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Rezension

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Heaven Doreet LeVitte Harten (Hg.):
HEAVEN
(=Katalog zur Ausstellung Kunsthalle Düsseldorf, 30.7.-17.10.1999, und Tate Gallery, Liverpool, 11.12.1999-)27.2.2000)
Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz 1999, 256 S., 126 Abb., davon 112 farbig, broschiert

Rezensiert von
Torsten Junge, Hamburg

Wenn man heute nach Stichworten zur Beschreibung der kultureller Phänomene der westlichen Industriestaaten fragt, so taucht selten das Wort Religiösität auf, ausser vielleicht noch in den Angstszenarien der westlichen Nationen vor fundamental-religiösen Strömungen. Vielmehr erinnern die, meist negativ konnotierten Beschreibungsszenarien wie „Fitnesswahn, Schönheitschirurgie und Schlankheitsdiäten", „die ekstatischen Massen der Raver", Körperverachtung und -exessive Selbstperformance an Verfehlungen. Verfehlungen des Menschen, gegenüber einem vermeintlich Wahren, vielleicht rein Sakralen, das im Prozess der Säkularisierung zugunsten der Originalität des Spektakels aufgegeben wurde.

Hier setzt die Ausstellung „Heaven", gezeigt in Düsseldorf und Liverpool, an. Jedoch nicht in der Verurteilung populärer Kulturphänomene und auch nicht in der Rückbesinnung auf eine vermeintlich wahrhaftigere, „höhere" Form der Kultur, so Doreet LeVitte Harten in ihrer überzeugenden Einleitung. Vielmehr ist die Ausstellung als ein Angebot künstlerischer Ausdrucksform zu verstehen, nach den gegenwärtigen Inhalten von dem zu suchen, was Religiösität und religiöse Gefühle bedeuten können. Es geht um die Transformationsprozesse der Säkularisierung, die das Religiöse und Erhabene neu zu definieren scheinen.
Wo ist in der Gesellschaft des Spektakels das Erhabene zu finden, wo scheint es durch, und wo ist es denn sogar vielleicht das Fundament für die spektakulären Selbstinszenierungen des Individuums der Jahrtausendwende?

Der Ausstellungskatalog von „Heaven" stellt eine Auswahl der Werke der 35 partizipierenden Künstler und Künstlerinnen vor. Dabei stellen die Begleittexte wichtige Hintergrundinformationen bereit, die eine weitergehende Rezeption ermöglichen. Dabei fällt auf, dass der eigenständigen Verarbeitung des Gesehenen durch den Leser viel Raum gelassen wird und nicht einer vollständigen Interpretation unterliegt. Biographische Details und kurze Ausstellungsverzeichnisse bieten eine sinnvolle Ergänzung. Ist man versucht, die Arbeiten auf einen einheitlichen Grundtenor zurückzuführen, scheitert man hoffnungslos. Eine breite Facette unterschiedlichster Thematiken spiegelt sich in den Werken der Gegenwartskünstler wider. Gemeinsam ist ihnen jedoch der Versuch, nach den Darstellungsformen des Erhabenen in Zeiten zu fragen, in denen das Präfix „Post" zur Beschreibungsmodalität schlechthin geworden ist. Jedoch begehen sie nicht den verhängnisvollen Fehler, sich der moralisierenden Version der Säkularisierungsthese anzuschliessen und den Untergang des Heiligen in der (post-)industriellen Gesellschaft zu proklamieren. Denn Säkularisierung bedeutet eben nicht Abfall von der Religion schlechthin und vom christlichen Glauben speziell. Während die Geisteswissenschaften noch in den Startlöchern verharren, ist den hier versammelten Künstlern das Unternehmen gelungen, einen ersten, überzeugenden Schritt zur Klärung der Frage zu leisten, welche Rolle dem Religiösen denn in einer Gesellschaft zugestanden wird, „in einer von Moden und Märkten geprägten, einer mediengesättigten, vernetzungssüchtigen, nicht einem traditionellen Wahrheits- oder Realitätsbegriff verpflichteten, sondern dem ‚Spektakel‘ verfallenen Gesellschaft." Eine verquere Ausfassung des Religiösen als absolutes normatives Wertesystem, zum Beispiel die Gleichsetzung von Kirche und Glauben, kann dazu verführen, einen erneuten Untergang des Abendlandes zu proklamieren. Hier ist es Anspruch der Ausstellung festzustellen, dass die Menschen religiöse Wesen sind und bleiben, „auch in säkularisierten Zeiten, auch dann noch, wenn sie sich als Atheisten bezeichnen", so Harten.

Die ästhetische Bearbeitung der Transformation des Göttlichen in die profane Welt des Alltagslebens zeigt auf spektakuläre Weise die eigentlich des Sakralen unverdächtigen Orte auf, in denen das Heilige eine bestimmende Dimension einnimmt. So erfahren wir durch die Arbeiten der Künstler und Künstlerinnen die verschiedenen Ebenen von Religiösität, die unser Leben täglich durchdringen. Es seien hier nur exemplarisch einige Arbeiten genannt, zu groß ist die Spannbreite der künstlerischen Auseinandersetzung. Olga Tobreluts montiert per Computer die Gesichter aus dem Showbiz der Gegenwart in religiöse Abbildungen der klassischen Ikonenmalerei. So ist die Darstellung des Hl. Sebastians mit den Gesichtszügen Leonardo di Caprios die perfekte Simulation der Wesenszüge des Heiligen. Ihre Arbeiten parodieren die Erschaffung neuer Heiligtümer, in dem sie überspitzt den Mechanismus der warenästhetischen Heiligsprechung aufzeigt, nämlich die Verknüpfung kultureller Symbole der westlichen Welt mit älteren traditionell religiösen Motiven.

Der Körper und Imaginationen von Körper stehen im Mittelpunkt vieler Arbeiten. So auch bei der französischen Künstlerin Orlan, die ihren eigenen fleischlichen Körper als Kostüm begreift, der jederzeit verändert werden kann. Chirurgische Transformation, die längst nicht nur gegen die Vorstellung des menschlichen Körpers als Ebenbild Gottes rebelliert, sondern durch die Übertragung der ästhetischen Ideale männlicher Künstler der letzen Jahrhunderte auf die Machtmechanismen moderner Körperpolitik verweist. In Anneke in´t Velds photographischen Arbeiten stehen Personen im Mittelpunkt, deren Bestreben in der Perfektionierung und Beherrschung des eigenen Körpers liegt. Velds Motive sind Bodybuilder und -builderinnen, Transvestiten und Transsexuelle, denen das Moment der Selbstschöpfung und Selbsterschaffung über die Veränderung des Körpers eigen ist. Fragen nach dem Authentischen, nach dem wahren Geschlecht beispielsweise, sind fehl am Platz, sind doch die Inszenierungen der Transvestiten konstitutives Element ihrer Selbstwahrnehmung und identitätsbildend.

Fünf Essays runden den Ausstellungskatalog inhaltsreich ab. Texte, die allesamt im Interim zwischen Philosophie, Kunstgeschichte und Soziologie angesiedelt sind. Unterschiedlicher Coleur, greifen sie Stichpunkte aus dem breiten Spektrum auf, welches sich zwischen Kunst und Religion auftut. Jean-Luc Nancy fragt nach dem religiösen Gehalt von Bildern, nach dem ganz Besonderen, nach dem Heiligen in der Interaktion zwischen Bild und Betrachter. Jan Koenet stellt in seiner Definition von Religion als Verbundenheit mit einem größeren und höheren Ganzen den sakralen Gehalt der Rockkultur heraus. Mehr als bloße Musik ist sie Projektionsfläche der eigenen Wunschträume, sind ihre Akteure mythische, übermenschliche Gestalten. Wendy McDaris, ein letztes Beispiel, hebt auf den androgynen Charakter des Heiligen und Erhabenen ab. Androgynie verwischt die Identität definierenden Grenzen. Die Demarkationslinien eindeutiger persönlicher, sexueller, kultureller oder religiöser Identität weichen in der androgynen Präsentation auf und schaffen Raum, Raum für die Ausbildung eines eigenen, authentischeren Selbst.

Das Fazit über den Austellungskatalog fällt durchweg positiv aus, ein Buch, welches nicht nur einen informativen Stand über aktuelle Gegenwartskunst bietet, sondern auch durch seinen inhaltliche Konzeption eine Fülle von Anregungen zum Nach- und Weiterdenken, Improvisieren und Grenzen überschreiten bietet. Und zuletzt eignet sich der Katalog durch seine konzeptionelle Aufmachung zudem wunderbar als Schmöker- und Blätterbuch.


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