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Rezension / Review

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Martina Sitt (Hg.): Carl Friedrich Lessing - Romantiker und Rebell. Katalog zur Ausstellung Kunstmuseum Düsseldorf; 14. Mai - 30. Juli 2000, und Landesmuseum Oldenburg Augusteum, 24. August - 22. Oktober 2000. Bremen: Donat 2000, 176 Seiten, EUR (D) 25,- /EUR (A) 25,80 /SFr 44,50

Rezensiert von 
Dr. Cordula Grewe, German Historical Institute, Washington D.C. 
Email: cgrewe@ghi-dc.org

Krachend entladen sich die Musketen, eine Spur feinen Rauchs hinterlassend, der wie ein grauer Schleier über den Kämpfenden hängt. Dahinter, von steilem Felsen aufragend, erleuchten trutzige Burgen im lodernden Schein der Flammen. Verzerrt von der feurigen Glut verwandeln sie sich in leere Hüllen, an denen später vorbeiziehende Truppen auf ihrem todbringenden Marsch für kurze Zeit rasten werden. Als einsame Zeugen vergangener Herrlichkeit erscheinen die verbrannten Burgen als Mahnmäler der Gewalt, deren dunkle Botschaft das Pittoreske der Ruinen mit Schauer durchsetzt. Was bleibt, ist allein die kalte Totenruhe verwaister Klosterruinen. Wir befinden uns in Deutschland im Dreissigjährigen Krieg.

Doch nicht nur in diesen Landschaften des 17. Jahrhunderts begegnen wir der zerstörerischen Kraft religiösen Hasses, angefeuert durch die skrupellose Gier nach politischer Macht. Sie begegnet uns auch in der Lebensgeschichte von Johann Hus, jenes böhmischen Reformers des 15. Jahrhunderts, dessen Streben nach spiritueller Erneuerung in einem qualvollen Tod auf dem Scheiterhaufen enden sollte. Reisen wir noch weiter zurück in die Vergangenheit, so erblicken wir die Heere der Kreuzfahrer; doch vergeblich suchen wir nach den edlen Rittern, den kühnen Helden. Statt dessen ziehen an uns gebrochene und geschlagene Kämpen vorbei, die nicht das Himmelreich erobert, sondern ihr eigenes Leben in einem sinnlosen Feldzug vergeudet haben. Am Ende bleibt eine namenlose Trauer, ein melancholisches Versunkensein, das wie der Schmerz des "Trauernden Königspaars" (1830) letztendlich ein Trauern über das Weltgeschehen als solches ist.

Dies ist der Blick auf die Vergangenheit, wie ihn uns Carl Friedrich Lessing (1808-1880) in seinem reichen malerischen wie graphischen Oeuvre präsentiert. Stil und Themenwahl liessen Lessing zu einem der wichtigsten Vertreter der Spätromantik aufsteigen, und dennoch wird mancher Leser zweifellos bei diesem Namen stutzen, denn der Ruhm dieses Künstlers, der zu den bedeutendsten Historienmalern des Vormärz zählte, ist seitdem verblasst. Darin teilte er das Schicksal jener künstlerischen Schulen, in denen sein Werk letztlich wurzelte: der Nazarener sowie der Düsseldorfer Malerschule. Heutzutage ist sein Werk nur wenigen bekannt und wird von noch wenigeren geschätzt. Dass das Verblassen von Lessings Ruhm nur bedingt gerechtfertigt ist, hat die im Jahr 2000 stattgefundene Ausstellung vor Augen geführt, deren Ergebnisse der hier vorliegende Katalog zusammenfasst.

Lessing begann seine Ausbildung 1822 zunächst an der Berliner Bauakademie, wechselte aber rasch zur Malerei und folgte schliesslich 1826 dem Berliner Maler Wilhelm von Schadow (1788-1862) nach Düsseldorf. Obwohl es zu Differenzen zwischen Lessing und Schadow kam, verblieb Lessing gut 30 Jahre in der Rheinischen Metropole, wo er zu einem der führenden Vertreter der sich dort formierenden "Düsseldorfer Malerschule" wurde. 1858 erfolgte die Ernennung zum Direktor der Grossherzoglichen Gemäldegalerie in Karlsruhe, wo er 1880 verstarb.

Lessings durchaus kontrovers diskutiertes Werk zeichnet sich durch einen scharfen historischen Blick aus, der uns das Vergangene als einen Spiegel der eigenen Gegenwart vorhält. Ein solcher politischer Blick ist notwendigerweise politisch. Und so kommentierte und kritisierte Lessing in seinen Gemälden eines der brennenden politischen Probleme seiner Zeit: das Verhältnis von Staat und Religion sowie von Katholizismus und Protestantismus. Lessing formulierte die von ihm meisterhaft beherrschte Mischung aus Historischem und Zeitgenössischem in einem Stil, der, seinem narrativen Ansatz entsprechend, das Ideale mit der realistischen Naturstudie und dem Modelstudium kongenial verschmilzt. Zur Vorbereitung seiner Historien- wie Landschaftsgemälde fertigte Lessing zahlreiche Studien an, die sein lebhaftes Interesse an historischem Detail sowie geologischen Formationen belegen. Dabei betrachtete der Maler auch die Landschaft von einem historischen Gesichtspunkt aus, indem er die Naturbeschreibung als Naturgeschichte und in dieser Funktion als historischen Ort menschlicher Geschichte auffasste.

Das in Lessings „historischen Landschaften“ aufleuchtende Interesse an dem Zusammenspiel von innerer Struktur und Erscheinung prägte auch den Zugang des Malers zum Studium des Menschen, auf dessen Psychologie und Physiognomie er sich konzentrierte. In einigen seiner berühmtesten Gemälden, wie dem "Trauernden Königspaar" (1830) oder "Johann Hus auf dem Konstanzer Konzil" (1842), ersetzt denn auch eine intensive Beschreibung des emotionalen Zustands der Protagonisten die eigentliche Handlung. Parallel zu seinen "historischen Landschaften" entwickelte Lessing somit ein "historisches Genre", das die traditionell dem Historienbild untergeordnete Gattungen der Landschaft und des Genre in den Rang eines Geschichtsbildes erhoben. Diese neue Auffassung von Geschichte, die das Psychologische über die historische Tat erhob, löste ebenso heftige Kritik wie überschwengliches Lob aus. In Politik wie Kunst erwies sich Lessing somit in der Tat als "Romantiker und Rebell".

Die Ausstellung „Carl Friedrich Lessing: Romantiker und Rebell“ bot eine ebenso seltene wie lohnende Gelegenheit, sich mit dem Oeuvre Lessings intensiv und umfassend zu beschäftigen. Die Ausstellung ist hervorragend dokumentiert in einem schmalen, aber reich bebilderten Katalog, dessen hochwertige Farbabbildungen den Katalog zu einer primären Bildquelle für all jene machen, die sich mit der Malerei der deutschen Romantik beschäftigen. Der ausgiebige Bildteil, der ungefähr ein Drittel des Katalogs einnimmt, wird von acht kurzgehaltenen, stimulierenden Katalogbeiträgen gerahmt, die einen ersten Zugang zu dem stilistisch wie inhaltlich reichen Material liefern. Die Aufsätze werden durch eine Biographie Lessings, biographische Aufsätze zu seinen Freunden, ein Verzeichnis der ausgestellten Werke in chronologischer Reihenfolge sowie eine Bibliographie ergänzt. Allerdings verzichtet der Katalog auf eine ausführliche Kommentierung der einzelnen Werke, die durch zeitgenössische Zitate ersetzt werden; dies ist angesichts der Inhaltsschwere von Lessings historischen Bezügen bedauerlich, da es den Leser häufig mit mehr Fragen als Antworten allein lässt. Zugleich weckt diese Lücke aber auch die Neugierde, mehr über das Dargestellte wissen zu wollen. Und das ist schliesslich eine der wichtigsten Funktionen, die Ausstellungen und den diese begleitenden Katalogen zukommt.


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Dokument erstellt am 2.2.2002