst und Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft hervorgegangen ist. Ausgerichtet wurde das Treffen vom Heinz Nixdorf MuseumsForum und dem Fortbildungszentrum Abtei Brauweiler / Rheinisches Archiv- und Museumsamt.

Den ersten Themenkomplex unter der Überschrift Information leitet Martin Warnke mit einem Beitrag über das neue digitale Monopol ein. Die Buchkultur wird danach mehr und mehr von den digitalen Medien verdrängt. Dies, so ist zu vermuten, wird revolutionäre Umbrüche in der Entstehung und Vermittlung von Wissen mit sich bringen, so wie die Entwicklung und Verbreitung der Medientechnik Buch "Wissenschaften überhaupt erst hervorgebracht [hat], und mit ihnen die Universitäten, die Nationalsprachen, damit auch die Nationen, den Nationalstaat und die Demokratie." (23) Das neu entstehende digitale Monopol unterscheidet sich gegenüber der Buchkultur durch folgende Kennzeichen: Universalität des digitalen Kodes, verlustfreie Reproduktion der Speicherinhalte und Anwendung von ontologischer und operationalisierter Symbolsysteme. Diese Punkte verleihen den Informationstechnologien eine innovative Kraft bei der Vermittlung von Wissen, gleichzeitig jedoch unterliegt das Wissen dem Zwang zur Automatisierung, welcher letztendlich scheitern muss, da Erzeugung und Vermittlung von Wissen nicht automatisierbar ist.

Der Beitrag von Bazon Brock beschäftigt sich mit den Machthabern und Besitzern von Information. Seiner These nach findet sich der Begriff der Information erstmals in der Militärgeschichte: "Er bezeichnete seit dem 17. Jahrhundert das Verhältnis verschiedener Formationen zueinander. [...] In-Formation bedeutete also die Art und Weise, in der man sich in die Formation eingliederte bzw. wie man sich zu ihr verhielt." (81) Im Anschluss daran bezeichnet Brock mit dem Terminus Ästhetische Differenz die Kontingenz bei der Verarbeitung von Informationsdaten. Bestimmte Informationsdaten rufen nicht automatisch ein bestimmtes Verhältnis zu ihnen hervor, ausgenommen vielleicht in Bezug auf mathematische Daten. Vielmehr entwickelt sich die Information erst durch die Position des Betrachters, eine altbekannte Position eines interpretativen Konstruktivismus.

Die sich anschließenden Teile über Kommunikation und Transformation behandeln zum größten Teil Fallbeispiele von gelungenen oder misslungenen Projekten von digitalen Informationstechnologien. Dabei werden die kreativen Potentiale der Neuen Medien beim Wissenserwerb beleuchtet, als Stichworte seien hier die demokratisierenden und kommunikativen Aspekte genannt, die anders als die linearen Strukturen des traditionellen Wissenserwerbs auf spielerische und multifunktionale Aktivitäten der Anwender setzen. Harald Krämer untersucht mehrere multimediale Produkte hinsichtlich des heute so häufig verwendeten Modewortes der Interaktivität. Interaktivität ist dabei nicht gleich Interaktion, bleibt das Agieren des Benutzers in den "gesteuerten Einbahnstrassen" (223) der Logik der Technologie gefangen. In Bezug auf den digitalen Film sind die Interaktionsmöglichkeiten jedoch als "Quantensprung" in der Entwicklung der filmischen Möglichkeiten zu sehen, er biete in Anschluss an Panofskys Theorie "ungeahnte Möglichkeiten, mit der Dynamisierung des Raumes und der Verräumlichung der Zeit zu spielen“. (225)

Den Abschluss des Bandes bildet ein Dialog zwischen Eckhard Siepmann und der fiktiven Wahrsagerin Madame Sosostris. In ihm werden die Merkmale des traditionellen Museums skizziert, die sich in der Arbeitsteiligkeit, Objektfixiertheit und in der positivistischen Auffassung von Wissen ausdrücken. Verabschiedet werden diese zugunsten einer "räumlichen Generierung einer neuen Form von Gedächtnis, Erfahrung und Wissen" (247), in der die Objekte nur noch eine untergeordnete Stellung innerhalb des Wissenserwerb innehaben. Der neue Museumstypus ist durch Dematerialisierung, Multimedialität, Transdisziplinarität und Transformation geprägt, eine Vision, die den performativen Charakter des Museums im Zeitalter digitaler Mediennutzung hervorhebt.

Der Band bietet einen eindrucksvollen Überblick über die Chancen und Potentiale der Nutzung digitaler Techniken bei der Wissensvermittlung und verweist außerdem auf die noch zahlreich existierenden Leerstellen beim Einsatz von Multimedia beim Wissenserwerb.


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Dokument erstellt am 31.7.2001