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Rezension

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Museum of Fine Arts, Houston (Hg.):
Romantiker, Realisten, Revolutionäre. Meisterwerke des 19. Jahrhunderts aus dem Museum der bildenden Künste Leipzig (= Katalog zur Ausstellung Museum der bildenden Künste, Leipzig, 29.6.-20.8.2000 /Museum of Fine Arts, Houston, 22.10.2000-28.1.2001)
München: Prestel 2000, DM 98,- /ÖS 715,- /SFr 91,-

Rezensiert von 
Torsten Junge, Hamburg

Daß die Kunst das Denken der jeweiligen Zeit widerspiegelt und umgekehrt ist nicht besonders originell. Sich bei der Betrachtung von Kunstwerken dies jedoch in Erinnerung zu rufen, ist nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Andere Wissenschaften, die gleichfalls Repräsentationen der sozialen Welt zum Gegenstand haben, haben mittlerweile erkannt, daß die Strukturen der sozialen Welt keine objektiven Gegebenheiten sind, ebensowenig wie intellektuelle und psychologische Kategorien dies sind: Sie allesamt sind geschichtliche Produkte von gesellschaftlichen, politischen und/oder diskursiven Praktiken, in deren Zusammenspiel Repräsentationen entstehen. Auch künstlerische Repräsentationen.
Der Bildband „Romantiker, Realisten, Revolutionäre“ verspricht schon allein durch den Titel, sich des oben genannten Problems in angemessener Weise zu nähern. 

Doch zur Entstehungsgeschichte:
Es wurde eine Premiere. Erstmalig reiste eine Präsentation des Museums der bildenden Künste in die Leipziger Partnerstadt Houston. Das Museum of Fine Arts lud anlässlich seines 100jährigen Bestehens und der Eröffnung eines Erweiterungsbaues zu einer Gastausstellung ein. Ausgewählt zur Reise nach Amerika wurden charakteristische Bilder der Kunst zwischen Klassizismus, Romantik, Realismus und Impressionismus: 69 Gemälde, vier Plastiken, sieben Zeichnungen/Aquarelle und vier Graphiken. Highlights der Ausstellung in Houston sind Werke von Arnold Böcklin, Caspar David Friedrich, Karl Blechen, Lovis Corinth und Max Klinger. Die Bilder stammen aus der Leipziger Sammlung, die zu den ältesten Bürgersammlungen Deutschlands zählt.
Seit März 2000 erstrahlt das ehrwürdige, 100 Jahre alte Museum of Fine Arts in neuem Glanz: Der Erweiterungsbau hat die Ansammlungen von Weltkunst mehr als verdoppelt und bietet nicht nur einen Augenschmaus für architektonisch Geschulte. Die sorgfältige Auswahl der eleganten Baumaterialien, seine Liebe zum Licht und zu den Details kennzeichnen den hochgeschätzten Architekten Rafael Moneo aus Spanien.

Der Band zur Ausstellung vereinigt nun die Exponate in einer ansprechenden Weise: Neben der kommentierten Präsentation der Werke finden sich zudem detaillierte Künstler-Biographien und ein umfangreiches Literaturverzeichnis mit Bibliographien, Monographien, Ausstellungskatalogen, Literatur zu den einzelnen Künstlern und Lexika.
Unter dem Titel Vielfalt der Einheit? - Die deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts im Spiegel der Sammlung des Museums der bildenden Künste Leipzigs stellt Helmut Börsch-Supan die Malerei des 19. Jahrhunderts anspruchsvoll und kenntnisreich dar. Die genealogische Aufarbeitung in der Spannbreite vom absterbenden Barock am Ende des 18. Jahrhunderts bis hin zu der „Vorahnung der politischen Katastrophe, die mit dem ersten Weltkrieg eintrat“ (29), stellt die Werke nicht nur in den zeitlichen Rahmen der organisatorischen Entwicklung bürgerlicher Kunst in Deutschland, sondern verweist des weiteren auf den sozialpolitischen Kontext der Entstehungsgeschichte. So bekommen Namen Gesichter, nicht nur durch das Werk allein, sondern durch eine, teilweise minutiöse Beschreibung der Biographien im Hinblick auf die künstlerische Entwicklung.

Auf den ersten Blick scheint eine gemeinsame und gleichzeitige Darstellung der Meisterwerke des 19.Jahrhunderts nahezu unmöglich. Zu unterschiedlich sind die Stile, die Genres und die sozialen und politischen Bezüge der einzelnen Werke. Zudem gilt, was Börsch-Supan am Anfang seiner Darstellung feststellt:
„Die französische Malerei wurde zum größten Teil in Paris geschaffen, die englische in London. In Deutschland gibt es kein Zentrum dieser Art, weil die vielen Staaten dieses Landes erst 1871 geeinigt wurden.“ (13)
Mit Bedacht ist deshalb auf den Titel hinzuweisen, der nicht nur Leitbilder einzelner Kunstepochen wiedergibt, sondern einen einheitlichen Zugang zur bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts ermöglicht, nämlich im Bezug zum Politischen.
Will man die hier versammelten Künstler in die leicht verwirrenden Kategorien Romantiker, Realisten und Revolutionäre einteilen, so erscheinen letztere sich eindeutig, allein nur durch den Begriff der Revolution in der Sphäre des Politischen zu bewegen.
Doch auch der Frühromantiker Caspar David Friedrich, wohl der populärste Maler des 19. Jahrhunderts, verarbeitet in seinen vermeintlich unverfänglichen Landschaften zu der damaligen Zeit hochbrisante, politische Themen. In seinen Gemälden spiegelt sich die Entwicklung deutscher Geschichte, enthalten sie doch Botschaften, die sich gegen die politische Repression der Vormärzzeit wenden. Und trotzdem scheitern alle Interpretationsversuche an dem Rätselhaften und Hintergründigen seiner an sich klaren und scheinbar einfachen Landschaftsmalereien: zum Beispiel das um 1834 entstandene Werk „Lebensstufen“. Fünf Personen verschiedenen Alters sind am Strand versammelt und beobachten gemeinsam gleichfalls fünf Segelschiffe verschiedenen Typs auf dem Meer. Der Titel ruft nahe Assoziationen zur Fahrt ins Leben hervor. Jedes der fünf Schiffe ist einer der fünf Personen am Ufer zugeordnet, von den Kindern, dem jungen Mädchen, dem erwachsenen Mann bis hin zum Greis, in dem sich der Maler wohl selbst darstellte. Wie die meisten von Friedrichs Bildern, arbeitet der Künstler mit einer Vielzahl von Symbolen: „Ein umgedrehtes Boot, was auf den Felsen liegt, ist von Friedrich oft verwendetes Sinnbild für einen Sarg ... das kreuzförmige Gestell ... ein Symbol der Dreieinigkeit.“ (76)

Doch es wäre verkürzt, die Symbolik Friedrichs nur auf den religiösen Aspekt zu beschränken. Politisch stand Friedrich in der Tradition, die vom Aufbruch der Freiheitskriege gegen Napoleon zu den demokratischen Idealen der Revolution 1848 führte, die Friedrich selbst nicht mehr miterlebte.

Die Kleidung des alten Mannes, Radmantel und Barett, kennzeichnet ihn als Anhänger der verfolgten „Demagogen“, der demokratisch gesinnten Kräfte. Auch die schwedische Fahne in den Händen der Kinder gilt als Zeichen und Hoffnungsschimmer, als Symbol der Freiheit in den von Zensur und Spitzelwesen geprägten Staaten des Deutschen Bundes.
Die Interpretationen ließen sich fortführen. Von den Strömungen der Romantik, die sich in scharfer Auseinandersetzung mit der Spätaufklärung entweder vaterländisch-historisch bzw. national oder katholisch-mysthisch orientierte, bis hin zu den Realisten, die durch ihre Form der künstlerischen Darstellung auf geistige Erneuerung und soziale Veränderungen drängten. Romantisierende Darstellungen wurden verabschiedet, erstarrte Moralvorstellungen und politische Reaktion bekämpft. Am Ende des 19. Jahrhunderts stehen die Wegbereiter der Moderne, wie Max Liebermann, der für seine Arbeiten die Ungunst Kaiser Wilhelm II. in Kauf nahm. So finden sich in diesem Band eine Vielzahl vermeintlich unpolitischer Maler, „die sich“, wie Börsch-Supan schreibt, „durchdrungen von ihrer Pflicht, die Gesellschaft zu bilden, über solche Risiken hinwegsetzen und unbeirrt ihren Weg gingen. Sie besitzen heute eine Aura des geradezu Heroischen.“ (16)

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Wahrhaftig ist das Buch ein grundlegendes Werk der Malerei des 19. Jahrhunderts in Deutschland.


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